Ueli Keller: Kerstin, von Dir veröffentlichte Texte berühren mein Herz – und ich lasse mich immer wieder gerne von Dir inspirieren (2). Umso mehr freut mich Deine Zusage für Deine Beteiligung an einem Dialog-Beitrag zum Thema 'Dummheit' für DAS BLATT (3) vom Februar!
Du schriebst mir: «Ich bin ja eigentlich Lehrerin, von daher ist das Thema ‚Dummheit’ für mich interessant.» Magst Du uns dazu noch mehr mitteilen?
Kerstin Chavent: In meiner über dreissigjährigen Tätigkeit als Lehrerin habe ich nie jemanden als dumm erlebt. Im Klassenzimmer gibt es Menschen, die schneller verstehen und manche, die es langsamer tun. Jeder nach seinem Rhythmus. Dummheit ist ein Stigma, das den Lernprozess verlangsamt. In meiner Arbeit geht es vor allem darum, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.
In den vergangenen Jahren jedoch habe ich etwas kennengelernt, das ich als Dummheit bezeichnen möchte. Üblicherweise versteht man darunter eine mangelhafte Fähigkeit, aus seinen Wahrnehmungen aus Unkenntnis, mangelhafter Intelligenz oder Schulung des Geistes angemessene Schlüsse zu ziehen. Zu Dummheit kann etwa durch mediale Reizüberflutung und Bespassung, Infantilisierung, gezieltes Stiften von Verwirrung oder die Verzerrung sogenannter Fakten regelrecht erzogen werden.
Dummheit ist für mich, wenn wir uns nicht mehr auf die eigene Urteilsfähigkeit verlassen und uns unter Fremdbestimmung begeben. Hieran sind die neuen Medien stark beteiligt. Man spricht von einer Art digitaler Demenz. Dummheit wird von den Betroffenen selbst nicht bemerkt. Auch hochgebildete, kultivierte und intelligente Menschen können sich sehr dumm verhalten, wenn sie die Hoheit über das eigene Denken abgeben und es anderen überlassen, über sie zu bestimmen.
Ueli Keller: Mein eigener beruflicher Werdegang vom Lehrer zum Bildungswissenschaftler im Staatsdienst orientierte sich an Ideologien, Institutionen, Personen und Strukturen, die mich zu einem falschen Selbst erzogen haben: mit einem Selbstwert, der vor allem auf Leistung basierte. Dabei habe ich es im Aussen einigermassen weit gebracht, mich aber im Innen zum Teil kaputt gemacht. Wenn ich mich in der Welt umschaue, habe ich das Gefühl, dass ich damit keine Ausnahme bin bzw. war, sondern – wäre ich so geblieben, wie ich es war – heute einer Regel entsprechen würde.
Heute erlebe und sehe ich hochintelligent Dumme – wie ehemals mich selber – als Dienerschaft und Teil einer Alles-und-immer-noch-mehr-haben-wollen-Welt, die von Gier, Herrsch- und Vergnügungssucht sowie von Zerstörungswut geprägt ist. Eine Welt, wo vorne auf der Bühne der Politik sogenannt demokratisch agiert wird: von einer Mehrheit, die konstituiert ist mit Dummen, die nicht wissen, was sie tun; mit Gleichgültigen, denen eh alles Wurst ist; mit Schlauen, die nur für sich schauen; und mit Gemeinen, die dafür auch noch andere über den Tisch ziehen.
Es ist eine Mehrheit, die in Tat und Wahrheit und mit einem immer noch grösseren auch medialen Aufwand dem Zweck dient, zu verschleiern, was kranke aber wahrhaftig Mächtige weltweit inszenieren. Oder wie es bereits Theodore Roosevelt gesagt hat: «Hinter der sichtbaren Regierung sitzt auf dem Thron eine unsichtbare Regierung, die dem Volk keine Treue schuldet und keine Verantwortlichkeit anerkennt. Diese unsichtbare Regierung zu vernichten, den gottlosen Bund zwischen korruptem Geschäft und korrupter Politik zu lösen, das ist die Aufgabe des Staatsmannes.»
