Dass die Schweizer Nationalmannschaft das Finalspiel gegen Finnland in der Verlängerung verlor und damit die Goldmedaille zum dritten Mal in Folge verpasste, war einfach Pech. Sagen die einen. Andere führen das Scheitern auf den hohen Erwartungsdruck zurück, die WM im eigenen Land zu gewinnen. Aber den wirklichen Grund für die erneute und diesmal besonders schmerzhafte Niederlage nennt niemand.
Der wirkliche Grund ist ein Gefühl. Eine Ahnung, was die Wege des Lebens betrifft. Denn wir kennen die Vorgeschichte. Sie begann vor vier Jahren, während Corona, als Patrick Fischer, der Trainer der Nationalmannschaft, mit einem gefälschten Impfzertifikat an die Olympischen Winterspiele in China reiste. Er hatte sich gegen die Impfung entschieden, musste und wollte aber sein Team begleiten. Ein Jahr später fiel den Behörden eine Liste mit Adressaten gefälschter Zertifikate in die Hände. Auch Patrick Fischers Name stand auf der Liste. Darauf wurde er im Kanton Luzern, wo er wohnt, wegen Urkundenfälschung zu einer Geldstrafe von 38'910 Franken verurteilt. Er bezahlte die Strafe.

Einen knappen Monat nun vor der Eishockey-WM, die in der Schweiz stattfand, produzierte das Schweizer Staatsfernsehen ein Porträt des Nationaltrainers. An einem Mittagessen verriet Fischer den Machern des Porträts die Geschichte seiner Zertifikatsfälschung.
Bild: «Weisst du, was die Lakota sagen? Der Wind hat nicht das Ziel, dich umzubringen. Er will dich nur stärker machen.» Patrick Fischer (Netzfund)
Der Trainer dachte keinen Moment daran, die Fernsehleute könnten sein Bekenntnis im lockeren Plauderton zu einer Story missbrauchen.
Doch genau das geschah. Der Mainstream stürzte sich auf das gefundene Fressen, und der Hockeyverband hielt dem Druck der Sponsoren und Medien nicht lange stand. Patrick Fischer wurde mitten in den letzten Vorbereitungen zur WM per Telefon mit sofortiger Wirkung entlassen.
Der Trainer war aber kein gerade erst eingekaufter Import aus dem Ausland. Er trainierte das Nationalteam schon seit zehn Jahren, und kein anderer Coach der Nati war je so erfolgreich gewesen wie er. Der ehemalige Hockeyspieler des EV Zug, der auf über 180 Länderspiele zurückblicken konnte, hatte die Mannschaft in seiner Trainerzeit dreimal bis in den WM-Final geführt, die letzten zwei Jahre sogar hintereinander, und die Schweiz hatte sich in diesen zehn Jahren vom 8. auf den 2. Platz der Weltrangliste emporgespielt.
Mit der diesjährigen Heim-WM hätte sich Fischer gewünscht, seine Arbeit mit dem Weltmeistertitel für seine Mannschaft krönen zu können – bevor er dann ohnehin abtreten wollte. Doch die Kündigung über Nacht machte alles zunichte. Patrick Fischer zog sich bestürzt und verwundet zurück – und schwieg. Seine Entlassung kommentierte er nicht.
Dafür kommentierte der Mainstream das Geschehene um so eifriger. Aber nicht wohlwollend. Fischers Bekenntnisdrang an jenem Mittagessen wurde mit bedauerndem Kopfschütteln registriert. Auf das gefälschte Covid-Zertifikat wurde noch einmal die ganze moralische Jauche der Pandemiezeit gekippt. Der Trainer habe nicht nur Urkundenfälschung begangen, sondern die Öffentlichkeit auch im Glauben gelassen, er sei geimpft. Er habe als Vorbild versagt. Man habe in ihn kein Vertrauen mehr. Fischers Entlassung wurde demzufolge als unerlässlich und konsequent erachtet.
Zu seinen Gunsten wurde lediglich angeführt, er habe seine Strafe bereits bekommen und auch bezahlt. Ihn gleich zu entlassen, fanden einige Kommentatoren, sei deshalb zu hart. Aber sie blieben einsame Rufer.
