Es gibt keinen Planet B, sagt die Umweltbewegung. Nein? Dann wird es höchste Zeit. Unsere Sommerserie lädt ein zum utopischen Denken und stellt - ganz unsystematisch – jedes Mal einen Kernfaktor des Systemwechsels vor. Wenn ihr wollt, bleibt es kein Märchen.
Wieso reagieren politische Instanzen nicht ausreichend und nicht richtig angesichts der globalen Bedrohungen – seien es Kriege oder der vielen anderen Krisen?
Weil sie nicht können. Eingequetscht zwischen kurzfristiger Wählergunst und Idealen, Sachzwängen und Notlügen, Budgetfragen und Lobbyinteressen, Parteitreue und Profilierungssucht schaffen es die Besten gerade mal, bis zur nächsten Legislaturperiode zu denken - kaum aber an die nächsten sieben Generationen. Nicht (nur) die Politiker, sondern das politische System ist den Krisen nicht gewachsen.
Wir brauchen einen anderen Faktor in der Politik. Mehr BürgerInnenbeteiligung gehört sicher dazu, reicht aber nicht. Denn auch jeder Bürger entwickelt ein aufgeblasenes Ego, sobald es um Eigeninteressen geht. Es muss in der Politik etwas geben, dass über die Eigeninteressen hinausgeht. Etwas, das uns allen gleich wichtig ist. Wie wäre es, wenn die Zukunft eine Stimme in unseren Parlamenten hätte? Oder besser noch: das Ewige.
In Urvölkern sprach das Ewige aus dem Mund des Schamanen, es wurde in Träumen oder Visionen gesehen, und es fand Gehör in jedem Palaver. Es war kein Gesetz über allem anderen, aber es hatte eine wichtige Stimme, die einbezogen wurde. Solange es Basisdemokratie in Stammesgemeinschaften gab, funktionierte das gut. Dann aber kippte die Geschichte, es entstanden Hierarchien, Schamanenen und Priester wurden entweder selbst machtgeil oder zu Marionetten der Macht. Das Heilige wurde ein perfides Machtinstrument. Es war also eine wichtige Errungenschaft in der Geschichte von Planet A, Staat und Kirche zu trennen. Irgendwann sassen nur noch Berufspolitiker am Verhandlungstisch. Betroffene – Kinder, Hausfrauen, Alte, Minderheiten, Fremde – wurden ebensowenig gehört wie Tiere, Pflanzen, Ökosysteme und – das Ewige.
Auf Planet B werden politische Entscheidungen wieder auf eine ganzheitliche Basis gestellt. Das Ewige wird nicht mehr von Priestern, Dogmen oder anderen Machtfaktoren vertreten. Das Ewige zeigt sich in der inneren Stimme, der Intuition und dem Gewissen von Einzelnen, die es einander vertrauensvoll mitteilen. Es wird ebenso in die Debatten einbeziehen wie Sachfragen, Strategien und faktische Notwendigkeiten. So wird die parlamentarische Demokratie ersetzt durch eine Art spiritueller Räterepublik auf der Grundlage von Basisdemokratie.
Als Vorbild dafür dienen geschichtliche Matriarchate wie die Mosuo in China oder Stammeskulturen wie die Iroquoi oder Lakota auf dem amerikanischen Kontinent. Soviel wir darüber wissen oder rekonstruieren können, wurden in den Stämmen alle Dinge, die alle angingen, von allen besprochen. Frauen und Männer hatten gleichermassen Stimmrecht, auch Kinder wurden gehört, wenn das Thema sie betraf.
Die Entscheidungsfindung dauerte oft lang, denn sie musste errungen, erarbeitet werden, damit sie einen Wert hatte, den alle verteidigen würden. Eine Abstimmung mit Mehrheitsentscheidung in wichtigen Dingen war nicht tragbar, denn eine unterlegene Minderheit wäre immer eine mögliche Bruchstelle im Zusammenhalt des sozialen Gefüges gewesen. Es mussten Lösungen gefunden werden, mit denen alle leben konnten.
Geschah das nicht, musste sich der Stamm teilen und ein Teil wegziehen. Auch das geschah – in Frieden. Teilung gehörte zur Entwicklung kultureller Vielfalt und führte nicht zu Krieg. Aber zuvor versuchte man alles, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Kreativität, Flexibilität und ein grundsätzliches Vertrauen ineinander waren notwendige Qualitäten für den politischen Entscheidungsprozess.