Zurück zur Dummheit: «Nur mit Dummen sind Kriege und Pandemien möglich - und fast alle sind dumm», so Ludwig F. Bandenhagen in einem Essay (4). Er stellt dabei verschiedene Denksysteme sich gegenüber und führt unter der Affiche «Dumm trotz Intelligenz» aus: «Krieg ist ein Instrument zur Verwirklichung von Machtinteressen der Leute, die selbst nicht kämpfen, sondern kämpfen lassen. Deshalb lässt sich kein Krieg ohne die (auf Lügen basierende) Emotionalisierung der betroffenen Völker führen. Tatsächlich kann sich ein Volk aber hochwirksam gegen Kriege (und Pandemien etc.) entscheiden, wenn verstanden wird, dass man selbst – trotz (hoher) Intelligenz – dumm ist.»
Kerstin Chavent: Mir ist in meinem Leben noch nie jemand begegnet, der von sich selbst behauptet hat, er sei dumm. Dumm sind immer nur die anderen. Die anderen sind intolerant, stur und borniert. Wer von uns glaubt nicht, auf der «richtigen» Seite zu stehen ? Wer will nicht «recht haben»? Wer mag zugeben, dass er sich geirrt hat? Wem fällt es nicht schwer, sich zu entschuldigen?
Ich finde, hier können wir uns alle an die eigene Nase fassen. Wenn uns die Dummheit anderer triggert, sind wir dann selbst wirklich offen, bereit, für unsere eigene Haltung Verantwortung zu übernehmen? Ist es nicht so, dass das, was uns trifft, uns auch betrifft?
Ich versuche es mit der Sprache der gewaltfreien Kommunikation. Anstatt zu sagen «du bist...» kann ich sagen «ich fühle…». Das ist für die meisten von uns gar nicht so einfach. Ich fühle Trauer, Einsamkeit, Wut. Ich fühle mich ohnmächtig, verwirrt, schutzlos. Das ist etwas ganz anderes, als den anderen Dummheit vorzuwerfen. Ich bleibe bei mir. Ich stehe zu meinen Gefühlen, anstatt das, was ich in mir nicht haben will, auf andere zu projizieren und in ihnen zu bekämpfen.
Das grösste Problem, was wir zur Zeit haben, ist meiner Ansicht nach dieses: die fehlende Bereitschaft, uns unseren eigenen Schwächen zuzuwenden, unseren eigenen dunklen Seiten und Fehlern. Die wollen wir nicht haben, weil wir es meistens nicht gelernt haben, uns damit zu lieben. Wir können uns nicht ausstehen in unserer eigenen Kleinheit und Mangelhaftigkeit. Deshalb machen wir uns künstlich gross. Deshalb kämpfen wir gegen andere. Wir suchen nach Ablenkung, um den eigenen tiefen Schmerz nicht zu spüren. Und was würde uns mehr ablenken als Krieg?
Selbstmitgefühl ermöglicht es, mit den eigenen Schwächen und dem eigenen Leiden konstruktiv umzugehen. Es schafft die Grundlage für inneren Frieden, Akzeptanz und eine gesündere Beziehung zu sich selbst und anderen. (Chris Germer)
Ueli Keller: Wenn wir Gefühle in den Schatten verdrängen, können sie uns unbewusst unser Leben schwer machen. Scham beispielsweise ist ein starkes menschliches Gefühl. Sie soll zudecken, verschleiern und verbergen, was nicht sein darf. Der Scham obliegt einerseits eine natürlich gesunde Schutzfunktion. Sie bewahrt uns vor kränkender Entwürdigung. Kreativ gelebte Schamkraft kann andererseits Heilung bewirken. Wir brauchen die Kraft der Scham, um uns wahrzunehmen wie wir sind, und um uns für uns selber sowie für andere angemessen und wohlwollend zu verhalten.
Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen, meinte Heidi Kastner in einem Interview, erschienen in der «Wiener Zeitung» (5).
Manchmal habe ich Angst, nicht gut genug zu sein und mich deshalb schämen zu müssen. Auch Angst kann dumm machen. Und dies nicht nur individuell und personell. Sondern auch kollektiv und strukturell. Befreien wir uns individuell und kollektiv von Lähmung, dem Schattengefühl der Angst: wo Angst ist, mögen wir kreativ werden.
