Gedankenhygiene
Anstatt sinnbildlich weiter in Müllkippen zu wühlen, können wir uns daranmachen, einen neuen Garten anzulegen. Die Samstagskolumne.
...
Der Dreck muss zu Humus werden, zu einem Grund, auf dem Neues wachsen kann. Bild: Shutterstock

Um ihre Umwelt zu erforschen, stecken Kleinkinder alles in den Mund und machen auch vor Unrat nicht Halt. Das Gefühl des Ekels entwickelt sich erst mit der Zeit. Etwa ab dem Vorschulalter verstehen Kinder zunehmend, dass bestimmte Sachen als unhygienisch, verunreinigend oder krankmachend gelten. Als Erwachsene ekeln wir uns vor Dingen wie Fäkalien, Erbrochenem, Eiter, Maden, Schleim, Schweissgeruch oder Haaren im Essen. 

Während wir es als Kinder noch lieben, in Matsch zu wühlen, lassen wir als Erwachsene oft die Finger davon. Bestimmte Hygienevorstellungen treiben viele dazu, zur Vermeidung von Krankheiten oder zum Erreichen besserer Erträge ihre Umgebung zu desinfizieren und zu sterilisieren. Obwohl ihre schädigenden Eigenschaften hinreichend bekannt sind, werden Antibiotika, Desinfektionsmittel, Antiseptika, Insektizide, Herbizide und alles, was unerwünschte Lebensformen zerstört, mehr oder weniger bedenkenlos benutzt. 

Nach aussen Biozide, nach innen Arzneimittel – so achten wir auf unsere körperliche Sauberkeit. In unsere Köpfe hingegen lassen wir alles Mögliche. Wir konsumieren Informationen, ohne uns darum zu kümmern, was sie in uns anrichten können. Ungehindert dringen Nachrichten in uns ein, die uns die Tage verderben und die Nächte schlecht schlafen lassen. Das Gedankengift breitet sich aus und hinterlässt ein Gefühl von Ohnmacht und Fatalismus. Es ist schrecklich. Aber man kann ja nichts machen.

Doch, kann man. Man kann sich fragen, warum man das tut. Warum informieren wir uns ständig über Dinge, die irgendwo passieren und auf die wir keinerlei Einfluss haben? Warum sehen wir uns Probleme an, an denen wir nichts ändern können? Warum lassen wir es zu, dass Frust, Ohnmacht und Angst in uns immer grösser werden? Es ist, als fielen wir wieder ins Kleinkindalter zurück und haben vergessen, erwachsen zu werden. 

In ihrer Abhängigkeit haben Kinder nur wenig Handlungsspielraum. Als Erwachsene können wir eigenverantwortlich Entscheidungen treffen und die Welt mitgestalten, in der wir leben wollen. Wir haben die Möglichkeit, Mechanismen zu erkennen, die darauf ausgerichtet sind, uns klein und ohnmächtig fühlen zu lassen und uns daran hindern, uns zu unserer vollen Grösse zu erheben.

Was macht das mit mir? – das ist die Frage, die wir uns stellen sollten, wenn wir uns informieren. Was macht es mit mir, Formen in mich hineinzulassen, die überwiegend dunkel und negativ geprägt sind? Schützt es mich, informiert zu sein? Tut es mir gut? Hilft es mir? Gibt es mir Möglichkeiten in die Hand? Werde ich dadurch grösser oder kleiner, gehe ich aufgerichteter oder gebeugter? Begegne ich anderen offener oder gar nicht mehr? Werde ich handlungsfähiger oder fühle ich mich noch machtloser? 

Den Garten anlegen

«Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.» Dieses Gebet ist durch die Anonymen Alkoholiker bekannt geworden. Gelassenheit, Mut und Weisheit – die braucht es, um sein Boot durch bewegte Zeiten wie diese zu steuern. Haben wir sie? Bekommen wir sie, wenn wir unsere Zeit mit dem Grübeln über Dinge verbringen, auf die wir keinerlei Einfluss nehmen können, und uns dort entmutigen lassen, wo wir etwas ausrichten können?

Haben wir uns nicht zu Genüge auf das konzentriert, was wir nicht wollen? Ist nicht langsam der Moment gekommen, uns auch um das zu kümmern, was wir wollen? Wie soll unsere Zukunft aussehen? Wie wollen wir leben? Was machen wir, wenn wir unsere Zeit nicht mehr damit verbringen, uns aufzuregen, wenn wir keine Horrorfilme mehr schauen, sondern beginnen, einen Liebesfilm zu drehen, einen Naturfilm, einen Abenteuerfilm?

Was mache ich? Wobei mache ich mit? Schicke ich Informationen in die Welt, die die Menschen weiter erniedrigen, frustrieren, lähmen? Lebe ich davon, schlechte Nachrichten zu verbreiten oder zu analysieren, oder ermutige ich dazu, in ein konstruktives Handeln zu kommen? Bin ich mit meinen Gedanken woanders oder hier vor Ort, dort, wo ich etwas ausrichten kann? 

Der Garten, den es jetzt anzulegen gilt, braucht Dünger. Es braucht Hände, die im Dreck wühlen. Doch der Dreck muss zu Humus werden, zu einem Grund, auf dem Neues wachsen kann. Wenn aus einem Schlachtfeld ein Garten werden soll, müssen wir uns mit etwas anderem als dem Abfall beschäftigen. Wir müssen eine Vision vom Garten entwickeln. 

Hierfür braucht es einen freien Geist, ungehindert durch das Gefühl von Ohnmacht und Fatalismus. Es braucht die Aussicht auf etwas Mögliches, Höheres, Schönes. Es braucht Menschen, die die Infusionsnadel herausziehen, Menschen, die die Weisheit haben zu unterscheiden zwischen dem, was sie hinnehmen müssen, und dem, was sie verändern können.

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

Newsletter bestellen