Ihr Alter beträgt mindestens 3000 Jahre, wobei es auch viele ältere Teile gibt. Hethitische und byzantinische Quellen beschreiben die Anlagen als bereits bestehend. Wer hat sie erbaut?
Die gesamte Anlage wurde von Hand in den vulkanischen Tuff geschlagen. Eine Million Tonnen Gestein wurden herausgebrochen, nach oben getragen und weggeschafft. Aber wohin? An der Oberfläche fehlt davon jede Spur. Es gibt keine Abraumhalde, keinen Schuttberg, nichts.
Forscher schätzen das Volumen der Räume, Tunnel und Schächte konservativ auf rund 650’000 Kubikmeter. Allein der Abtransport hätte 22 Millionen Arbeitsstunden verschlungen – dazu kommt das Herausschlagen. Zum Vergleich: Der Panamakanal bewegte mit Dampfbaggern und Dynamit 80 Millionen Kubikmeter.
Die Menge an ausgegrabenem Tuff würde für eine Mauer von einem Meter Breite und drei Metern Höhe über 220 Kilometer reichen. In der Region gibt es aber keine entsprechenden Bauwerke. Die vorhandenen Tuffhäuser decken bestenfalls drei bis fünf Prozent des Materials. Der Rest ist spurlos verschwunden.
Im Allgemeinen geht man davon aus, frühe Christen hätten sich hier vor Verfolgung versteckt. Doch ist Derinkuyu mehr als eine Höhle, sondern es wurde geplant wie eine Stadt: Es gibt Lagerräume mit Vorratsbehältern, Ölpressen, Ställe auf den oberen Etagen, Versammlungshallen, Schulräume und Weinkeller mit steinernen Pressen.
Ein Tunnel verbindet Derinkuyu mit einer weiteren acht Kilometer entfernten Untergrundstadt, mit Kaymakli. Jedes Stockwerk hat seine eigene Wasserversorgung, damit Angreifer nicht alles vergiften könnten. Separate Belüftungssysteme und Abwasserkanäle mit berechnetem Gefälle zeigen, dass hier auf Dauerhaftigkeit geplant wurde – nicht auf drei Tage Zuflucht.

Über fünfzig Belüftungsschächte durchziehen die Stadt. Dieser Kamineffekt – warme Luft steigt auf, kalte Luft wird nachgezogen – wurde erst im 19. Jahrhundert systematisch beschrieben. Der Hauptschacht verläuft 55 Meter senkrecht, mit einer Abweichung von weniger als 20 Zentimetern. Niemand weiss, wie eine solche Genauigkeit ohne optische Instrumente erreicht werden konnte.
Auch die Brunnen sind exakt auf den Grundwasserspiegel abgestimmt. Keiner ist trocken, keiner hat das falsche Stockwerk geflutet.
Noch beeindruckender sind die Steintüren: Es sind kreisrunde Scheiben von bis zu 500 Kilogramm. Der Schwerpunkt ist absichtlich verschoben, das Griffloch sitzt auf der leichteren Seite. In einer leicht geneigten Führungsrinne rollt die Scheibe und verriegelt sich selbst. Bedienbar ist sie nur von innen, von aussen unmöglich zu öffnen.

Derinkuyu ist nicht die einzige unterirdische Stadt in Kappadokien: Es gibt mindestens 36 weitere, verbunden durch Tunnel mit eigener Belüftung, Brunnen und Verteidigungsanlagen. Der Bau einer einzigen Stadt bräuchte mit 100 Arbeitern Jahrzehnte, wie experimentelle Archäologen glauben. Für den Bau des gesamten Netzwerkes reichen die bekannten Bevölkerungszahlen der christlichen Epoche nicht aus.
Warum wurde ein solches Netzwerk gebaut statt einzelner Verstecke? Was war an der Oberfläche so bedrohlich, dass eine ganze Zivilisation beschloss, dauerhaft unter die Erde zu gehen? Derinkuyu wird weiter Fragen auffwerfen.
