Deutschlands viel beklagter Fachkräftemangel ist zu einem beträchtlichen Teil selbst verursacht. Während Politik und Wirtschaft seit Jahren vor fehlenden Arbeitskräften warnen, ziehen sich immer mehr Unternehmen aus der Ausbildung zurück. 2025 erreichte der Anteil der ausbildenden Betriebe mit nur noch 18,7 Prozent einen historischen Tiefstand.
Dabei mangelt es nicht an Interesse. Die Zahl der Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen, stieg erneut auf über 560'000. Gleichzeitig sank das Angebot um 25'300 Plätze auf rund 530'000. Die Folge: Immer mehr junge Menschen finden trotz Ausbildungswunsch keinen Platz. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ging innerhalb eines Jahres um mehr als 10'000 zurück.
Gewerkschaften sprechen deshalb von einer «Ausbildungsmisere». Trotz Klagen über Fachkräftemangel investierten viele Unternehmen nicht mehr ausreichend in den eigenen Nachwuchs. Wer heute nicht ausbilde, dürfe sich morgen nicht über fehlende Fachkräfte beklagen.
Hinzu kommen strukturelle Probleme. Viele Betriebe beklagen mangelnde Grundkompetenzen und eine zunehmende psychische Belastung junger Menschen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Erwachsenen ohne Berufsabschluss. Mittlerweile verfügen fast drei Millionen 20- bis 34-Jährige in Deutschland über keine formale Berufsausbildung.
Die Entwicklung droht sich selbst zu verstärken: Weniger Ausbildungsplätze führen zu weniger Fachkräften, geringerer Innovationskraft und langfristigen Wohlstandsverlusten. Der Fachkräftemangel erscheint damit weniger als Schicksal denn als Ergebnis jahrelanger Versäumnisse von Politik, Bildungssystem und Unternehmen.