Kerstin Chavent: Ich mag an dieser Stelle den Alchemisten mit ins Spiel bringen. Nicht den von Claudia von Werlhof zitierten Weltenzerstörer (6), sondern den Forschenden, der versucht, sein inneres Gold freizulegen. Hinter jeder Angst verbirgt sich eine schöpferische Gabe, eine unerfüllte Lust, ein Potenzial, das darauf wartet, entdeckt zu werden. Wir können das eine nicht ohne das andere haben. So ist das in der Welt der Gegensätze, in der wir uns befinden.
An unsere schöpferische Kraft kommen wir nicht mit erhobenem Haupt und stolzgeschwellter Brust. Der Weg führt durch ein Nadelöhr. Wie in einer Heldenreise muss der Drache gezähmt werden. Überheblichkeit, Eitelkeit, Eifersucht, Gier, also all das, was uns klein und eng hält, muss uns bewusst werden – nicht, um es von uns zu weisen, sondern um es zu integrieren. Dann erst können wir zu Schöpfern werden, nicht mehr Spielbälle der Ereignisse, sondern Menschen, die sich ihrer Stärken UND ihrer Schwächen bewusst sind.
Schöpferkraft ist nicht in kleinen Dosen abgepackt zu haben. Sie gibt es nur im Ganzen. Wenn uns heute im Aussen so viel Dummheit begegnet, dann höre ich darin die Frage klingen: Und du? Wie hältst du es mit der Dummheit? Wie gehst du mit deinen Schwächen um, deiner Angst? Wie steht es um dein Selbstwertgefühl?
Ganz ehrlich: Ich war und bin in meinem Leben immer mal wieder dumm. Ich versteige mich in Einseitigkeiten, verliere den Überblick, bin unachtsam oder plappere Dinge nach, ohne sie genau überprüft zu haben. Mein Ego geht mit mir durch, ich werde stur und urteile über andere. Das geschieht, weil ich ein Mensch bin. Und Menschen haben nun mal gute und schlechte Seiten.
Wer sich selbst annimmt und schätzt, auch wenn er gelegentlich richtig blöd sein kann und sich wie ein Narr verhält, der tut meiner Ansicht nach wirklich etwas dafür, dass es in dieser Welt weniger Dummheit gibt. Sie muss uns nicht im Aussen immer wieder begegnen, wenn wir innerlich damit in Frieden sind, dass wir auch so sein können, wie wir nicht sein wollen.
Ueli Keller: Wie ich es selber als Politiker erlebe, generieren die Parteien von Links über die Mitte bis nach Rechts mit ihrem Streben nach Macht und mit ihrer Unfähigkeit zu sachorientierter Kooperation im Grossen wie im Kleinen immer noch tiefere Spaltungen und immer noch haarsträubendere Verwirrungen: verbunden mit einer substanzlosen Handlungsunfähigkeit und Perspektivenlosigkeit. Dass sie selber und "ihre" Medien davon kaum etwas wissen wollen, macht es nicht wirklich besser.
Intelligenz als Motor einer von Gier, Herrsch- und Vergnügungssucht sowie von Zerstörungswut geprägten Welt, finde ich schlecht. In welcher Form auch immer. Weil sie einer Macht dient, die spaltet. Und dies ist und bleibt vor allem dann so, wenn eine Mehrheit dem Taifun dieser Wahrheit nicht ins Auge sehen will.
Eine Intelligenz, die alle und alles berücksichtigt, nenne ich kosmische Intelligenz: sie hält zusammen. Kosmische Intelligenz – Christen beispielsweise mögen sie Gott nennen – ist weder gut noch böse. Sie ist. In allem und auch in jedem von uns.
Mögen wir in unseren Herzen wohnen. Mögen wir unseren inneren Frieden finden. Mögen wir uns selbst genügen und uns ganz, heil, wohl geborgen und in Demut frei fühlen.
Mal gelingt es mir gut und mal fällt es einfach schwer. Möge ich anstecken mit meiner Lebendigkeit, der unbändigen Lust zu leben, die Welt zu entdecken, dem Wunsch friedlich miteinander zu wachsen. (Maria Eing)
Als Politiker gehe ich davon aus, dass meist einzig im Kleinen etwas Grosses möglich ist. Also engagiere ich mich für kleine Änderungen im Grossen und freue mich, wenn es gelingt.
Wie in der Politik mit gut durchdachten Plänen, laufe ich auch als Autor mit engagierten Texten oft nicht nur ins Leere, sondern generiere manchmal diverse Formen von Widerstand: indem Pläne oder Texte (passiv) nicht beachtet, oder (aktiv) abgelehnt werden.
