Der Balanceakt der Männer: selbstbewusst Sensibilität und Stärke vereinen
Den Männern geht es immer mehr an den Kragen, so kommt es mir als Frau vor. Und Gründe für das Männer-Bashing gibt es ja wirklich, historisch und überhaupt, das lässt sich nicht abstreiten. Aber müssen jetzt alle Männen nur noch knien und um Lebenserlaubnis betteln?
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Wenn ich an die vielen sensiblen Jungen und jungen Männer denke, die dieses allgemeine Schimpfen, Kritisieren, Abwerten und auch teilweise Demütigen von Männern mitbekommen, die für die furchtbaren Misstetaten ihrer Geschlechtsgenossen – aus welchen Ländern auch immer – stets mitbelangt werden, dann tut mir das in der Seele weh. Wo bleibt die Achtung vor der Empfindsamkeit und Zartheit der Kinder und Jugendlichen, egal welchen Geschlechts? Auch den Mädchen tut es nicht gut, wenn ihre Brüder und Freunde so häufig durch die negative Brille gesehen werden.

Ich habe durch meine Brüder, meine Klassenkameraden, meine Freunde, Studienkollegen, Partner und Schüler die sensiblen Seiten des männlichen Geschlechts sehr gut kennengelernt. Oft habe ich mich allerdings gefragt, wie können aus diesen nachdenklichen, feinen Jungen voller Gefühl und Ehrlichkeit manchmal so verbitterte, verholzte, rechthaberische und cholerische Männer werden. Die nicht mehr auf ihr Äusseres achten, massenweise Pillen schlucken, daherschlappen und den Bierbauch wachsen lassen. Kein Körpergefühl. Auch der Friseurbesuch liegt schon zu lange zurück.

Gibt es heutzutage noch irgendwo eine positive Männlichkeit?

Was macht unsere Gesellschaft mit den Jungen und Männern? Geht es ihnen irgendwann in ihrem Leben so schlecht, dass sie sich selbst vernachlässigen müssen? Werden sie so frustriert und blockiert? So schlecht behandelt in Elternhaus, Schule, Militär, Ausbildung und Beruf? Und gibt es noch irgendwo eine positive Männlichkeit? Männer, die Jungen zeigen, wie es gut gehen kann? Vorbilder und Mutmacher? Oder soll Männlichkeit immer mehr stigmatisiert und letztlich möglichst aus der Welt geschafft werden?

Dagegen möchte ich als Frau ein absolutes Veto einlegen. Wie öde und leer wäre doch das Leben ohne Männer! Ohne Flirt und ohne Spass! Wie schön ist es doch für eine Frau, mit einem gut aussehenden Mann irgendwo in der Stadt zu flirten. Nur ein kleiner Moment, den sonst niemand mitbekommt, aber ein Farbtupfer im Leben der beiden Beteiligten. Wie essenziell sind männliche Stimmen im Bereich der Kunst, in Filmen undinsbesondere in der Musik.

Der weisse sibirische Tiger

Wie berührend und zutiefst authentisch ist beispielsweise der Gesang des leider viel zu früh verstorbenen, weltberühmten russischen Opernsängers Dmitri Hvorostovsky (1962 - 2017). Als junger Mann wirkte er sehr sensibel und verträumt. Sein Gesang hatte enormes Potenzial. Als reifer Mann strahlte er dann mit seiner tiefen Stimme, seinem weissen Haar und seinem Standing eine energiegeladene Männlichkeit aus, die seinenZuhörern und Zuhörerinnen gleichermassen den Atem raubte. Ein älterer weisser Mann allererster Güte!

Von sibirischem Tiger war die Rede, denn Hvorostovsky stammte aus Krasnojarsk in Sibirien. Standing ovations, Blumenberge, Tränenbäche. Eine Resonanz ohnegleichen. Es gibt zahlreiche Videos von ihm auf youtube, die sich für ein Studium positiver Männlichkeit eignen. Opern sind zwar nicht Jedermanns Sache, aber bei diesem Sänger lernt mancher vermutlich sogar Opern schätzen. 

Verletzlichkeit und Stärke sind die Pole, die es zu vereinen gilt

Am Beispiel von Hvorostovsky wurde mir als Frau deutlich gezeigt, was für Männer von Bedeutung ist und was sie attraktiv macht. Es gilt, die eigene Verletzlichkeit, die zarte und weiche Seite und die Stärke, die Kraft und die männliche Energie in Einklang zu bringen. C. G. Jung würde von Anima und Animus sprechen, wobei die Anima die weibliche Seele im männlichen Wesen ist.

Man kann jedem Mann nur wünschen, dass er für sich ein männliches Vorbild findet, das ihm Freiheit und Mut gibt, das ihm erlaubt, Sensibilität und männliche Kraft und Energie zu vereinen. Ein inneres Bild, das ihm die Möglichkeit gibt, Zartheit und Stärke gleichermassen zu entwickeln und sich so lebendig zu fühlen. Beide Pole widersprechen sich nicht, keiner muss verdrängt werden, beide sind wichtig und beide selbstbewusst vereint – machen das Leben rund.

Dmitri Hvorostovsky wurde nur 55 Jahre alt, er starb 2017 an einem Hirntumor.

Dr. Christine Born

Dr. Christine Born

Dr. Christine Born ist Diplom-Journalistin und Autorin. Sie interessiert sich für Politik, Kultur, Pädagogik, Psychologie sowie Naturthemen aller Art.

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