Die andere Schweiz

«Unterbrochene Lebenswege. Gesichter der Sozialhilfe»: Diese Ausstellung wird ab Mitte Juni im Musée Grütli auf dem Rütli gezeigt. Das Thema könnte aktueller nicht sein. In der Folge der Corona-Pandemie werden in den kommenden Monaten viele Bewohnerinnen und Bewohner in der Schweiz erstmals Sozialhilfe beantragen.

Die Fotografin Ghislaine Heger hat Sozialhilfebezüger in ihrem Zuhause porträtiert.

Und wenn ich es wäre? Wenn ich plötzlich arbeitslos oder ausgesteuert wäre? Wenn ich zeitlebens in einem Bereich gearbeitet hätte, der nun dem Untergang geweiht ist, der von einem massiven Stellenabbau betroffen ist, und der mich, wie man mir unverblümt zu verstehen gibt, überflüssig macht? Wenn meine Ehe zerbräche, wenn ich mit begrenzten Mitteln dringend eine Wohnung finden müsste, um meine Kinder unter bestmöglichen Bedingungen unterzubringen, während ich gleichzeitig eine Unmenge schwerverständlicher Formulare, haufenweise Rechnungen und schlaflose Nächte zu bewältigen hätte? Wenn ich an der Supermarktkasse monate- oder jahrelang das mir verbleibende Kleingeld zählen und die Lebensmittel, die ich mir leisten kann, drastisch reduzieren müsste?

Die Filmkünstlerin und Fotografin Ghislaine Heger hat Sozialhilfeempfänger in der Schweiz fotografiert und gefilmt, ihre Geschichten festgehalten. Diese Porträts wurden in den letzten drei Jahren in Ausstellungen in über 15 Orten der Westschweiz gezeigt und mit zahlreichen Veranstaltungen, die sich mit den Themen Armut und Sozialhilfe beschäftigen, verbunden. Nun werden die Geschichten der Porträtierten in der Ausstellung «Unterbrochene Lebenswege. Gesichter der Sozialhilfe» zwei Sommer lang – 2020 und 2021 – auf dem Rütli im Musée Grütli  vorgestellt.
Für die Ausstellung auf dem Rütli hat Ghislaine Heger zusammen mit dem Szenografen Michia Schweizer eine neue Ausgabe der Ausstellung mit interaktiven Elementen kreiert. Sie haben eine Struktur geschaffen, die Besucher mit verschiedenen Sinnen die Verbindung zwischen dem Thema, den beteiligten Personen und der eigenen Existenz erfahren lässt.

Die Fotografien, Videofilme, Audio-Beiträge sowie andere Installationen sollen den Rütli-Gästen ein Stück der «anderen» Schweiz zeigen, die man weder im Reiseführer noch auf Postkarten findet. Die in der Ausstellung porträtierten Personen sind zwischen 19 und 63 Jahre alt. Ihre Schicksale sind individuell verschieden: eine Entlassung, ein Unfall, eine Scheidung, eine gequälte Kindheit, eine instabile berufliche Situation oder etwas von allem auf einmal. Einige der Porträtierten benötigten nur für einige Wochen oder Monate Sozialhilfe, andere während mehrerer Jahre. Wer die Zeugnisse der Armutsbetroffenen hört, entdeckt, wie sehr und wie schnell ein Lebensweg, von der Menschen gehofft hatten, dass er stets linear verläuft, auf den Kopf gestellt werden kann.

In der Ausstellung finden die Besucher*innen zudem Formulare, um ihr eigenes Sozialhilfe-Budget zu erstellen und konkret zu erfahren, welche Ausgaben, die sie bisher für selbstverständlich hielten, mit Sozialhilfe auf einmal nicht mehr drin liegen würden.


Öffnungszeiten: 14. Juni 2020 bis 15. November 2021, jeweils 10-16 Uhr
Information: www.sgg-ssup.ch/de/info-musee.html

04. Juni 2020
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