Und wenn: Soll ich dann den Fehler bei mir suchen und mich schämen, weil ich falsch bin? Oder soll ich wütend werden über die Dummen, die es nicht besser wissen wollen? Oder soll ich es fürchterlich finden und Angst haben, weil ich nicht wahrhaftig und wirksam weiter weiss? Oder soll ich mich mit der Illusion erschöpfen, es wäre schon noch zu schaffen: ich und/oder die anderen müsste/n es nur richtig machen wollen?
Dabei ist es vielleicht schlicht und einfach so, dass und weil die Welt nicht so ist, wie ich sie mir denke und haben möchte. Dies bewusst zu akzeptieren, kann mit Trauer und Loslassen verbunden sein. Die Schattenkraft von Trauer ist Resignation: wo Trauer ist, möge Liebe werden. Trauer ist eine Gefühlskraft von grosser Tiefe, Weite und Weisheit. In ihr können wir schwimmen und uns treiben lassen, wenn wir es uns gestatten.
Ob es wohl sein mag, dass wir weise geboren sind und dann dumm werden: unter anderem, weil wir es nicht verstehen, mit der Kraft unserer Gefühle zu leben?
Unterwegs vom Gefangensein in Dummheit zum Freisein in Weisheit hier mein aktuell letzter Schluss: Mögen wir von ganzem Herzen und aus Liebe mit uns und allem bestmöglich im Frieden leben und glücklich sein. In der Welt, wie sie ist und wie sie sein wird. Mögen wir dafür tun, was im Hier und Jetzt möglich ist, und lassen, was zu lassen ist.
Kerstin Chavent: Es mag angesichts der aktuellen Weltlage immer wieder so aussehen, als würden die Bemühungen derer, die sich für einen grundlegenden Bewusstseinswandel einsetzen, ins Leere laufen. Mancher mag sich als der Dumme fühlen, die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben zu haben. Die Konfrontation mit der eigenen Ohnmacht fordert uns auf das Höchste heraus. Und doch: Es ist Zeit für Zuversicht!
Im Tarot de Marseille, ägyptisch der Weg des Königs, ist der Narr zugleich die erste und die letzte Karte. Als ewig Reisender ist er unterwegs, als Fremder, der das Unbekannte sucht. Er repräsentiert die schöpferische Leere, das, was noch nicht manifest geworden ist und noch keine Form angenommen hat. Der Narr führt den Reigen an, aus dem alle anderen Archetypen hervorgehen. Ohne ihn würde das Spiel nicht funktionieren.
Doch hüten wir uns davor, Narren auf verantwortungsvolle Posten zu lassen. Hier gehören sie nicht hin. Damit der Narr den Thron wieder verlässt, braucht es mehr, als alle paar Jahre seine Stimme in eine Urne zu legen. Es braucht Menschen, die damit aufhören, den Narren nur im anderen zu sehen. Wir alle tragen seine frische, unbedarfte und sorglose Kraft in uns, die uns dazu treibt, ein neues Spiel zu beginnen.
Damit möchte ich schliessen. Ja, mögen wir mit der Kraft der Gefühle leben und nicht gegen sie. Mögen wir annehmen, was uns gegeben wird, um hinter allem die Weisheit des Lebens zu entdecken. Bei manchem dauert es vielleicht etwas länger. Doch ob Narr oder Weiser: Es ist dieselbe Karte, die wir in den Händen halten.
Links und Quellen:
(1) Kerstin Chavent:
https://zeitpunkt.ch/taxonomy/term/2807
(2) Bewusst: Sein im Wandel: https://bewusstseinimwandel.blogspot.com
(3) DAS BLATT:
https://round-about-peace.com/das-blatt
(4) Nur mit Dummen sind Kriege und Pandemien möglich - und fast alle sind dumm, Ludwig F. Bandenhagen: https://pareto.space/u/[email protected]/17581298011809.
(5) Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen, Heidi Kastner:https://www.wienerzeitung.at/a/die-dummheit-hat-aufgehoert-sich-zu-schaemen.
(6) Claudia von Werlhof, Der unerkannte Kern der Krise - Die Moderne als Erschöpfung der Welt, 2012.