Die Ahnen halten Wache. Ein sehr kurzes Theaterstück für Bühne oder Film
Charles Eisenstein schreibt gerade nicht viele Essays, «weil ich mit einem Buch beschäftigt bin. The Ancestors are Watching ist eine Geschichte. Eigentlich eher ein Drehbuch. Jeder darf es als Skript verwenden – eine Erlaubnis ist nicht nötig. Viel Spass dabei.»
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Mein Stamm vergisst, sich wieder mit den Geistern des Landes zu verbinden. Bild: Shutterstock

1. Akt

Szene 1: Die Schamanen treten auf

Zu den Klängen uralter Musik betreten sieben Schamanen verschiedener Völker den Raum und setzen sich im Halbkreis um einen Altar.
Schamane 1 betritt als letzter den Raum und giesst Wasser in ein Gefäss.

Szene 2: Der Austausch der Visionen

Schamane 1: Wir alle haben dieselben Visionen gehabt. Wir alle haben gehört, wie der Wind uns die Geschichte, das Unheil, zuflüsterte, das sich bereits zu entfalten begonnen hat. Wir sind aus verschiedenen Zeiten und Gegenden zusammengekommen, um unseren Nachfahren Hilfe zu schicken.

Schamane 2: Schwarze Magie und Zauberei sind in unserem Land ganz normal geworden. Ich sehe eine Zukunft voraus, in der mächtige Magier den Willen anderer beherrschen. Ihre Worte schüren bei Millionen Hass, Begierde, Neid und Böses.

Schamane 3: Wo ich herkomme, haben die Menschen begonnen, Tiere zu zähmen und Pflanzen zu zwingen, dort zu wachsen, wo sie nicht wachsen wollen. Ich sehe endlose Reihen versklavter Pflanzen in der toten Erde, soweit das Auge reicht. Ich sehe Tiere in dunklen Käfigen, denen die Sonne fremd ist.

Schamane 4: Mein Stamm vergisst, sich wieder mit den Geistern des Landes zu verbinden. Ich sehe einen Tag voraus, an dem die Menschen vergessen, dass sie lebt. Sie entziehen der Erde ihre Knochen und ihr Blut und bedecken sie mit Narben.

Schamane 5: Bei uns beherrscht nicht mehr jeder Mensch alle Fertigkeiten. Wir spezialisieren uns. Ich sehe eine Zeit voraus, in der die Menschen zu Sklaven von Werkzeugen werden, die sie nicht verstehen.

Schamane 6: In unserem Land glauben manche Menschen, sie seien besser als alle anderen. Ich sehe einen Tag, an dem die Menschen ihre Herzen gegeneinander verhärten. Manche schlemmen, während andere hungern. Die Vielen dienen, während die Wenigen herrschen. Und niemand ist glücklich.

Schamane 7: Wo ich lebe, werden wir immer besser darin, uns gegenseitig zu töten. Ich sehe eine Zukunft grenzenlosen Tötens voraus.

Schamane 1: Ich sehe einen Tag voraus, an dem wir unsere Träume verlieren.

Schamane 2: Einen Tag, an dem wir glauben, wir seien allein.

Schamane 3: Einen Tag, an dem wir in einer selbstgeschaffenen Hölle verloren sind.

Schamane 4: Einen Tag, an dem wir das Wasser vergiftet haben.

Schamane 5: Einen Tag, an dem die Sterne verschwinden.

Schamane 6: Einen Tag, an dem die Menschen es hassen, am Leben zu sein.

Schamane 7: Ein Tag, an dem die Menschen ihren eigenen Körper hassen.

Schamane 1: Ein Tag, an dem wir nicht wissen, was wir verloren haben.

Schamane 2: Ein Tag, an dem wir vergessen haben,

Schamane 3: Vergessen

Schamane 4: Vergessen

Schamane 5: Vergessen

Alle gemeinsam: Vergessen, vergessen, vergessen …

Alle versinken in Schweigen.

Szene 3: Eine Entscheidung wird getroffen

Schamane 1: Meine Freunde, was sollen wir tun? Können wir verhindern, dass diese Visionen wahr werden?

Schamane 2: Nein, es ist unaufhaltsam. Es ist bereits zu spät.

Schamane 3: Ausserdem ist es ihre Entscheidung.

Schamane 4: Unsere Entscheidung.

Schamane 5: Wer weiss, welchen Sinn das hat.

Schamane 6: Welche Wunder werden wir auf dieser Reise der Trennung entdecken?

Schamane 7: Ja, es ist das Schicksal der Menschheit. Gott und die Natur haben uns dafür gerüstet.

Schamane 2: Aber es lauert Gefahr. Ich weiss es. Ich spüre es.

Schamane 5: Ich auch.

Schamane 6: So seh ich’s auch.

Schamane 2: Wir müssen auf das reagieren, was wir sehen.

Schamane 3: Wenn sie vergessen haben, wie sollen sie sich dann erinnern?

Schamane 4: Ich fürchte, unsere Nachfahren werden verloren bleiben. Sie werden Wunder erschaffen und sie niemals zum Dienst am Leben nutzen. Sie werden immer tiefer in die Trennung vordringen und nie wieder den Weg hinausfinden.

Schamane 1: Wie können wir ihnen helfen? Wie können wir Hunderte von Generationen in der Zukunft erreichen? Wie kommunizieren wir über eine solche Zeitspanne hinweg?

Schamane 7: Wir kennen Wege.

Schamane 2: Auch wir kennen Wege.

