Das gezähmte Monster
Was uns die Legende von Franz von Asissi und dem Wolf von Gubbio heute lehrt.
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Der Wolf senkt den Kopf, schliesst den Rachen und legt sich dem Heiligen zahm zu Füssen. Bild: Pinterest

[Franziskus] redete mit ihnen, nicht als ein gütiger Vorgesetzter mit niederen Geschöpfen, sondern als mit seinesgleichen, als mit Brüdern, die nur ein wenig schwächer, dümmer und verlassener seien als er. Und wie er den Vögeln predigte und die Schwalben bat, ihn doch auch ein wenig zu Wort kommen zu lassen, so redete er auch mit dem Wolf von Gubbio, den er nicht wie ein Wundertäter exorcisierte, sondern wie ein weiser, gütiger Diplomat behandelte, indem er die Schuld des Tieres auf den Hunger schob und einen ehrlichen Friedensvertrag zwischen ihm und den Bürgern vermittelte.

Mit diesen Worten beschrieb Hermann Hesse im Jahr 1904 in seiner Schrift «Franz von Assisi» das Wesen des Mannes, dessen Todestag sich am 3. Oktober 2026 zum 800. Mal jährt. Dieses historische Jubiläum bietet den Anlass, über das Leben des Ordensgründers nachzudenken, das sich stets im Spannungsfeld zwischen belegbaren historischen Tatsachen und weltberühmten Legenden bewegte. Die Erzählung von der Zähmung des Wolfs von Gubbio klingt zunächst wie ein einfaches mittelalterliches Märchen. Bei genauerem Hinsehen birgt sie jedoch eine erstaunliche Aktualität und liefert eine zeitlose Blaupause für moderne Konfliktlösung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Kulisse ist die umbrische Stadt Gubbio im frühen 13. Jahrhundert. Die Bürger leben in Angst. Ein riesiger, aggressiver Wolf streunt vor den Toren der Stadt. Er reisst nicht mehr nur das Vieh, er greift Menschen an. Die Tore bleiben geschlossen, die Felder unbestellt. Wer sich heraustraut, geht nur noch schwer bewaffnet. Die Fronten sind verhärtet: Es herrscht Krieg zwischen Mensch und Natur, zwischen Stadt und Wildnis.

In dieser Atmosphäre des Terrors tritt Franz von Assisi auf. Gegen den ausdrücklichen Rat der Einwohner verlässt er die schützenden Mauern – ohne Schwert, ohne Rüstung.

 

Die Begegnung: Vom Feind zum Bruder

Als der Wolf mit gefletschten Zähnen auf ihn zustürzt, tut Franziskus etwas Unerwartetes. Er rennt nicht weg, er greift nicht an. Er macht das Kreuzzeichen und spricht das Tier direkt an: «Komm herlauf, Bruder Wolf! Ich gebiete dir vonseiten Christi, dass du weder mir noch sonst jemandem Leid zufügst.»

Was dann folgt, ist das Herzstück der Legende: Der Wolf senkt den Kopf, schliesst den Rachen und legt sich dem Heiligen zahm zu Füssen. Franziskus hält ihm keine Standpauke, sondern analysiert die Situation mit bemerkenswerter Empathie. Er erkennt, dass der Wolf nicht aus Bosheit mordet, sondern aus existentiellem Hunger.

Der Heilige schlägt einen Pakt vor: Wenn die Bürger von Gubbio den Wolf fortan lebenslang füttern, bricht dieser seine Angriffe ab. Der Wolf legt als Zeichen des Einverständnisses seine Pfote in die Hand des Franziskus. Zwei Jahre lang, bis zu seinem Tod durch Altersschwäche, lebt das Tier danach friedlich in der Stadt. Er geht von Haus zu Haus, tut niemandem weh und wird zum lebendigen Symbol des Friedens.

Literarischer Kontext: Die Fioretti als Quelle

Ihren schriftlichen Ursprung findet diese Erzählung in den «Fioretti di San Francesco» (den «kleinen Blumen des heiligen Franziskus»), die im 14. Jahrhundert zusammengestellt wurden. Diese Sammlung von 53 kurzen Kapiteln entstand weit über ein Jahrhundert nach dem Tod des Ordensgründers.

