Manchmal müssen wir uns von einem Känguru die Wahrheit sagen lassen. Auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs im Dezember in Hamburg sprach es uns (mit der Stimme seines Schöpfers Marc-Uwe Kling) ins Gewissen: «Ihr lasst eure gesamte Kommunikation, eure Fotos, eure Gedanken von Leuten verwalten, die euch nicht mal mögen und deren Gesetze ihr nicht mitbestimmen könnt. Das ist nicht Bequemlichkeit, das ist freiwillige Kolonialisierung! Und wir nennen es ‹Cloud›, damit es sich nach Zukunft anhört.»
Ist doch wahr: Wie wir kommunizieren, z.B. mit WhatsApp, entscheidet Mark Zuckerberg. Welchen Inhalt wir auf X sehen, bestimmt Elon Musk. Sundar Pichai gibt uns vor, welche Route wir mittels Google Maps nach Hause nehmen. Und unsere Gesundheitsdaten sammelt Tim Cook über die Apple Watch. Big Tech hat sich im Leben der meisten Menschen breit gemacht – und wir machen allzu oft gefügig mit. Dabei gibt es Alternativen, die immer besser werden – wir müssen uns nur die kleine Mühe machen, zu wechseln.
Für die Umstellung des digitalen Lebens reicht schon eine Viertelstunde im Monat. Das ist die Idee hinter dem «Digital Independence Day» (DI.DAY), dem Aktionstag für Unabhängigkeit im Netz. An jedem ersten Sonntag im Monat ermutigt er Menschen, sich einen Moment zu nehmen, um zu solchen App-Angeboten zu wechseln, die Datenschutz, Resilienz und damit die Demokratie schützen. Auf der Website di.day kann man sich bei der Umstellung unterstützen und beraten lassen.
Die Idee zum DI.DAY wurde vom berühmten Känguru – respektive seinem Schöpfer Marc-Uwe Kling («Die Känguru-Chroniken – Ansichten eines vorlauten Beuteltiers» und weitere Bücher) im eingangs erwähnten Vortrag präsentiert. Darin plädierten die beiden für freie Software, offene Standards und europäische oder gemeinnützige Projekte als Alternativen zu konzern- und profitgesteuerten Lösungen. Digitale Unabhängigkeit sei «kein Luxus für Nerds», sondern eine Voraussetzung für Demokratie, Freiheit und Resilienz in einer zunehmend digital gesteuerten Welt.
Wenn genug Leute aufhören, freiwillig ihre Ketten zu lecken, dann bricht der Würgegriff von Big Tech irgendwann zusammen. Alternativen ausprobieren – nicht aus Verzicht, sondern aus Selbstachtung. (Das Känguru)
Das Prinzip ist ganz einfach: Man wählt an jedem DiDay einen Dienst oder eine App, von der man schon lange loskommen will. Dann sucht man auf der Website di.day das spezielle Wechselrezept. Es sind kurze, gut verständliche Anleitungen, mit denen Menschen von Gmail zu Posteo, von WhatsApp zu Signal oder auch von Chrome zu Firefox wechseln können. Nach einem Jahr Di.Day-Wechselpraxis werden wir die digitalen Überwachungskatten von Big Tech durch eine selbst bestimmte elektronische Umgebung ersetzt haben.
Der Digital Independence Day wird von der Initiative «Save Social» koordiniert und von privaten und öffentlichen Akteuren mitgetragen. Dazu gehören neben dem Känguru auch Unternehmen wie z.B. Nextcloud. Organisationen wie Digitalcourage und der Chaos Computer Club bieten zudem Online- und Präsenzveranstaltungen an, um Menschen bei ihrem Wechsel zu unterstützen.
Entsprechende Veranstaltungen finden sich auf der Website des Bündnisses. Und nicht vergessen: Feiern gehört dazu. Teilt eure Freude über die monatlich zurückgewonnene über den Hashtag #DIDit.