Jedes Mal, wenn mich der Weg durch die abseits gelegene Aussenwacht führt, stelle ich wieder fest, wie schön, wie sauber und ordentlich die Siedlung sich präsentiert. Sie ist ein harmonisches Ganzes, und die Bewohner dürfen auf ihre schmucken Häuser und Gärten zweifellos stolz sein.
Eines der Häuser jedoch fällt mir besonders auf, weil es sich von den andern auf den ersten Blick unterscheidet. Es ist ein älteres Heimet, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Doch was das Bauernhaus so speziell macht, ist die Unordnung vor dem Eingang.
Im Haus leben Eltern mit ihren kleinen und grösseren Kindern, und davon zeugt auch das Durcheinander. In einem heillosen Wirrwarr stehen und liegen da etwa folgende Dinge: Ein Kinderbagger, ein Dreirad, ein Katzenkistchen, ein alter Ofen, ein Ofenrohr, ein Velo, ein Fussball, ein Christbaumgerippe, ein Schlitten, ein einzelner Ski, ein Leiterwagen, ein Kinderwagen - dem ein Rad fehlt -, ein zweiter Schlitten, ein zweiter einzelner Ski, noch ein Velo, ein rostiger Gartengrill, Spielzeug, Werkzeug, ein Holzbock, ein fleckiger Sonnenschirm, ein ausgeleierter Besen, ein Flaschenharrass, eine kaputte Kinderschaufel, kaputtes Geschirr, Kuhglocken, Zaumzeug, Bretter, Schnüre – und der Hauswand entlang eine Holzbeige, die vornüber gekippt und am Boden verstreut ist.
Will die Familie ins Haus gelangen, muss sie sich zwischen Kinderschaukel und Wäscheleine einen Weg durch das Chaos bahnen. Die Unordnung nicht zu bemerken, wäre im Grunde unmöglich, aber den Eltern gelingt es anscheinend, durch das Gemenge hindurchzugehen, ohne den Impuls zu verspüren, Ordnung zu schaffen.
Nur ganz selten vielleicht, beim erneuten Stolpern über das Dreirad, denken sie möglicherweise, einer plötzlichen Eingebung folgend:
Eigentlich könnte man wieder mal aufräumen.
Doch viel weiter gedieh der Vorsatz offenbar nie. Jedesmal, wenn ich an der Aussenwacht wieder vorbeikomme, gilt mein erster Blick dem Haus mit der Unordnung. Und jedesmal stelle ich fest: Sie ist immer noch da. Und kleiner wurde sie auch nicht.
Als ordnungsliebender Mensch empfand ich zunächst Befremden, ja sogar ein leichtes Entsetzen, wenn ich das Durcheinander erblickte. Doch mit jedem weiteren Anblick wurde mir mehr bewusst, dass ich die Unordnung nicht nur wieder erwarte, sondern mich geradezu darauf freue. Wäre sie plötzlich weggeräumt – ich glaube, ich wäre zwar überrascht, aber auch ein wenig enttäuscht. Sie fängt mir an zu gefallen, sie hat etwas Freundliches, Fröhliches an sich, was ich von anderen, grösseren und globaleren Unordnungen nicht sagen könnte.
Ich neige inzwischen sogar dazu, die Unordnung vor dem Haus als kreativ zu bezeichnen. Die Bewohner – ohne sich dessen bewusst zu sein – haben mit ihrem einzigartigen Sammelsurium ein Kunstwerk geschaffen, eine Kunstausstellung geradezu, die man sogar unterteilen könnte in eine Ständige Sammlung – mit dem Leiterwagen als Prunkstück - und einen Ausstellungsteil mit wechselnden Werken.
Denken wir nur das an Katzenkistchen. Das letzte Mal fehlte es noch.
Den Mann und die Frau sehe ich selten, und wenn ich sie sehe, kann ich nichts an ihnen erkennen, das auf eine pathologische Störung hindeuten würde. Sie wirken, ebenso wie ihre Kinder, normal und gesittet, und wenn ich sie grüsse, winken sie freundlich zurück. Ich war schon versucht, ihnen zuzurufen: Mir gefällt Ihre Unordnung!
Das käme nicht so gut an. Ich glaube, sie wären beleidigt. Doch aufräumen würden sie nicht.