Für 60 zitternde Sekunden
Die USA gibt vor, sie wolle im Iran einen Regimewechsel durch Krieg herbeiführen. Wie geht es den Menschen dort – zum Beispiel aus Sicht dieser Exil-Iranerin, die um ihre Familie im Iran bangt.
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Krieg gegen den Iran

Sie haben mich gebeten, mehr zu schreiben; nicht in Metaphern, sondern über die Wahrheit, die uns wie ein Knochen im Hals stecken bleibt. Die Wahrheit über den heutigen Iran ist eine totale Zerrissenheit zwischen Tanz und Blut, zwischen Hoffnung und nacktem Entsetzen. Unsere Verbindung nach Hause ist fast vollständig gekappt, denn die Telefonanrufe sind einseitig geworden. 

Wir hier draussen können nicht mehr einfach anrufen; wir sitzen da und warten stundenlang darauf, dass sie uns von der anderen Seite der Mauern aus erreichen. Und wenn sie anrufen, haben wir nur einen flüchtigen Moment Zeit, denn die Kosten für diese wenigen Augenblicke betragen für eine Familie in Iran mehr als das gesamte Monatsgehalt eines einfachen Arbeiters.
Wir sind die Erben dieser kurzen, zitternden Gespräche geworden, in denen ein Vater und eine Mutter mit bebender Stimme und einer fast schon absurden Verwunderung uns fragen, wie es uns im Ausland geht. Sie machen sich Sorgen um unsere Freiheit, während sie selbst im Trümmerhaufen der Angst leben.

Das ist der bitterste Teil unserer Realität: Bis vor Kurzem haben sich viele in Iran den Krieg fast herbeigesehnt. Man glaubte, dass Krieg vielleicht der einzige Weg sei, uns von den Mullahs zu befreien. Doch jetzt, wo der Krieg tatsächlich wie ein böser Geist über den Städten schwebt, sind alle starr vor Entsetzen. Die Gewissheit ist verschwunden und die Angst hat den Sieg über die Hoffnung errungen. 

Es herrscht eine schmerzhafte Diskrepanz zwischen uns. Die Iraner im Ausland sind oft glücklich, sie tanzen auf den Strassen und feiern in der Hoffnung auf den baldigen Sturz des Regimes. Aber im Inneren Irans haben die Menschen vor lauter Panik keine Ruhe mehr. Das Volk steckt in einem schrecklichen Dilemma fest. Es gibt jene, die noch immer mit dem brennenden Schmerz über ihre geliebten Menschen kämpfen, die vom Regime auf den Strassen getötet wurden, und es gibt jene, die angesichts der herannahenden Bomben jetzt nur noch nach Sicherheit dürsten.

Das Volk ist zerquetscht zwischen der Sehnsucht nach Veränderung und der puren Angst vor der Vernichtung. Wenn ich mit meiner eigenen Schwester spreche, begreife ich erst, was diese Zerrissenheit mit der menschlichen Psyche anrichtet. Sie schreit nachts im Schlaf und steht vor einem totalen psychischen Zusammenbruch. Die Nächte in Teheran riechen nicht mehr nach dem bevorstehenden Frühling; sie riechen nach absoluter Ungewissheit. 

Wir sitzen hier in Sicherheit, während sie dort drüben zwischen astronomischen Preisen, abgehörten Leitungen und einem Himmel, der jeden Moment den Tod bringen könnte, ums nackte Überleben kämpfen. Das ist es, was wir gerade sind: Ein Volk, hin- und hergerissen zwischen einem verzweifelten Funken Hoffnung und einer alles verschlingenden Angst.
Dies sind die Worte, die ich in jenen sechzig Sekunden gesammelt habe, die wir der Zensur stehlen konnten.


 

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