Die Flamme der Menschlichkeit schützen …
Wie Kunst uns in Umbruchzeiten stärken kann. Ein Gespräch mit Konstantin Adamopoulos
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Konstantin Adamopoulos. Foto: zVg

Konstantin Adamopoulos (65) hat Philosophie (u.a. bei Jürgen Habermas in Frankfurt) und Kunstgeschichte studiert und sich daraus zum Kunstkurator entwickelt. Er verantwortet seit 2005 das Stipendienprogramm des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e.V.. Ausserdem engagiert er sich für die Vermittlung zwischen Unternehmen und Kunst und leitet Workshops für Künstler und Fachkräfte aus der Wirtschaft an Hochschulen und Universitäten. Die Rolle und Wirkung der Kunst in der Gesellschaft ist eines seiner Hauptthemen. Im Gespräch mit Christine Born zeigt er auf, welche Chancen uns die Kunst in Umbruchzeiten bieten kann.

Zeitpunkt: Erleben Sie momentan einen gesellschaftlichen Umbruch?

Konstantin Adamopoulos: Mein Interesse für gesellschaftspolitische Zusammenhänge hat sich während der Corona-Zeit noch einmal sehr erhöht. Die soziale Spaltung, die teilweise mitten durch Familien und Freundschaften ging, hat mich betroffen gemacht. Oft war nur noch ein schmaler Meinungskorridor offen und die «Lager» hörten auf, miteinander zu reden. Das ist nie hilfreich. Leider hat sich daran bis heute wenig geändert. Im Gegenteil: Ob es Israel-Palästina, Russland-Ukraine oder Trumps Politik sind, meist gibt es unversöhnliche Lager, die nicht bereit sind, sich in die Perspektive der jeweils anderen hinein zu versetzen. In meinen Kursen und Ringgesprächen versuche ich daher bewusst, Ideen und Begriffe neu zu gewichten, Lebendigkeit, Liebe und Vielfalt Raum zu geben.

Sie sprechen von Umbruch – ist das für Künstler etwas Bedrohliches oder eher ein natürlicher Zustand?

Im Grunde ist «Umbruch» für Kunstschaffende und philosophische Menschen der Stoff, aus dem ihre Gedanken und Werke sind. Unsere individuellen und sozialen Bedürfnisse sind immer wieder im Umbruch. Wir sind zyklische Wesen, das ist eine Grundbedingung unseres Lebens. - Mein grösstes Bedürfnis – und das geht sicher vielen so – ist die Freiheit. Ich will nicht gegängelt und in einen Überbietungskampf der «Fakten»gejagt werden. Ich möchte eine Dynamik mit mir selbst erleben, also lebendig und spontan sein. Für Freiheit ist Frieden eine elementare Voraussetzung. Dazu muss für mich ein Miteinander unterschiedlicher Lebensweisen und Meinungen geradezu eingeladen sein. Diversität unterstützt die Lebendigkeit.

Woher nehmen Sie in solchen unsicheren Zeiten Orientierung und Halt?

Ich kann als Mensch Sinnhaftigkeit erleben, Sinnvolles erkennen und mit Absurdem oder Unhaltbarem sinnvoll umgehen, wenn ich einem inneren Leitstern folge. Dann bin ich nicht ausgeliefert und kann mitgestalten. Von dort aus kann ich auch vertrauensvoll mit Umbrüchen umgehen und meine Zuversicht behalten, was nicht bedeutet, dass ich unkritisch bin.

Häme und Arroganz bringen mich nicht weiter, es braucht Demut in mir. Ich muss nicht alles gutheissen, aber ich muss die Unterschiede anerkennen, nicht wegdrücken. Es geht mir nicht darum, mich ausserhalb der Gesellschaft zu stellen, sondern mir ist die Integration der unterschiedlichen Aspekte wichtig. Ich plädiere also für Respekt und Integration in aufgewühlten Umbruchsituationen.

Was bedeuten solche Transformationen ganz konkret für Künstlerinnen und Künstler?

Da ich viel mit Kunstschaffenden zu tun habe, weiss ich, dass es genau aus diesen wabernden Ungeklärtheiten heraus zu Kunst kommt. Künstler und Künstlerinnen bewegen sich bevorzugt auf dem Terrain des noch Unbekannten, Beunruhigenden und Vagen. Genau darauf steuern sie mit ihrem Kunstinteresse zu. Das bereits Bekannte ist für sie nicht spannend genug oder sogar suspekt.

So haben sie eine intensive Chance, mit Umbrüchen intuitiv und heilsam umzugehen. Genau beschrieben bringen wir als Publikum – genau wie die Kunstschaffenden – immer etwas von unserer aufgeregten Innerlichkeit mit zur Kunst und verhandeln ständig mit anderen daran unsere Grundansichten, unsere Fragen und unser Nicht-Wissen. Aus dieser Auseinandersetzung entspringt die Kraft der Kunst.

Und wie wird aus dieser inneren Bewegung eine sichtbare Form?

