Führt der Iran einen gerechten Krieg?
Was die Empörung über Irans Gegenschläge über den Westen sagt
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(Illustration: ChatGPT

Die westliche Kritik an Irans Kriegsführung kann wie folgt zusammengefasst werden:

  • Erstens nehme Teheran zivile Schäden in Kauf und unterscheide nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen – Angriffe auf Infrastruktur gefährdeten bewusst die Bevölkerung und verletzten das Völkerrecht.
  • Der Iran treibe zweitens die Eskalation aktiv voran, etwa durch Raketenangriffe über die Konfliktzone hinaus und durch die Blockierung der Strasse von Hormus, einem Nervpunkt der Weltwirtschaft.
  • Drittens: Die Militärschläge seien oft unverhältnismässig und dienten mehr wirtschaftlicher Machtdemonstration als konkreten militärischen Zielen.
  • Viertens: Durch die Einbindung von Gruppen wie dem Hisbollah oder den Huthis betreibe Iran eine indirekte Kriegsführung zur Ausweitung der Konflikte und Verschleierung der Verantwortlichkeiten.

Die Vorwürfe treffen zu, wobei sich die Zahl ziviler Todesopfer deer iranischen Angriffe in sehr engen Grenzen hält. In den Golfstaaten gab es gemäss Wikipedia 21 Tote, in Israel 40. Im Iran und im Libanon gab es dagegen über 5000 tote Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder.

Die Vorwürfe an den Iran sind vordergründig stichhaltig und die Forderung nach Zurückhaltung auf den ersten Blick berechtigt. Aber es gibt eine Grenze, an der moralische Sprache zur Farce wird.

Solange die Forderung, sich an das Kriegsrecht zu halten für alle gilt, ist sie ein Zeichen von Zivilisation. Wird sie aber ausschliesslich vom Angegriffenen verlangt, während der Angreifer ungehindert zuschlägt, verwandelt sie sich in ihr Gegenteil: Sie wird zu einem Instrument der Unterwerfung. Genau das erleben wir im Umgang mit Iran.

Seit Jahren wird der Iran systematisch angegriffen – militärisch, geheimdienstlich, wirtschaftlich, mit Bombardierungen, Sabotage, gewalttätigem Aufruhr und gezielten Tötungen. Sogar Staaten, die sich den US-Sanktionen nicht anschlossen, wurden bestraft. Im laufenden Krieg ist die zivile Infrastruktur erklärtes Ziel; Schulen, Universitäten und dicht besiedelte Gebiete wurden wiederholt getroffen.

Doch diese Gewalt gilt im westlichen Diskurs als «präzise», «notwendig» und selbstverständlich «defensiv».

Dann antwortet der Iran. Und plötzlich ist von «Eskalation» und Angriffen auf rein wirtschaftliche Einrichtungen die Rede. Genau hier liegt die intellektuelle Unredlichkeit der Debatte.

Wer diesen Umstand isoliert betrachtet, blendet den entscheidenden Kontext aus. Der Iran handelt nicht im luftleeren Raum. Es handelt in einer Situation, in der die Regeln bereits gebrochen wurden. Die zivile Infrastruktur des Iran ist längst Kriegsziel des Westens, seit Jahrzehnten verdeckt, seit Ende Februar vor aller Augen.

Die entscheidende Frage lautet also nicht: Handelt der Iran gerecht? Die entscheidende Frage lautet: Wer hat diesen Zustand geschaffen?

Die Antwort ist unbequem. Denn sie zeigt auf jene, die sich heute als Hüter der Ordnung inszenieren. Die Vereinigten Staaten haben im Verbund mit Israel über Jahre hinweg eine Form der Kriegsführung etabliert, die auf Straflosigkeit basiert: Angriffe ohne Konsequenzen. Verstösse gegen das Völkerrecht ohne Sanktionen. Gewalt ohne Preis. Das ist der eigentliche Skandal.

Eine Ordnung, in der die eine Seite Regeln bricht und die andere sie einhalten soll, ist keine Ordnung. Sie ist ein Machtverhältnis, das auf Unrecht basiert.

Die Reaktion des Iran sprengt dieses Verhältnis. Sie markiert einen Moment, in dem ein Staat sich weigert, die Rolle des passiven Opfers weiter zu spielen und die Mittel der Kriegsführung seiner Gegner nun selber anwendet, gewissermassen als ultima ratio.

Wer das jetzt verurteilt, sollte sich eine einfache Frage stellen: Was wäre die Alternative gewesen? Noch mehr Zurückhaltung? Noch mehr tote Wissenschaftler, zerstörte Infrastruktur, verletzte Souveränität? Das wäre kein Frieden gewesen. Das wäre Kapitulation gewesen.

Der Westen steht heute vor einem Spiegel – und erkennt sich nicht wieder. Denn die Massstäbe, die er an andere anlegt, verweigert er sich selbst. Er beklagt die Folgen eines Krieges, dessen Voraussetzungen er selbst geschaffen hat.

Irans Gegenschläge sind kein Bruch der Ordnung. Sie sind der Beweis, dass diese Ordnung längst zerbrochen ist.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Provokation: dass jemand aufgehört hat, sich an eine einseitige Moral zu halten.

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