Die grösste Unterstützung für Fischer kam aus dem Lager der Fans. Eine Petition, die seine Wiedereinstellung forderte, erreichte innert weniger Tage die unmissverständliche Zahl von 247 000 Unterschriften. Sie wurde vom Hockeyverband nicht einmal kommentiert und hatte null Wirkung. Weil die Medien und der Verband Fischer fallengelassen hatten, verebbte der Protest relativ bald. Bereits wurde dafür plädiert – wie nach Corona –, das Geschehene zu vergessen, nach vorne zu schauen und sich auf die WM zu freuen.
Dann wurde es still um Fischer.
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Nur ein einziges unübersehbares «Danke Fischi» in der Zone der Fans erinnerte an den Geächteten.(Screenshot)
Vom ersten Tag an vermisste ich eine Stimme. Die Stimme der Mannschaft. Die Stimmen der Spieler. Von den plötzlichen Schlagzeilen um Patrick Fischer waren sie genau so überrascht wie die ganze Öffentlichkeit. Und die postwendend folgende Nachricht von seiner Entlassung, so kurz vor der WM. muss im Team wie ein Meteoriteneinschlag gewirkt haben. Auch gestandene junge Männer können erschüttert sein. Und ich stelle mir vor, dass die Spieler im ersten Moment ausnahmslos alle entschlossen waren, ihrer Empörung Luft zu verschaffen und die Rücknahme der Entlassung zu fordern.
Denn Patrick Fischer war mehr als nur ein Trainer für sie. In den über zehn Jahren seiner Zusammenarbeit mit ihnen war ein Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Mannschaft gewachsen, von dem gesagt wird, dass es freundschaftlich und sogar familiär war. Die Erfolge des Nationalteams - nach Jahrzehnten der B-Klassigkeit - waren zu einem grossen Teil dem Teamspirit zu verdanken, den Fischer mit seinen Spielern verwirklichte. Ohne ihn hätte die Mannschaft nicht diese beeindruckende Konstanz und Stärke erreicht, die sie an den Weltmeisterschaften der letzten Jahre bewiesen hat. Um so grösser war die Loyalität der Spieler zu ihrem Coach.
Aber noch bevor sie sich solidarisch hinter Fischer hätten versammeln können, folgte der Maulkorb. Der Eishockeyverband untersagte den Spielern, sich an die Medien zu wenden. Und damit begann das Einknicken. Denn sie hielten sich daran. Sie schluckten ihre Empörung, die sie nicht äussern durften, hinunter.
Die Rebellion einer ganzen Mannschaft hätte der Hockeyverband nicht verhindern können. Die Spitzenspieler wussten um ihre Kostbarkeit für die Schweiz. Ihr Aufstand hätte nicht ignoriert werden können. Eine Drohung von ihrer Seite, die WM zu boykottieren, wenn Fischer nicht wieder eingestellt würde, hätte Wirkung gehabt.
Aber sie blieben stumm. Sie schwiegen auch dann noch, als die Interviewsperre gelockert wurde. Da war die erste, spontane Empörung bereits verpufft, und die Mannschaft folgte dem allgemeinen Konsens, den Blick nach vorne zu richten und die ganze Kraft der beginnenden WM zu schenken.
Erschwerend kam sicher hinzu, dass sich das Team in den ersten Wochen nach Fischers Entlassung noch nicht im gemeinsamen Trainingslager befand. Die in der amerikanischen National Hockey League verpflichteten Spieler weilten immer noch in Amerika. Die Kommunikation beschränkte sich zwangsläufig auf gemeinsame Chats. Eine Teamversammlung im gleichen Raum gab es nicht. Bis zu einem gewissen Grad waren deshalb die Übersee-Spieler mit ihren Gedanken allein.
Auch Roman Josi, der Captain der Nati, der seit vielen Jahren für die «Nashville Predators» im Einsatz ist, war in Nashville mit seinen Gedanken auf sich gestellt. Er entschloss sich zu einem Schreiben an den Verband mit der Forderung nach der Rückkehr von Fischer. Offenbar aber gelang es ihm nicht, alle seine Teamkameraden dafür zu gewinnen. Deshalb schrieb er den Brief im Alleingang.
«Meine Enttäuschung war gross», erzählte er später im «Blick». «Deshalb war für mich klar, dass ich mich solidarisch hinter Fischi stelle. Er hätte das Gleiche für mich und für uns als Team getan.» Und er fügte hinzu: «Wir haben mit ihm etwas Cooles aufgebaut und durften viel Schönes mit ihm erleben.»
