Rund 60 Personen versammelten sich am Mittwoch trotz des regnerischen Wetters zur Übergabe der Petition. Auch Menschen aus anderen Zürcher Siedlungen waren anwesend, die bereits Leerkündigungen durch die UBS erhalten haben.
In der Siedlung Im Walder/Niederhofenrain sind 119 Wohnungen mit über 300 Bewohnerinnen und Bewohnern von den Erneuerungsplänen der UBS betroffen. Die Eigentümerin prüft eine umfassende Erneuerung der Siedlung, einschliesslich Abriss und massive Verdichtung. Auf der gleichen Fläche sollen statt der heutigen 119 Wohnungen mindestens 300 Wohnungen entstehen.
Für die Bewohnenden steht weit mehr auf dem Spiel als ihre Wohnung: Es geht um über Jahrzehnte gewachsene Nachbarschaften, soziale Beziehungen und die Möglichkeit, weiterhin in der Stadt zu leben.
«Wir produzieren gesellschaftlichen Mehrwert, von dem alle profitieren. Die UBS interessiert nur der Marktwert, von dem nur sie profitiert», kritisierte Anwohner Raimondo Incardona gegenüber den Vertretern der Stadt Zürich. Es seien gerade diese sozialen Strukturen, die Zürich lebenswert machten.
In der Petition fordern die Mieter:innen in erster Linie den Verzicht auf Abriss und Neubau und den Erhalt der bestehenden Siedlung mit bezahlbaren Wohnungen. Sollte dies nicht möglich sein, verlangen sie verbindliche sozialverträgliche Lösungen: den teilweisen Erhalt der Gebäude, eine etappierte Erneuerung, transparente Information, faire Mieten und die Möglichkeit für die bisherigen Mietenden, in der Siedlung zu bleiben oder dorthin zurückzukehren. Die Petitionär:innen fordern von der Stadt Zürich, den Kauf der Liegenschaften durch den städtischen Wohnraumfonds zu prüfen. Diese Forderung wurde an der Petitionsübergabe auch von Nationalrätin Jacqueline Badran klar unterstützt.
Wohnungsnot trifft zunehmend die Mittelschicht
Die fast 9000 Unterschriften zeigen, dass die Sorge um bezahlbaren Wohnraum in der Stadt Zürich gross ist. Angesichts steigender Mieten und prekärem Leerwohnungsbestand wird es für immer mehr Menschen schwierig, nach einer Kündigung eine bezahlbare Alternative in der Stadt zu finden. Selbst Haushalte mit mittleren Einkommen können sich die Mieten vieler angebotener Wohnungen nicht mehr leisten.
«Wir sind uns bewusst, was die Siedlung für das Quartier und die Stadt bedeutet», erklärte Stadtpräsident Raphael Golta bei der Übergabe der Petition. Er versicherte den Bewohnenden seine Unterstützung: «Wir setzen uns wirklich mit voller Kraft für euch ein. Wir teilen eure Anliegen.»
Doch die Betroffenen erwarten mehr als Solidaritätsbekundungen. Sie kritisierten, dass sie weder in die Gespräche zwischen der Stadt und der UBS einbezogen noch ausreichend über die Planungen informiert werden. Sie befürchten, erst dann informiert zu werden, wenn die entscheidenden Weichen längst gestellt sind. Stadtrat Tobias Langenegger, Vorsteher des Hochbaudepartements, nahm zur Kritik Stellung und räumte Handlungsbedarf ein: «Wir müssen die Mieter:innen und die soziale Dimension bei Arealüberbauungen unbedingt stärker mit einbeziehen.»
Leere Versprechen verhindern keine Verdrängung
Die Stadt Zürich steht in der Verantwortung. In ihrem «Programm Wohnen 2026» bekennt sie sich ausdrücklich zum Erhalt bezahlbaren Wohnraums und zu einer sozialverträglichen Erneuerung bestehender Siedlungen. Doch gegenüber grossen Immobilienkonzernen sind ihre rechtlichen Handlungsmöglichkeiten begrenzt. Gespräche und Empfehlungen allein bieten den Mietenden keinen Schutz vor einer Leerkündigung.
«Wir haben eine Regierung gewählt, die eigentlich ohnmächtig ist», brachte eine Anwohnerin ihre Enttäuschung zum Ausdruck. Golta widersprach: «Wir haben tatsächlich nicht alle Macht, die wir gern hätten in diesem Bereich. Aber ohnmächtig sind wir nicht.» Gleichzeitig räumte er ein: «Neue gesetzliche Hebel würden uns definitiv mehr helfen. Wir schauen aber, ob wir im Rahmen der aktuellen gesetzlichen Möglichkeiten zusätzlichen Spielraum haben.»
Die Bewohnenden erwarten nun, dass die Stadt diesen Spielraum konsequent ausschöpft und sich für wirksamere gesetzliche Instrumente zum Schutz bezahlbaren Wohnraums einsetzt.
Zum Abschluss der Diskussion richtete eine Anwohnerin einen eindringlichen Appell an die beiden Politiker: «Sobald ihr etwas wisst, zum Beispiel über den Stand der Planungen oder darüber, welches Projekt gewählt wird, möchten wir unmittelbar informiert werden.» Die Bewohnenden bräuchten genügend Vorlaufzeit, um sich organisieren und ihre Zukunft planen zu können.
Mit der Übergabe der fast 9000 Unterschriften verbinden sie eine klare Erwartung an die UBS und die Politik: Die Zukunft eines Quartiers darf nicht ohne die Menschen entschieden werden, die dort leben.