Die entstehenden künstlerischen Formen sind dann eine klärende Fassung, die jedoch nicht eindeutig ist, sondern integrativ. Durch meditatives und konzeptionelles Befassen mit Kunst kann also etwas Konzentriertes entstehen. Insofern sind Künstler und Künstlerinnen Fachleute für Umbrüche. Sie suchen geradezu das Ungeklärte und versuchen es sichtbar zu machen. Ihr sensibles Innenleben, wie ihr bohrender Blick auf die Welt vor ihnen, beansprucht Klärung durch künstlerisches Schaffen und Formfindungen zu Kunstwerken.

Wie geben Sie dieses Verständnis von Kunst in Ihren Workshops weiter?

Ich arbeite mit Gruppen von BWL-Studierenden und aus technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen, aber auch mit Inhaftierten und weiteren Menschen, die für sich dieses Angebot nutzen wollen. Es geht darum, eine innerliche Wertschätzung gegenüber dem Material und den anderen Teilnehmenden herauszubilden. Ich biete einen Experimentierraum, einen Integrationsort, an, um auszuprobieren, wo eigene Veränderungen sichtbar und erlebbar werden.

Was passiert in diesem Freiraum mit den Teilnehmenden?

In dieser «Parallelwelt» kann ich mich überprüfen, kreativ sein und mutig etwas ändern. Dabei bin ich als Individuum mit meiner eigenen Geschichte gefragt. Kunst ist keine Methode, legt nicht auf eine Ideologie fest, sondern sie lehrt mich, einen Umgang mit mir und meinem Inneren zu finden und meine Haltung zu äusserlich Gegebenem zu erneuern. Die dabei entstehenden künstlerischen Prozesse und Formen kann ich wiederum wahrnehmen, ansehen, prüfen. Die Änderung in mir findet einen Ausdruck im Tun. Aus diesem Freiraum kann ich dann gewappneter, mutiger und «eigenartiger» wieder heraustreten und mich in die Gesellschaft einbringen.

Sie sprechen von Individuation – warum ist das politisch relevant?

Es muss keiner Gruppenseele gefrönt werden, Kunst ermöglicht Individuation. In der Demokratie wird jede Stimme gebraucht. Mit Kunsterfahrung kann ich meine Wahrnehmung produktiv machen gegen festgefahrene Routinen und dogmatische Axiome. Meine künstlerischen Erfahrungen mache ich dann in Gemeinschaft produktiv.

Wie blicken Sie auf die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft?

Erschreckend sind für mich schon Worte wie «Aufrüstung» und «kriegstüchtig», die wie selbstverständlich verwendet und wieder salonfähig werden. Dahinter stecken Annahmen: Der andere ist mir nicht wohlgesonnen. Er ist mein Feind. Er ist gewalttätig. Ich muss mich wehren. Der Mitmensch wird zu einem stigmatisierten, abstrakten Monstrum verwandelt – etwa im Krieg zwischen Russland und der Ukraine oder in Palästina. Ich halte es mit der «Gütekraft» und mit Diplomatie, mit der Abkehr von patriarchalen Feindbildern, hinter denen die Annahme steckt: Nur einer kann gewinnen.

Was wäre für Sie die entscheidende Frage?

Wir sollten Respekt und Vertrauen mobilisieren! Und fragen: Wie können wir eine friedliche Gemeinschaft bilden? Welche Bedürfnisse im Gegenüber sind aktuell im Ungleichgewicht? Das ist wie im Tanz miteinander. – Gewalt dagegen ist eine Grundhaltung, die mich immer Ressourcen kostet. Ein Konflikt irgendwo auf der Welt ist immer auch ein Konflikt in mir.

Ich denke da zum Beispiel an die seltenen Erden, die für mein Mobiltelefon oder meine KI-Abfrage gebraucht werden. Die einen profitieren von den Ressourcen, die anderen bleiben in Not. So komme ich in Dilemmata, die ich bearbeiten muss. Ein Freund aus dem Kongo sagte kürzlich bezogen auf die katastrophale Situation im Ost-Kongo: «Wer entscheidet über Leben? Wer entscheidet wer leben darf?»

Was steht dem Friedensgedanken besonders im Weg?

Sieht man Krieg als den «Vater des Fortschritts», dann steckt dahinter eine patriarchale Denkweise, keine Bereitschaft, Mühe in Ausgleich und Güte zu investieren. Krieg erzeugt dagegen transgenerationale Kosten, die offiziell nicht in Rechnung gestellt werden. Die Kriegstraumata unserer Eltern und Grosseltern, die die Enkel und Urenkel bis heute in ihren Psychotherapien aufarbeiten, zeigen mir das Leid und die Unmenschlichkeit von Kriegen. Wollen wir uns an den kommenden Generationen immer weiter versündigen?

Dr. Christine Born

Dr. Christine Born

Dr. Christine Born ist Diplom-Journalistin und Autorin. Sie interessiert sich für Politik, Kultur, Pädagogik, Psychologie sowie Naturthemen aller Art.

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