Bei besonders kontroversen Diskussionen halfen spirituelle Techniken, wie sie auch heute noch in Gemeinschaften angewandt werden: Man unterbricht die Debatte, geht gemeinsam in die Stille, stimmt sich auf das Thema ein und bittet innerlich um die Lösung. Meistens kommen nach einigen Minuten der inneren Einkehr alle auf dieselbe Lösung.
Der Vorteil war: Eine so intensiv errungene Entscheidung hatte einen Wert. Die ganze Bevölkerung stand dahinter und würde sie verteidigen – so wie die Frauen der Chipko aus Indien ihre Bäume verteidigten, indem sie sie umarmten – auch Schläge konnten diese Umarmungen nicht lösen.
Bei den Mosuo, den Iroquoi und wahrscheinlich auch anderen ursprünglichen Stammeskulturen gingen dann Vertreter des Stammes zum nächsthöheren, überregionalen Gremium mit der Aufgabe, ihre Entscheidung dort zu vertreten. Sie waren keine Politiker, sie hatten ein bindendes Mandat an die Entscheidung ihres Dorfes. Oft mussten sie wieder zurück, denn wenn die Entscheidung nicht ganz mit denen der anderen Dörfer übereinstimmte, dann musste nachverhandelt werden. Viel Hin und Her war notwendig, um sehr wichtige Zukunftsentscheidungen zu treffen. Aber wenn sie einmal getroffen war, dann stand sie auch. Keine Frau, kein Kind, kein Mann würde später sagen: Was gehen mich diese Politiker und Parlamente an! Nein, es war ihre Entscheidung, zu der sie fühlbar und aktiv beigetragen hatten.
Und auf jeder Ebene, in jedem Gremium war das «Ewige» präsent. Einige nannten es die Grosse Mutter, andere den Grossen Geist oder das Kontinuum allen Lebens. Es erinnerte sie stets daran: Alle Entscheidungsgremien aller Ebenen und Regionen hatten etwas sehr Wichtiges gemeinsam. Und die Gemeinsamkeit war immer grösser als das Trennende. Das relativierte die Konflikte. Alles, was wichtig war, wurde in Angesicht dieses Ewigen verhandelt, von ihm gut geheissen und gesegnet. Ohne etwas, das uns gemeinsam heilig ist, fehlt uns letztlich eine Richtung und Grundlage für die politischen Entscheidungen. Vernunft und Sachverstand ist wichtig, reicht aber letztlich nicht. Wir brauchen Werte, und wir müssen sie sehen und fühlen und uns an ihnen ausrichten können.
Bei dem Wort Heilig denken die meisten an etwas, zu dem sie als Kinder beten mussten und dem sie sich unterordnen mussten. Aber denken wir einmal an die Sioux von Standing Rock. Sie sprachen davon, das «Heilige» zu verteidigen, als sie ihre Flüsse und ihre Begräbnisstätten vor dem Bau einer Pipeline schützen wollten. «Defend the Sacred». Stellen wir uns vor, das Heilige ist nicht mit Macht und Unterdrückung verbunden, sondern es ist sehr lebendig. Heilig ist ganz einfach das, was wir am meisten lieben. Das Leben. Das Meer und die Wälder, Unsere Geliebten, Kinder, Eltern. Die Erde selbst.
Damit ihre Stimme gehört wird, entwickelte die grossartige Tiefenökologin Joana Macy die «Konferenz allen Lebens»: Bei einer Debatte werden nicht nur Menscheninteressen vertreten, sondern auch die Interessen von Tieren, Pflanzen, Flüssen etc. Menschen schlüpfen wie in einem magischen Theater in deren Rollen und treten für deren Interessen ein. Eine Konferenz des Lebens kann sehr emotional zugehen; es ist nicht mehr ganz so einfach, eine neue Landebahn zu bauen, wenn man sich dem Schmerz der unter ihr begrabenen Bäume und Bäche einmal ausgesetzt hat.
Die spirituelle Räterepublik von Planet B bezieht all diese Erfahrungen mit ein und findet neue Techniken der Abstimmung und Konsentfindung. Jede Entscheidung wird auf den Ebenen getroffen, wo sie sich auswirkt. Alle, die Verantwortung übernehmen, sind entscheidungsberechtigt.
Das Ergebnis ist eine weitgehend dezentrale, regional orientierte Politik von unten, aber verbunden mit etwas, das über allem steht. Es ist der gemeinsame Wille für die Ganzheit des Lebens.
Hier geht es zur Folge Nr. 8: «Was hast du zum Fressen gern?»