Schamane 1: Lasst uns nicht zögern. Wir wissen, was zu tun ist. Sucht andere, die unsere Vision teilen, und organisiert sie, um Hilfe in die Zukunft zu senden. Lasst uns in zehntausend Jahren an jenem Ort jenseits der Lebensspannen wieder zusammenkommen, um das, was wir getan haben, zu teilen, zu koordinieren und zu feiern.

Schamane 1 salbt jedem die Stirn mit dem Wasser, und alle gehen nacheinander fort.

2. Akt

Die Schamanen kehren in den Kreis zurück. Schamane 1 tritt als letzter ein und giesst Wasser in ein Gefäss.

Schamane 1: Brüder und Schwestern, erzählt uns, was ihr getan habt, um die Menschen auf das Zeitalter der Trennung vorzubereiten.

Schamane 2: Mein Volk hat weltweit Weisheitsschulen gegründet, um das Wissen darüber, wie man Mensch ist, in die Zukunft zu tragen. Sie gaben es weiter durch die Linien der Sufis und Weisen, Schamanen und Tantriker, Zen-Meister und taoistischen Adepten, Dogon-Mystiker und jüdischen Kabbalisten, christlichen Gnostiker und hinduistischen Yogis sowie esoterischer Priester in jeder Kultur. Sie bewahrten den Strang des Wissens und der Meisterschaft, bis die Bedingungen reif sein würden, damit er wieder im Massenbewusstsein erblühen konnte. Diese Zeit ist nun gekommen.

Schamane 3: Mein Volk schuf heilige Geschichten und pflanzte sie in jede Kultur der Welt ein. Jede von ihnen enthält tiefes, befreiendes Wissen. Manchmal versteckten wir die Weisheit in Märchen für Kinder, manchmal in Mythen und Legenden. Wir zogen als Geschichtenerzähler in die ganze Welt hinaus. Schliesslich fanden unsere Geschichten ihren Weg in die Massenkultur. Sie umgehen den rationalen Verstand, um ein neues und uraltes Bewusstsein zu wecken.

Schamane 4: Mein Volk zerstreute sich in abgelegene Gebiete der Erde, wo es ungestört bleiben würde, bis zu dem entscheidenden Moment, in dem die Welt es wiederentdecken und bereit sein würde, das Wissen zu empfangen, das es bewahrt hatte. Man nennt sie ›die Ureinwohner‹.

Schamane 5: Mein Volk versenkte sich in tiefes Gebet mit den Pflanzenwesen, Tierwesen und Mineralwesen, um sie davon zu überzeugen, uns zu helfen. Sie sandten heilige Heilmittel in die Welt. Die Menschen in der Trennung werden sie in der dunkelsten Stunde entdecken, wobei jedes ein Tor zum nächsten öffnet. Die Heilmittel werden gefangene Geister befreien und die Seelen von Generationen von Traumata und Gewohnheiten heilen.

Schamane 6: Mein Volk öffnete Portale zu den Sternenwesen, um sie um Hilfe zu bitten. Sie erklärten sich bereit, Informationen und Technologien aus ihrer Zivilisation in unsere zu übertragen – Technologien des Geistes, der Seele, der Energie, des Lichts und des Klangs.

Schamane 7: Mein Volk hat Resonanzschlüssel eingerichtet, die Wissensadern mit heiligen Gegenständen und Orten auf der Erde verbinden. Wenn jemand diesen Gegenstand in die Hand nimmt oder in einem Zustand der Empfänglichkeit an diesen Ort geht, erblüht das Wissen in seinem Geist. Man nennt es einen Download oder eine Erleuchtung. Man sagt: ›Es wurde mir klar.‹ Tatsächlich kommt es von uns. Auf diese Weise übertragen wir Wissen in die Zukunft, selbst wenn direkte Überlieferungslinien unterbrochen sind.

3. Akt 

Alle wenden sich an Schamane 1.

Schamane 2: Du hast noch nicht gesprochen, mein Freund. Was hat dein Volk getan?

Schamane 1: Unsere Arbeit geht weiter. Wir tun es genau jetzt. Seit Tausenden von Jahren begeben wir uns in Meditation, und jeder von uns hat eine Verbindung zu jemandem geknüpft, der zur Zeit des Höhepunkts der Trennung lebte. Was wir tun, ist fast nichts, aber es ist das Wichtigste. Wir sind ihnen Zeugen. Wir bewahren sie in unserem Wissen darum, wer sie sind. Wir bewahren sie in unserem Wissen darum, warum sie hier sind. Wir bewahren sie in unserem Wissen um ihre Fähigkeit, sich selbst zu heilen. Wir bewahren sie in unserem Wissen um ihre Fähigkeit, die Welt zu heilen.

Die Schamanen erheben sich und reichen sich die Hände. Sie wenden sich uns zu.

Schamane 1: Das ist nicht nur eine Geschichte. Das ist real. Genau jetzt. Wir sind eure Vorfahren und wir sind bei euch. Wisst ihr, was passiert, wenn ihr sterbt und zu Vorfahren werdet? Alles fällt ab, ausser der Liebe. Schaut eure Gefährten genau an. Ihr werdet die angesammelte Liebe von tausend Generationen in ihren Augen leuchten sehen.


Übersetzt von Bobby Langer, korrekturgelesen von Ingrid Suprayan. Die englische Originalfassung dieses Essays ist hier zu finden.
 

CharlesEisenstein

CharlesEisenstein

Charles Eisenstein (* 1967) ist ein US-amerikanischer Kulturphilosoph und Autor. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet er als Vortragsredner und freier Dozent. Er gilt als wichtiger Theoretiker der Occupy-Bewegung.

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