Poesie, die gefällt, ist gut.
Poesie, die berührt, ist besser.
Poesie, die erschüttert, ist am besten.
Das findet der Heilpraktiker und Fachautor Hans-Josef Fritschi (Jg 58) aus dem Schwarzwald. Neben seiner zielgerichteten Heilarbeit, schreibt er Gedichte und Geschichten. Kreativ sein hilft ihm, eigene Gedanken und Stimmungen zu klären und zu verarbeiten. Und er weiss, dass auch seine Mitmenschen heilsam von Gedichten und Sinn- und Nachdenksprüchen berührt werden können. So entstanden seine mystischen Geschichten aus dem Degrieschenwald.
Poesie im Gefängnis
Eine Seelsorgerin erzählte Fritschi von ihrer Arbeit mit Gedichten. Ein sehr verschlossener Gefangener, der eine hohe Strafe erhalten hatte, war für die Geistliche emotional nicht erreichbar. Er wirkte abweisend und kalt. Aber irgendwann erzählte er doch beiläufig, dass er Gedichte in der Schulzeit immer gerne gehört hätte. Und beim nächsten Besuch las ihm die Betreuerin das Gedicht «Mondnacht» von Joseph von Eichendorff vor:
Mondnacht
Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
(1837)
Dieses Gedicht berührte den Mann so tief, dass er seinen Schmerz spürte und anfing zu weinen. Jetzt konnte er freier mit der Seelsorgerin sprechen. - Manchmal sitzen wir alle in einer Art seelischem Gefängnis und es hilft uns, wenn uns etwas auf der Gefühlsebene berührt, damit das Aufbrechen des seelischen Schmerzes und der Trauer eine seelische Heilung einleiten kann.
«Auch hier gilt das Ähnlichkeitsprinzip – wie in der Homöopathie», so Fritschi. «Man muss die seelischen Verhärtungen gar nicht kennen. Wichtig ist, dass Resonanz und Schwingung entsteht und in uns Raum geschaffen wird. Das «Böse» kann nur wachsen, wenn Menschen sich der Resonanz verweigern.»
Heilung der Gesellschaft durch mehr Herz
«Auch die Gesellschaft muss offen sein für Schwingung, muss Resonanz entwickeln», so der Heilpraktiker, denn so entstünde ein bedeutender Freiraum. Wenn alles der Vernunft untergeordnet sei, werde unser Leben öde und leer. In uns allen gebe es diesen heiligen Raum: Die innere Stimme, die uns stärkt. Manche sprechen dabei auch vom «Inneren Kind».
Dieses Kind kann noch staunen und weiss den Weg. Es kennt unsere Wunden, aus denen unsere Sehnsucht entsteht. Durch Musik, Kunst, Liebeserfahrungen jeglicher Art und Natur kommen wir uns selbst näher. Es entsteht in uns das Verbundenheitsgefühl, das wir als Individuum so nötig haben, das aber auch unsere Gemeinschaft erneuert. «Die Amsel singt ihr Lied und macht danach eine Pause. Für uns. Wir können einstimmen und ebenfalls singen. Auch in einer schlaflosen Nacht können wir mit der inneren Stimme in Kontakt treten, den Kampf loslassen und uns fragen: Wie sieht das Ungelebte aus?»
Mit Poesie können laut Fritschi Ebenen erreicht werden, zu denen wir sonst schwer Zugang finden. So könne man sich zum Beispiel abends einen passenden Sinnspruch mit in den Schlaf nehmen. Mit Poesie liesse sich wieder an das Gute anknüpfen. Wir brauchen sie, sonst verkümmert unser Herz.
Wünschelrute
Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
(Joseph von Eichendorff, 1835)