Geschichten prägen Geschichte
Wer die Geschichte erzählt, an die wir glauben, hat die Macht. Ein neu erschienenes Buch deckt auf, wie die Geschichten über die Antike in unsere Köpfe kamen und wem das nutzte.
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Auch so eine Geschichte: Die Römer überqueren die Alpen mit Sandalen - und die KI war dabei.

Geschichten prägen sich nicht nur leicht ins Gedächtnis ein. Sie prägen auch den Verlauf der Geschichte. Wir merken uns weniger die Daten und Fakten als die Geschichten dazu. Denn Geschichten transportieren Gefühle. Worte berühren. Geschichten können Mut machen: die vom kleinen David gegen den grossen Goliath, die vom edlen Gesetzesbrecher Robin Hood, der den Reichen nimmt, um den Armen zu geben, oder die vom Tellerwäscher, der zum Millionär wurde.

Kollektive Erzählungen können Menschen dazu bringen, ihre eigene Identität, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft in einem bestimmten Rahmen zu sehen. Sie können ihnen ein Vokabular geben, mit dem sie die Welt interpretieren. Und sie können Menschen zum Träumen bringen und Bilder für eine mögliche Zukunft entwerfen. I have a dream.

Geschichten halten Völker zusammen oder bringen sie gegeneinander auf. Sie müssen dabei nicht wahr sein, um ihre Macht zu entfalten. Der Rattenfänger machte aus einem komplexen historischen Vorgang eine extrem einfache Geschichte: Es gibt ein Problem. Jemand bietet eine Lösung. Ein Versprechen wird gebrochen. Es folgt eine Konsequenz. Hierzu brauchte es keine Gewalt. Eine Flöte reichte.

Eine Frage des Glaubens

Dieselbe Struktur findet man in Religionen, Nationen, politischen Bewegungen, Unternehmen, in der Werbung und in persönlichen Identitäten. Wir glauben, dass uns ein bestimmtes Produkt schöner, stärker oder erfolgreicher macht, und fallen auf Erzählungen herein, in denen es einen einzigen Bösewicht, eine einzige Ursache oder einen einzigen verborgenen Akteur mit einem bestimmten Ziel gibt.

Wenn wir nicht an Geschichten glauben würden, gäbe es kein Papiergeld und keine Bankkonten. Es gäbe keine Pässe, keine Firmen, keine Universitäten, keine Nationen, keine Religionen. All das kann es nur geben, weil wir daran glauben. Denn in Wirklichkeit sind wir Menschen. Keine Damen und Herren, keine Codes, keine Titel.

Die Geschichten funktionieren, weil wir uns als etwas bezeichnen lassen, was wir im eigentlichen Sinne gar nicht sind. Wir sind nicht die Etiketten, die uns von Geburt an gegeben werden. Wir sind mehr als die Kästchen, die wir in Formularen ankreuzen, mehr als die Akten, in die man uns einordnet. Wir sind mehr als das Patientenidentifikationsarmband, das Neugeborene nach der Geburt ans Handgelenk bekommen, mehr als der Identifikationsanhänger an unserem Zeh im Leichenhaus.

Frei erfunden

Wir sind Menschen, und wir können der Frage auf die Spur gehen, wer wir wirklich sind. Wir sind dazu in der Lage, zu erkennen, was wahr ist und was nicht. Wir müssen nicht das glauben, was man uns erzählt. Auch dann nicht, wenn es alle anderen tun. Hierzu müssen wir nicht mehr wissen. Wir müssen uns anschauen, was wir wissen, Schicht für Schicht die Geschichten anheben und schauen, was sich dahinter verbirgt.

...Renate und Gerd Reuther haben das getan. In ihrem 2025 erschienenen Buch Tatort Vergangenheit: Wie eine Fake Past unsere Zukunft diktiert hinterfragen sie, wie zuverlässig unser überliefertes Geschichtsbild ist. (1) 2026 haben sie es wieder getan. Anfang Oktober erschien Tatort Gelehrtenstube: Weitere Ermittlungen in der Vergangenheit. Hier geht es darum, wer unsere Geschichte eigentlich hergestellt hat. (2)

Die Reuthers arbeiten sich durch Gelehrtenstuben, Archive, archäologische Funde, Bilder und historische Darstellungen und tragen zusammen, wie Urkunden gefälscht, Funde fingiert und Phantom-Herrscher erfunden und daraus Geschichten gesponnen wurden. Damals wie heute wusste man, dass derjenige, der die Kunst des Erzählens beherrscht, politische, soziale und religiöse Macht besitzt.

Die Antike, so die Reuthers, wurde zu einem grossen Teil in der Renaissance erschaffen. Die erstarkende Kirche Roms brauchte einen mächtigen Vorgänger. Was lag näher als das Römische Reich? So wurde ein Bogen der Macht geschlagen, der bis in die Gegenwart reicht. Bis heute hat der Vatikan einen bedeutenden Einfluss in der Welt. Nicht nur das. Wir glauben die Geschichten, die in den klösterlichen Schreibstuben erfunden wurden.

Kirchenlatein

Wir glauben die Erzählungen von römischen Soldaten, die in Sandalen die Alpen überquerten, von den «Schenkungen», die der Kirche Roms unermesslichen Besitz zukommen liessen, vom «Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation» und von einem zu Beginn unserer Zeitrechnung zerstörten Pompeji, dessen Kunstschätze denen der Renaissance verdächtig ähnlich sind.

Wir glauben an die Macht der Kirche, die an keiner Stadt, keinem Dorf vorbeiging und Wohntürme in Kirchtürme verwandelte und Kirchen auf Marktplätze stellte, um das öffentliche Leben zu bestimmen. Wir glauben daran, weil es angeblich «schon immer» so gewesen ist. Ein Land ohne Grenzen, eine Gesellschaft ohne Kriege können wir uns nicht mehr vorstellen.

Wie eine mächtige Zange umspannen das antike und das klerikale Rom die Geschichte der Menschheit. Alte Heldentaten legitimieren neue. Wo eine lückenlose Reihe von Herrschern und Päpsten vorzuweisen ist, da fragt niemand nach der Berechtigung. Das Mittelalter dazwischen konnte nur «finster» sein. Zwischen dem alten Rom und der Renaissance musste die Entwicklung stagnieren, sogar zurückgehen, um unbedeutend zu sein.

Der nächste Schritt

Wer hat sich nie darüber gewundert? Die Reuthers decken es auf. Sie bringen ans Licht, was die Federn der Geschichtsschreiber erfunden und was bis heute oft ungeprüft übernommen wird. Daran ändern auch moderne Datierungstechniken nichts. Die alten Geschichten werden im Wesentlichen nicht infrage gestellt. Es ist, als hätten die Betrogenen die Lügen lieben gelernt.

Die grösste Macht besteht nicht darin, Menschen zu sagen, was sie tun sollen. Sie besteht darin, die Geschichte zu bestimmen, innerhalb derer sie selbst entscheiden, was sie tun wollen. Das ist der Trick. Offen liegen die Karten auf dem Tisch. An uns, die Lüge nicht mehr mitspielen zu lassen.


   (1) Gerd Reuther: Tatort Vergangenheit. Wie eine Fake Past unsere Zukunft diktiert. Engelsdorfer Verlag 2025
   (2) Gerd und Renate Reuther: Tatort Gelehrtenstube: Weitere Ermittlungen in der Vergangenheit, Engelsdorfer Verlag 2026

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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