Die Fioretti sind keine nüchternen historischen Chroniken, sondern theologische Erzählungen und Wundergeschichten, die von den frühen franziskanischen Brüdern mündlich überliefert und später auf Italienisch niedergeschrieben wurden. Sie hatten das Ziel, die radikale Nachfolge Christi, die Einfachheit und die tiefe Naturverbundenheit des Franziskus für das einfache Volk greifbar und lebendig zu illustrieren. Jede Anekdote transportiert dabei eine tiefere moralische und spirituelle Lektion – so auch das 21. Kapitel, das die Begegnung in Gubbio beschreibt.

Mehr als ein Märchen: Der historische Kern

Hinter dem von Hesse beschriebenen «gütigen Diplomaten» vermuten Historiker heute reale gesellschaftliche Ereignisse. Sie sind sich weitgehend einig, dass die Erzählung aus den Fioretti den Wolf primär als eine starke literarische Metapher nutzt.

Im Italien des 13. Jahrhunderts wurden Gesetzlose, kriminelle Banden, Wegelagerer oder gesellschaftlich Ausgestossene oft als «Wölfe» bezeichnet. Sie lebten ausserhalb der schützenden Stadtmauern im Wald und überfielen die Bürger aus Not und Hunger. Unter diesem Blickwinkel beschreibt die Legende ein historisch greifbares Ereignis: Die erfolgreiche Resozialisierung einer gewaltbereiten Randgruppe durch Mediation und die Bereitschaft der Stadtgesellschaft, die materiellen Ursachen der Kriminalität (Armut und Hunger) gemeinschaftlich zu lösen.

 

Die Aktualität: Drei Lektionen für die Gegenwart

Warum fasziniert uns diese Geschichte im 21. Jahrhundert immer noch? Weil sie die Kernmechanismen moderner Konfliktforschung vorwegnimmt:

Erstens: Die Ursache bekämpfen, nicht den Gegner. Franziskus fragt nach dem «Warum». In einer polarisierten Welt neigen wir oft dazu, den Gegner schlicht zu dämonisieren. Die Legende zeigt: Erst wenn die zugrundeliegenden Bedürfnisse wie Sicherheit, Anerkennung und ein materielles Fundament verstanden werden, ist Frieden möglich.

Zweitens: Deeskalation durch Vorleistung. Franziskus geht unbewaffnet. Er verzichtet auf die Abschreckung durch Waffen und durchbricht damit die Spirale der Angst. Vertrauen entsteht oft erst dann, wenn eine Seite mutig den ersten Schritt auf den anderen zubewegt.

Drittens: Inklusion statt Elimination. Die Bürger wollten den Wolf vernichten. Die Lösung des Franziskus ist jedoch Inklusion. Der Wolf wird Teil der Gemeinschaft.

Die Legende vom Wolf von Gubbio ist somit kein sentimentales Tiergedicht. Sie ist eine radikale Erinnerung daran, dass echter Friede nicht durch Mauern und Waffen entsteht, sondern durch die Bereitschaft, dem vermeintlich «Bösen» ins Auge zu blicken und ins Gespräch zu kommen.


Literaturtipps:

Franz von Assisi: Fioretti. Gebete / Ordensregeln / Testament / Briefe. Herausgegeben von Wolfram von den Steinen. Übersetzt von Wolfram von den Steinen und Max Kirschstein. München: Diogenes Verlag, 2026.

Hesse, Hermann: Franz von Assisi, insel taschenbuch (Band 1069), Berlin: Insel Verlag 2017

Und im Zeitpunkt: Gunnar Decker: Franz von Assisi: Was kann er heute für uns bedeuten?

Manfred Böhm

Manfred Böhm
Manfred Böhm

Manfred Böhm, Jahrgang 1956, Publizist und Buchautor, Dipl.-Theologe, Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und Tübingen, Ausbildung in Psychopädie (nach Dr. Derbolowsky) und Fortbildungen in Logotherapie, Publizistische Schwerpunkte: Spiritualität und Friedenstheologie.

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