Fasten: Kein Mangel, sondern Neuordnung
Die Fastenzeit naht. Die beiden Fastenleiter Sonja Elstermann und Klaus Dombrowsky erklären, was man dabei beachten sollte.
...
Sonja Elstermann und Klaus Dombrowsky, Fastenzeiten aus der Nähe von Berlin

Zeitpunkt: Warum sollte man überhaupt fasten?

Klaus: Fasten ist wie ein Reset-Knopf des Körpers. Fasten gehört zum Menschen. Eigentlich funktioniert unser Organismus nur, wenn wir regelmässig fasten. Nur wir haben es verlernt.

Sonja: Wir wären als Spezies eigentlich ausgestorben, hätten wir nicht dieses Fasten-Gen in uns. Am Anfang stand nicht irgendwo ein Tischlein deck dich, wo die Leute sich hinsetzen konnten, sondern sie waren lange auf Nahrungssuche, haben gegessen und mussten aber lange auch verzichten. Fasten ist der freiwillige, bewusste Verzicht auf feste Nahrung für einen begrenzten Zeitraum. Wir machen das in unseren Seminaren eine Woche lang und wenn die rum ist, sind die Leute immer ganz erstaunt, was, jetzt ist schon Schluss? Denn dann bist du erst mal so richtig drin. Nach einer Woche sind die Leute wie neugeboren.

Wenn wir fasten, ernähren wir uns von uns selbst heraus, von innen. Wir verbrauchen unsere Depots und Speicher und davon haben wir eine Menge. Die ersten zwei Tage leben wir vom Glykogen, was in der Leber ist, das wird abgebaut als Energiereserve. Danach werden die Fette abgebaut Und das ist ja auch wunderschön, da können wir den Gürtel wieder etwas enger schnallen. Und dann fängt die Zellreinigung an, die Autophagie an. Alles was unbrauchbar ist, was krankmachend ist, was belastend ist an Zellresten, wird abgebaut. Und alles Lebensnotwendige, alles Brauchbare, zum Beispiel das Herz, die Muskeln, das Gehirn bleibt. Das wird alles nicht abgebaut am Körper, sondern bleibt uns erhalten.

Zeitpunkt: Im Prinzip also eine Art von Reinigung?

Sonja: Fasten ist die beste und einfachste Methode zu entgiften, du brauchst nicht viel, hörst auf zu essen und nimmst nur noch Flüssigkeit zu dir. Wir machen Buchinger Fasten, das heisst, wir trinken Tee, Saft, frisch gepressten Obst- und Gemüsesaft, eine Bouillon und natürlich Wasser. Und das reicht völlig aus. Man nimmt vielleicht maximal 400 Kilokalorien zu sich. Und damit kommst du über den Tag, und es geht dir gut. Es ist kein Mangel, sondern es ist eine Neuordnung.

Zeitpunkt: Warum soll ich denn einen Kurs mitmachen, wenn das so einfach ist?

Klaus: Viele finden das zu anstrengend im Alltag. In der Gruppe hat man vielleicht auch eine Krise, aber da kommt die Ruhe und das Abschalten dazu, was auch die seelischen Prozesse sehr viel tiefer macht. Wie klar der Kopf auf einmal wird, damit hat man vielleicht nicht gerechnet. Für viele Fastenteilnehmer beginnt ein neuer Lebensabschnitt, es werden Entscheidungen getroffen.

Sonja: Und wenn du es in der Gruppe machst, wirst du von früh bis Abend begleitet, musst dich um nichts kümmern. Die Struktur des Tages ist wie ein Geschenk, eine Auszeit und Zeit für dich. Du wirst verwöhnt, und wenn du mal einen Hänger hast, dann fängt die Gruppe das auf. Der Austausch untereinander ist oftmals sehr intim. Das ist Urlaub der besonderen Art.

Zeitpunkt: Ihr fastet mit Kräutern. Was heisst das?

Sonja: Die Heil und Wildkräuter kennenlernen, sie sammeln und für die Suppe verwenden oder einen Shot, das ist eine wunderbare Bereicherung. Sie haben ganz viele Mineralstoffe und Vitalstoffe, das unterstützt diesen ganzen Selbstheilungsprozess.

Zeitpunkt: Darf jeder fasten? Gibt es gesundheitliche oder seelische Situationen, wo man das lieber nicht machen sollte?

