Kauft es, lest es, es lohnt sich, schon der temperamentvollen Sprache wegen. Es geht los mit einer kurzen Vorbemerkung, eigentlich Warnung und einer Ode an Europa, dann folgt ein erschütternder Ritt durch die Geschichte Europas, vor allem dieses und letztes Jahrhunderts bis in die nahe Zukunft in 20 Jahren.
Wie konnte sich Europa so ruinieren? Wie konnte es sich – im Ersten und Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg und jetzt vor der grossen Eskalation – von den USA zum Bollwerk gegen Russland aufbauen lassen? Warum wollten diese um jeden Preis die Kooperation von Russland und Deutschland verhindern – diese Kooperation von Ingenieurskunst und Ressourcenreichtum? Wieso liessen wir es zu, dass immer wieder aufs Neue Russland als Feind aufgebaut wurde und uns eine technokratische und undemokratische EU übergestülpt wurde? Und wie wurden immer wieder all die Stimmen unterdrückt und zum Schweigen gebracht, die ein anderes Europa als Möglichkeit sahen: ein geeintes, vielfältiges, autonomes Europa?
Wir sollen nach diesem Teil des Buches nicht aufhören zu lesen, bittet die Autorin im Vorwort. Denn der endet mit dem zwangsläufigen Ruin und dystopischen Auseinanderbrechen Europas in seine Regionen, die irgendwie versuchen, sich selbst zu versorgen. Danach beginnt erst die Utopie.
Die Nationalstaaten haben sich da schon aufgelöst, ebenso wie die EU und die NATO. Die Regionen fallen auf sich zurück und entdecken – nach einer Zeit des Chaos – ihre Stärken neu. Sie organisieren selbstständig, was sie können: Bildung, Gesundheitsversorgung, Handwerk, Lebensmittel- und Energieversorgung, Kultur – und erneuern so ihre Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Doch für die überregionale Infrastruktur brauchen sie Europa, ebenso für die Verbindung mit dem Rest der Welt und für eine gemeinsame Sicherheit- und Aussenpolitik.
Das ist Ulrike Guérots Utopie: Am 9. Mai 2045, also einhundert Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und nach zehn Jahren Regionalität, schliessen sich 45 etwa gleich grosse Regionen zur Europäischen Republik zusammen. Ganz ähnlich wie die Bundesrepublik knapp 100 Jahre zuvor aus den Ruinen gegründet wurde. Doch diesmal aus eigener Kraft. Das vereinte Europa der Regionen ist demokratisch, unabhängig und neutral. Aus der EU-Technokratie wurde eine dezentrale, subsidiäre, demokratische und souveräne Republik.

Spielerisch denkt Guérot all die Details durch. Es ist ja auch nicht ihr erstes Buch über die europäische Republik. Ausgerechnet ihr Werk «Warum Europa eine Republik werden muss» von 2016 war ihr Kündigungsgrund von der Universität Bonn: Angeblich weil sie in einigen wenigen Stellen die Autoren nicht richtig gekennzeichnet haben soll, wurde die Corona-Massnahmen-Kritikerin 2023 gekündigt.
Jetzt geht sie detailliert ein auf Gewaltenteilung, Wahlkreise, Verfassung, bis hin zur europäischen Nationalhymne (natürlich die «Ode an die Freude»!). Sie weckt in vielen Bezügen und Zitaten eine Geistesgeschichte Europas, die schon lange dieses geeinte Europa vorgedacht haben: Immanuel Kant, Jean-Jacques Rousseau, Victor Hugo, Friedrich Schlegel und viele andere, von denen ich noch nie gehört habe.
Folge ich Ulrike Guérots Liebe zu Europa, dann entdecke ich dessen unzerstörbares Streben nach Einigung bei aller Vielfalt. Tatsächlich hat das Buch viel von einer Liebeserklärung, allein im Detailreichtum. Es gibt mir Mut, dem unausweichlichen Zusammenbruch unserer Festung Europa entgegenzusehen: Danach wird etwas Neues kommen. Ausserhalb warten viele sehnsüchtig auf dieses neue Europa.
Endlich Europa!
Seitenanzahl 288
ISBN 9783987913617
Preis inkl. MwSt.
25,00 €