Auch Josis Worte zeugen davon, wie wichtig und wie beliebt Patrick Fischer bei seinem Team war. Weil der Brief aber nicht als kollektive Aktion zustande kam, musste der Hockeyverband nicht darauf eingehen. Und so blieb auch der Vorstoss des Captains ohne Wirkung.
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Der Fokus der Öffentlichkeit lag nun ganz auf der WM. Man freute sich über den Siegeszug, den die Nati in sämtlichen Spielen aufs Eis legte – und der Jubel war gross, als Josi, Hischier, Genoni und Co. zum dritten Mal in Folge in den Final einzogen.
Von Patrick Fischer, dessen jahrelange Aufbauarbeit den Grundstein zum Triumphzug der Schweiz gelegt hatte, sprach niemand mehr. Weder die Medien noch die Kommentatoren im Fernsehen, weder die Mannschaft noch der Verband. Abgesehen von seltenen Nebensätzen am Rande wurde der verdienstvolle Trainer ganz nach der Art stalinistischer Geschichtsklitterung ausgeblendet und totgeschwiegen.
Auch am Finalspiel selbst blieb er der einsame Abwesende. Eine persönliche Einladung vom Verband erhielt er mit Sicherheit nicht. Denn die Standing Ovation, die Patrick Fischer bei seinem Erscheinen von sämtlichen Stadionrängen erhalten hätte, wollten sich die Verbandsoffiziellen nicht zumuten. Fischer wäre auch gar nicht gekommen - was nur verständlich ist. Wo er sich während des Endspiels befand, wurde öffentlich nicht bekannt. Das entscheidende Spiel im Fernsehen zu sehen und nicht bei der Mannschaft zu sein, war für ihn sicher bitter. Und es fühlte sich bestimmt umso bitterer an, weil von der Mannschaft - seiner Mannschaft, während zehn Jahren - selbst zu Beginn des Finals keine Würdigung kam. Kein überraschend entrollter Schriftzug, kein Zeichen der Ehrerbietung und Dankbarkeit.
Nur ein einziges unübersehbares «Danke Fischi» in der Zone der Fans erinnerte an den Geächteten. Einige Zuschauer trugen T-Shirts, auf denen ganz einfach «Fischer» stand, und einige Schilder sagten Fischer ebenfalls Danke. Aber die Fernsehkameras wanderten weiter, und die Kommentatoren hüteten sich, den Ungeist Fischers heraufzubeschwören.
Dann spielte die Schweiz gegen Finnland um Gold, und alle im Stadion, alle zuhause am Bildschirm hofften und glaubten und waren ganz sicher, dass unsere Nati das Trauma der Silbermedaille diesmal, im dritten Anlauf, souverän überwinden würde. Alle warteten mit angehaltenem Atem auf den ersten Weltmeistertitel im Eishockey für die Schweiz.
Auch die Mannschaft glaubte daran. Sie glaubte auch dann noch daran, als sie erkennen musste, wie ebenbürtig die Finnen waren – dieselben Finnen, die ein paar Tage vorher im Vorrundenspiel besiegt worden waren. Die Mannschaft glaubte an ihren Sieg bis zur 11. Minute in der Verlängerung.
Der Schuss des Finnen Helenius zerstörte den Traum von der Goldmedaille. Finnland wurde Weltmeister.
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Auch ich hatte nach vorn geschaut. Auch ich hatte versucht, das Unrecht, das Patrick Fischer angetan worden war, zu vergessen und mich an den Siegen der Schweizer zu freuen. Es war mir gelungen. Die Begeisterung hatte mich mitgerissen, und ich fieberte im Final, wie die ganze Nation, um den Titel.
Das brutale Aus für die Schweiz war ein Schock auch für mich. Ernüchterung kroch in mir hoch. Die Nationalhymne wollte ich gar nicht mehr hören. Ich schaltete den Fernseher aus.
Dann dachte ich nach. Der brennende Schriftzug von Patrick Fischer stand sofort wieder vor mir. Und das Versagen von Sportlern, die vergessen, dass sie auch Menschen sind. Sie reagierten als Sportler. Sie erkannten nicht, worauf es manchmal im Leben ankommt. Deshalb durften sie nicht gewinnen. Deshalb verlor die Schweiz gegen Finnland.

«Die Nationalhymne wollte ich gar nicht mehr hören.» (Screenshot)