Sonja: In jedem Alter kann man fasten, Jugendliche bis ins hohe Alter. Aber Schwangere sollten nicht fasten, ebenso Menschen mit eingeschränkten Nieren und Schilddrüsenüberfunktion, mit starken psychischen Beeinträchtigungen, Essstörungen oder nach schweren Krankheiten, wenn der Körper noch nicht seine Reserven wieder hat. Fasten ist die beste Prävention, die man tun kann, durch die Entgiftung und Zellreinigung gehen die Entzündungen aus dem Körper raus. Bei Menschen mit erhöhtem Blutdruck kannst du auf die Uhr schauen, nach zwei Tagen normalisiert sich der Blutdruck, ebenso der Blutzucker, und die Darmflora reguliert sich. Einfach, wenn wir aufhören zu essen.

Zeitpunkt: Fast bin ich überzeugt. Wie ist der beste Übergang zum Wieder essen?

Klaus: Aufhören zu essen, ist gar nicht so wild. Das Fastenbrechen, die Aufbautage, ist schwieriger, damit man nicht in diesen Jojo-Effekt kommt. Da sollte man achtsam sein und langsam tun, damit sich der Stoffwechsel wieder umschaltet.

Sonja: Dazu gibt es denn während der Woche von uns reichlich Informationen, die ganz sanft in die Aufbautage hineinleiten und mit denen man vielleicht ein neues Leben beginnen kann.

Zeitpunkt: Wie sollte man sich denn vorbereiten, wenn man mitmacht? Noch mal richtig satt essen, oder?

Klaus: Ein Teilnehmer hat vorher bei irgendeinem Grillfest noch mal richtig zugeschlagen, der sah nicht gut aus die ersten drei Tage, das hat es ihm schwer gemacht. Wenn ich vorher zu viele tierische Eiweiße und Fette zu mir nehme, dann gehe ich nicht gut in die Fastenwoche. Spätestens zwei, drei Tage vorher sollte ich mich orientieren darauf, nichts zu fetthaltiges und am besten kein tierisches Eiweiß mehr zu essen, sondern uns eher auf Obst, Rohkost zu verlegen, auch weniger Salz.

Sonja: Und alle Drogen weglassen, gerade Kaffee, Schwarztee, Grüntee oder Weisstee. Das Koffein macht es schwer, da kriegt man Kopfschmerzen. Man sollte es länger ausschleichen lassen.

Zeitpunkt: Ist man eigentlich direkt wieder leistungsfähig am nächsten Tag nach dem Fasten?

Klaus: Leistungsfähig ist man auch mitten in der Fastenwoche. Ich habe während der Fastenwoche selbst noch als Masseur gearbeitet und war ab dem dritten Tag in voller Leistungsfähigkeit. Aber da ist jeder unterschiedlich.

Zeitpunkt: Und kennt ihr das auch das Phänomen, dass man so einen Heisshunger hat und dem mit Willenskraft kaum was entgegensetzen kann?

Sonja: Klar. In der Nachfolgezeit, in den nächsten Wochen, darf sich auch mal wieder was gönnen. Ob es eine Torte ist oder was anderes. Wie unsere Grosseltern gelebt haben: Die hatten die Woche über schmale Kost. Aber am Wochenende gab es mal den Braten und einen Kuchen. Wenn das die Ausnahme bleibt, kann der Körper damit umgehen. Meine Empfehlung ist immer, trink erst mal, dann hast du das Gefühl, was im Bauch zu haben. Wir haben morgens immer Hafertee, der beruhigt erstmal den Darm und den Magen und macht auch ein leichtes Sättigungsgefühl. Ein paar Dinge aus der Fastenwoche kann man ins Leben hinübernehmen. Zum Beispiel Achtsamkeit: Wie gehe ich mit mir um? Oder: in Bewegung bleiben. Einen kurzen Spaziergang machen. Neue Angewohnheiten.

Zeitpunkt: Fasten könnte also ein Sprungbrett in einen neuen Lebensabschnitt sein?

Klaus: Definitiv. Die Ernährungsumstellung kann zu einer Lebensumstellung führen. Man kommt auch innerlich an grosse Themen, wie: Was mache ich eigentlich in meiner Arbeit? Macht mir das Freude, hat das auch was mit mir zu tun?

Zeitpunkt: Danke für die ganzen Informationen. Viel Erfolg bei der nächsten Fastenzeit.

...

Mehr Informationen über das nächste Fastenseminar im Mai: gut-nisdorf.de/seminare/sem-fasten

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger
Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

Newsletter bestellen