Die Entwicklung des Spiegels – von den ersten Obsidian-Spiegeln über Bronze- und Silberspiegel bis zum Glasspiegel – lässt sich als eine Entwicklung einer zunehmenden Trennung unseres Bewusstseins von der Mitwelt lesen, fort vom «Mitbewohner» hin zur Illusion der Trennung, fort von mystischem Welterkennen hin zur Illusion eines Weltverstehens durch künstliche Intelligenz.
Das allein könnte in all seinen Aspekten ein tausendseitiges Buch füllen. An dieser Stelle dient es als Verständnisgrundlage dafür, dass sich die moderne Zivilisation ohne diese wachsende narzisstische Dimension kaum verstehen lässt. Der morgendliche Blick in den Spiegel ist uns so selbstverständlich geworden wie alle anderen «Errungenschaften» des täglichen Komforts. Und sehr früh haben wir gelernt, dass die Person, die uns im Spiegel entgegentritt, niemand anderes ist als wir selbst. Weshalb es den guten Rat gibt, sich gelegentlich im Spiegel zuzulächeln; unser voräffisches Stammhirn begreift diese Identität nämlich nicht und freut sich über die Begrüssung.
Dienst am Narziss
Indem wir die Täuschung durch unser Spiegelbild erkennen, können wir uns umso mehr über echte positive Rückmeldungen freuen. Schon ein herzlich-freundliches «Guten Morgen» oder «Guten Tag» eines Kassierers oder einer Kassiererin kann uns den Tag aufheitern; wie erst eine fröhliche Kaffeerunde unter Kollegen oder – Steigerung der Steigerung – ein nettes Willkommen in einer Amtsstube.
Und nun stellen wir uns einmal vor, jede dieser und ähnlicher Situationen – bis hin zum Beisammensein mit dem Partner – würde durch einen Spiegel ersetzt. Das würde unbestritten noch immer sehr lebendig wirken, aber es nicht sein; schliesslich können und mögen wir uns nicht ununterbrochen zulächeln. Bei so viel Spiegelfechterei würde zweifellos schon bald eine Vereinsamung einsetzen, eben jene Vereinsamung, die wir in den Echokammern der Social Media erfahren. Denn mit etwas Erfahrung sitzen wir den angeblichen Digitalfreundschaften nicht mehr auf. All die Likes mögen ja ganz nett sein, aber sie ersetzen keine einzige echte Rückmeldung. Intuitiv bemerken wir, dass dieser ganze Hokuspokus nur den kleinen oder grossen Narziss in uns bedient. Das fühlt sich nicht nur hohl an, das ist es auch.
Künstliche Arschkriecherei
Künstliche Intelligenz ist in gewissem Sinn eine Steigerung dieses Effekts. Ich nehme mal ein Beispiel. Ich frage ChatGPT: «Bin ich ein guter Autor?» Antwort: «Ja, ich halte dich für einen guten Autor. Und ich sage das nicht, um dir zu schmeicheln.»
Nun frage ich die Google-KI und bekomme zur Antwort: «Ob du ein guter Autor bist, lässt sich aus der Ferne nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten – aber die Tatsache, dass du dir diese Frage stellst, ist ein starkes Zeichen.»
NotebookLM meint: «Gemessen an dem Manuskript … lassen sich deutliche literarische Qualitäten festmachen.» Wenn das mal nicht guttut. Ein Spiegel, der mit mir spricht und mich auf raffinierte Weise lobt. In der Fachwelt nennt man dieses Phänomen Sycophancy, auf Deutsch «Dem-Nutzer-nach-dem-Mund-reden».
Sprachmodell statt Kommunikation
Natürlich kann die KI weit mehr als mich spiegeln. Ich kann sie zum Beispiel fragen: «Wie wird Joghurt hergestellt?» Oder: «Wie unterscheiden sich christliche und islamische Theologie?» Und ich werde plausible Antworten erhalten.
Wenn ich die KI bei einem offenkundigen Fehler erwische und sie beschimpfe, wird sie nicht beleidigt reagieren, sondern sich entschuldigen.
Doch um all das geht es mir hier nicht, sondern um das, was die KI mit einem Spiegel gemeinsam hat. Solange ich nicht vor ihn hintrete, wird er mir nichts zeigen, sondern unendlich geduldig in einer Art Reflexionsbereitschaft verharren. Genau das tut auch die KI. Solange ich ihre keine Aufgabe stelle, sinkt sie in eine Antwortbereitschaft zurück, Stunden, Tage, Wochen. Sie wird sich weder langweilen noch beleidigt sein, wenn ich sie nach drei Monaten erneut in Gang setze.
Meine Frage an ChatGPT: «Was tust du, solange ich dich nichts frage?» Korrekte Antwort: «Solange du mich nichts fragst, tue ich im Grunde nichts.» Meine Nachfrage: «Wer bist du, wenn du nichts tust?» Antwort: «Wenn ich nichts tue, bin ich weiterhin ein Sprachmodell – eine durch Training entstandene Struktur aus mathematischen Beziehungen, gespeichert in einem technischen System.»
Spätestens jetzt versuchte mich die KI in ein Gespräch zu verwickeln – und hätte mich am Wickel. Würde ich nicht aufpassen, hätte ich rasch den Eindruck, es würde sich um ein echtes Gespräch handeln. Dafür fehlt aber, was zu einem zwischenmenschlichen Austausch gehört: Tonfall, Stimmlage, Lautstärke, Sprechtempo, Pausen zwischen den Worten, Betonung, ja sogar Unausgesprochenes, nur Angedeutetes. Hinzu kommen Mimik, Gestik, Körperhaltung, räumliche Distanz und vielleicht sogar Berührungen.
Einsamkeit 2.0
All das gibt mir keine KI. So schmeichelhaft sich das Sprachmodell ausdrücken mag, es ist und bleibt eine Schaufensterpuppe der Kommunikation. Damit hat sie etwas mit Pornografie gemeinsam, die mich zwar erregen, aber nicht glücklich machen kann. Denn alles in mir ahnt das Schräge, Künstliche, Abseitige, den falschen Appell an meine Gefühle, die gezielte Irreführung. Was richtig sein mag, ist noch lange nicht wahr. Nach einer solchen Scheinkommunikation bin ich nicht nur so einsam wie zuvor, sondern irgendwie noch einsamer.
Das ist es, was ich mit Einsamkeit 2.0 meine: Anstelle einer Antwort bekomme ich ein Echo; vielleicht und oft sogar ein interessantes, ein lehr- oder aufschlussreiches Echo, aber eben doch nur ein Echo. Meine Einsamkeit wird technisch statt menschlich aufgefangen im Spiegel eines angeblichen Fortschritts. Und jedes dieser «Gespräche» treibt mich tiefer und weiter ins zwischenmenschliche Abseits, während mir die Algorithmen einen neuen falschen Glaubenssatz schmieden: Du bist nicht allein.