«Ich dachte immer, alle Menschen sind gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen.» An diesem Zitat von Erich Maria Remarque bin ich vor eine Woche hängengeblieben. «Im Westen nichts Neues», den grossen Remarque-Klassiker und erschütternden Roman über den 1. Weltkrieg, musste bzw. durfte ich bereits für mein Abitur damals lesen. Ich bin selbst der Sohn eines kriegstraumatisierten (bereits verstorbenen) Vaters. «Nie wieder» war nach 1945 für alle Menschen damals das selbstverständliche Credo.
Und heute, 80 Jahre später, sollen wir wieder «kriegstüchtig» werden!?
Mit Verlaub, nein! Wir müssen wieder friedenstüchtig werden! «Friedenstüchtig», wie das aktuelle Buch von Fabian Scheidler heisst. «Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen» – so der Untertitel seines Werkes.
In der Kriegslogik verengt sich der Blick auf den äusseren Feind, die Gesellschaft wird aufgefordert, zu seiner Bekämpfung zusammenzurücken. Wer widerspricht, läuft Gefahr, zu einem Verbündeten des Feindes erklärt und damit an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Scheidler weist darauf hin, dass das mit dem «Krieg gegen den Terror» nach dem 11. September 2001 begann und dann mit dem «Krieg gegen das Virus» und mit der Eskalation der aktuellen Kriege (Ukraine und Gaza) bis heute weitergeht.
«Die Welt ist aus den Fugen», schrieb Shakespeare vor 400 Jahren. «The time is out of joint», mit diesen Worten beklagt sich Prinz Hamlet über die chaotische und gestörte Welt.
Auch heute erleben wir, dass sich die Massstäbe unseres Handelns und Denkens zunehmend verformen. Es ist, so Scheidler, als ob «wie die Uhren in Dalís Gemälde unsere Kompasse und Richtlinien in der sengenden Sonne der ‘Zeitenwenden’ dahinschmelzen».
Geradlinigkeit
Sich nicht «wenden» oder verbiegen lassen, ist zu einer wichtigen Lebensnorm geworden. Man könnte es auch Authentizität nennen, treu sein zu sich und zu dem, was man als wesentlich und richtig erachtet, einem klaren inneren Kompass folgen, also der Intuition und dem Gewissen. So wie beim unbekannten Menschen, der – lange vor den grossen Protesten gegen den Vietnamkrieg – jeden Freitagnachmittag mit einer weissen Flagge vor dem Weissen Haus still und einsam protestierte. Als ihn ein Reporter fragte, ob er glaube, dass er damit den Lauf der Welt verändern könne, gab er eine bemerkenswerte Antwort: «Nein, das glaube ich nicht. Aber ich möchte verhindern, dass die Welt mich verändert».
Offenheit füreinander
Sich treu bleiben, und gleichzeitig verständnisvoll sein dem Befremdlichen, der anderen Meinung und Haltung gegenüber, wäre auch eine kleine Zeitenwende. Es hat ja immer Gründe, weshalb Menschen so sind, wie sie sind! Ihre Biografien, Prägungen, Befürchtungen und Hoffnungen, ihre verwirklichten Träume und Enttäuschungen, die wir oft nicht kennen, sind genauso oft nicht völlig anders sind als die eigenen. Die Herausforderung ist, das Gemeinsame zu würdigen, weil wir alle Teil einer Menschheitsfamilie sind. Dann wird vielleicht in der Erinnerung diese wesentliche Erkenntnis bleiben dürfen. Wie im Gedicht «rudern zwei» von Reiner Kunze.
rudern zwei
ein boot
der eine
kundig der sterne
der andere
kundig der stürme,
wird der eine
führ’n durch die sterne,
wird der andere
führ’n durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein.
Apropos Zeitenwende
Die Sommerzeit sollte helfen, das Tageslicht besser zu nutzen und Energie zu sparen. Vor kurzem, am 25. Oktober, wurden die Uhren wieder zurückgestellt. Die Winterzeit als die eigentlich richtige Zeit ist vielleicht eine Einladung, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Und sich immer wieder miteinander an das blaue Meer zu erinnern…
Ich wünsche Ihnen beglückende herbstliche Momente, wunderbare Musik oder Klänge, geliebte und liebende Menschen, klare Sicht im Nebel, friedvolle Begegnungen, Freude an der zuerst bunten und dann fallenden Blätterpracht. Und ein Loslassen dessen, was nicht mehr so trägt wie bisher.
Der Text stammt aus dem Newsletter von Wolfgang Wiegand - hier können Sie ihn direkt abonnieren.
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Goodbye vom Café Goodbye Winterthur mit Gisula Tscharner
Seit 2015 durfte ich zusammen mit Carla Soldato das Café Goodbye in Winterthur gestalten, moderieren und leiten. Wir hatten wunderbare Gäste, die uns mit einem Thema rund um Tod, Abschied, Sterben, Lebensgestaltung, Ängste oder Wünsche ans Leben(sende) inspiriert haben. Und wir durften immer wieder schöne Begegnungen, Gespräche und Fragen erleben.
Weil wir die Veranstaltungsreihe nicht mehr weiterführen, laden wir nun ein letztes Mal ein dazu.
Am Sonntag, dem 15. November 26, wird die aus Medien und SRF bekannte Theologin, Kräuterfrau und Pionierin Gisula Tscharner zu Gast sein mit ihrem Thema «Von der Erde, die das Leben hütet – Geschichten von Wurzeln und Samen, von Gräbern und Totenbräuchen».
Einlass im Lok.al in Winterthur im Zeughausareal ist wie immer um 9 Uhr, um 9.30 Uhr beginnt dann das Café.

