«Ich habe noch keine Eltern kleiner Kinder getroffen, die diesem Moment nicht mit Sorge entgegensehen», sagt der Whistleblower. Er hat in US-Gerichtsverfahren gegen seinen früheren Arbeitgeber ausgesagt und wirft den Plattformen vor, bewusst süchtig machende Produkte zu entwickeln und die Öffentlichkeit über Sicherheitsrisiken zu täuschen.
Grossbritannien hat als jüngstes Land ein Verbot für unter 16-Jährige angekündigt. Das Gesetz soll bis Frühjahr 2027 umgesetzt werden. Bereits 2025 führte Australien eine ähnliche Altersgrenze für Plattformen wie Instagram, Facebook, YouTube, X (ehemals Twitter), TikTok und Snapchat ein. Weitere Länder folgen: Indonesien und Malaysia haben Verbote für Unter-16-Jährige erlassen, Brasilien verbietet Handys an Schulen und erlaubt Kindern unter 16 nur noch Accounts mit elterlicher Aufsicht. In Österreich, Frankreich, Norwegen und Kanada laufen Diskussionen über vergleichbare Massnahmen.
Die Gründe sind vielfältig.
Studien und Gerichtsverfahren zeigen, dass exzessive Nutzung von Social Media bei Jugendlichen zu psychischen Problemen wie Angststörungen, Depressionen, Essstörungen und Schlafstörungen führen kann. Besonders gefährdet sind Mädchen durch unrealistische Schönheitsideale und Cybermobbing, Jungen durch extreme Inhalte wie Gewalt oder frauenfeindliche Propaganda.
Béjar warf dem Konzern in US-Gerichtsverfahren vor, bewusst süchtig machende Funktionen entwickelt und die Öffentlichkeit systematisch über die Risiken für Jugendliche getäuscht zu haben. Er betonte, dass die Plattformen gezielt Algorithmen einsetzen, die Nutzer möglichst lange binden und besonders vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche ausbeuten.
«Die Social-Media-Plattformen zeigen der Welt immer wieder, warum man ihnen nicht vertrauen kann», sagte Béjar dem Guardian. Er schilderte in dem Interview, wie interne Warnungen vor psychischen Schäden bei Teenagern ignoriert oder heruntergespielt worden seien. Besonders kritisierte er, dass Meta wissentlich Mechanismen wie endlose Scrolls, Likes und personalisierte Benachrichtigungen fördere, die bei jungen Nutzern Abhängigkeit erzeugen und zu Angststörungen, Depressionen und Essstörungen beitragen können.
Meta wehrt sich gegen die Vorwürfe und behauptet, man setze auf sichere Umgebungen für junge Nutzer. Das Unternehmen kündigte Berufung gegen die Urteile an und verweist auf die Komplexität des Themas psychische Gesundheit.
Lobbyarbeit der Tech-Konzerne
Trotz wachsender Regulierung wehren sich die Konzerne mit massiver Lobbyarbeit. In der EU gaben Tech-Firmen 2025 rund 150 Millionen Euro aus – ein Drittel mehr als zwei Jahre zuvor. Meta allein investierte zehn Millionen Euro. In den USA lobbyieren die Unternehmen gegen den «Kids Online Safety Act», der strengere Schutzmassnahmen vorschreiben würde. Zwischen 2020 und 2024 flossen 260 Millionen Dollar in die Beeinflussung des Kongresses.
In den Vereinigten Staaten ist ein landesweites Verbot wegen des Ersten Verfassungszusatzes und starker wirtschaftlicher Interessen unwahrscheinlich. Auch unter Präsident Donald Trump bleibt eine strenge Regulierung der eigenen Tech-Giganten unwahrscheinlich. Das Weisse Haus kritisiert so auch die Verbote im Ausland als «unverhältnismässig».
Umgehung und Herausforderungen
Kritikerinnen und Kritiker warnen vor praktischen Problemen. In Australien wird das Verbot massiv umgangen, etwa mit VPNs oder gefälschten Altersangaben. Experten wie Theo Bertram, ehemaliger TikTok-Manager, sehen in der britischen Entscheidung einen globalen «Kipppunkt». Sobald einflussreiche Länder handeln, könnten weitere folgen. Dennoch plädieren einige für differenziertere Ansätze statt pauschaler Verbote: bessere Altersverifikation, strengere Design-Vorgaben und mehr Verantwortung der Plattformen.
Befürworterinnen und Befürworter von Verboten argumentieren, dass die Risiken die Vorteile für Minderjährige klar überwiegen. Junge Menschen bräuchten geschützte Räume, keine kommerziellen Algorithmen, die auf Aufmerksamkeit und Daten aus sind.
Arturo Béjar fordert: «Junge Menschen verdienen Online-Räume, die für sie gemacht sind.»Die Debatte zeigt einen gesellschaftlichen Wandel. Nach Jahren des ungebremsten Wachstums von Social Media gewinnt der Schutz von Kindern und Jugendlichen an Gewicht. Das Vertrauen in die grossen Plattformen schwindet – und die Politik reagiert zunehmend mit harten Massnahmen.