EcoPeace Middle East ist eine einzigartige Organisation, die jordanische, palästinensische und israelische Umweltschützer:innen vereint. Ihr Hauptziel ist die Förderung gemeinsamer Anstrengungen zum Schutz des gemeinsamen Naturerbes. Damit will sie sowohl eine nachhaltige regionale Entwicklung vorantreiben, als auch die notwendigen Voraussetzungen für dauerhaften Frieden in der Region schaffen.
Seit ihrer Gründung am 7. Dezember 1994 steht das Thema Wasser im Mittelpunkt. EcoPeace leistet Bildungsarbeit – mit Angeboten für Kinder, Jugendliche und Lehrpersonen – und unterhält in allen drei Ländern Ökoparks.
Der palästinensische Ökopark ist ein Umweltbildungszentrum in Al-Auja (AEC). Noch 2017 berichtete EcoPeace begeistert von der dortigen Wasserquelle. Doch am 6. April 2024 leitete der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich vor Ort die Vereinnahmung der Quelle von Al Auja durch SiedlerInnen ein. Seitdem kontrollieren sie das Wasser; zuvor war die Gemeinde Al-Auja stets die Hüterin dieser Quelle gewesen.
Seit dem 25. Januar ist der Nachbarort Ras Ein al-Auja ausradiert, mehr als 600 Menschen wurden vertrieben. Haaretz berichtet darüber, doch EcoPeace schweigt dazu. Die Palästinenser erleben dies als Katastrophe, als fortgesetzte Nakba seit 1948 und als Kampf um ihre Existenz.
Anfangs war EcoPeace mit Friends of the Earth verbunden und hiess Friends of the Earth Middle East (FoEME). Während der Zweiten Intifada ab 2000 entwickelte die Organisation die Zielvorgabe, durch Basisinitiativen eine führende Rolle in der Friedensförderung einzunehmen. Diese sollten durch Dialog, vertrauensbildende Massnahmen und Kooperationsaktivitäten umgesetzt werden – mit Fokus auf grenzüberschreitende Ressourcen, die den Menschen direkt zugutekommen. 2005 erschien das Programm „Good Water Neighbors“, das 2015 als Erfolg gewertet wurde.
Gute Wassernachbarschaft
Good Water Neighbors bedeutet, dass Gemeinden an den jeweiligen Grenzen von Jordanien, Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten in Wasserfragen miteinander kooperieren.
Im Fall von Wadi Fukin, einem palästinensischen Dorf an der Staatsgrenze zu Israel, lässt sich heute deutlich erkennen, dass das Programm einzelne Menschen aus Wadi Fukin und Tsur Hadassa miteinander ins Gespräch gebracht und vorübergehend umweltfreundliche Verbesserungen ermöglicht hat. Es konnte jedoch nicht verhindern, dass sich die gegenüberliegende illegale Siedlung Beitar Illit immer weiter ausdehnt – inzwischen auf über 64.000 Einwohner –, ihre Abwässer hangabwärts in die palästinensischen Felder leitet und immer mehr Brunnen von Wadi Fukin kein Wasser mehr führen.
Inzwischen breitet sich die illegale Siedlung Tsur Hadassa über die Grenze des Staates Israel vor 1967 hinaus auf Ländereien von Wadi Fukin aus. Die Italienerin Anita de Donato hat 2017/18 in ihrer Doktorarbeit nachgewiesen, wie umstritten das Projekt „Good Water Neighbors“ vor Ort ist und dass es keineswegs zu einem Ende der Besatzung oder zu einem dauerhaften gerechten Frieden führt.
Seit Israel 1967 im Sechstagekrieg die syrischen Golanhöhen, das Westjordanland, Ostjerusalem und Gaza eroberte, hält es diese Gebiete besetzt. Einer der ersten Militärbefehle galt dem Wasser, das seitdem in den besetzten palästinensischen Gebieten (OPT) unter israelischer Kontrolle steht. Palästinenser benötigen für den Zugang zu Quellen – etwa durch Pumpen – oder für die Zuführung des Wassers zu ihren Häusern und Wohnungen über Wasserleitungen eine Baugenehmigung, die nur selten erteilt wird.
Innerhalb von FoME kam es darüber zu Auseinandersetzungen, dass die israelische Hegemonie durch Kooperation über die Grenzen hinweg nicht aufgehoben, Besatzung nicht beendet werde und somit kein Frieden zustande käme, im Gegenteil Widerstand gegen die Besatzung beschwichtigt und der Besatzungszustand normalisiert werde. Die NGO setzte ihre Arbeit unter dem jetzigen eigenen Namen EcoPeace Middle East fort.
Friends of the Earth (FoE) ist seit 2008 mit dem 1996 gegründeten Palestinian Environmental NGOs Network (PENGON- FoE Palestine) verbunden. PENGON positioniert sich deutlich gegen die Besatzung:
„Ein zentrales Anliegen von PENGON ist es, sicherzustellen, dass die palästinensische Umwelt im Kontext der Besatzung betrachtet wird. Daher setzt sich PENGON dafür ein, dass Umweltbemühungen Hand in Hand mit Anliegen der sozialen Gerechtigkeit gehen und soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte als Teil des Umweltschutzes und der Umweltverteidigung integriert werden. PENGON legt besonderen Wert auf internationale Sensibilisierung, Interessenvertretung und Mobilisierung und konzentriert sich zur Unterstützung seiner Bemühungen auf die Süd-Süd-Kooperation.
EcoPeace Middle East ist jedoch eine NGO, die international gefördert wird und 2024 – zusammen mit Women Wage Peace und Women of the Sun – für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Das ist vermutlich vor allem der kontinuierlichen israelischen Leitung durch Gideon Bromberg zu verdanken. Seine hartnäckige Lobbyarbeit macht ihn – gemäss dem Top-down-Prinzip von EcoPeace – bei lokalen Stakeholdern, ausländischen Politiker:innen, auf EU- und UN-Ebene sowie auf internationalen Konferenzen zu einem bekannten und anerkannten Repräsentanten von EcoPeace.

Banyas (Bild von © Helga Merkelbach)
Der palästinensische und der jordanische Zweig werden von zwei qualifizierten jungen Frauen geleitet, die in der Advocacy-Arbeit hervorragende Präsentationen halten, bislang jedoch nicht denselben Bekanntheitsgrad erreicht haben.
Zur Strategie „bottom up – top down“ gehörten zunächst die Bemühungen, das Absterben des Toten Meeres zu verhindern. Der Wasserspiegel des Toten Meeres sinkt, seit dem Jordan durch den National Water Carrier seit 1964 Wasser aus dem See Genezareth entnommen wird. Dieses Wasser versorgt von Norden nach Süden in Israel Haushalte, Landwirtschaft und Industrie.
1967 verfügte Israel ein Verbot für Palästinenser, dem Jordan Wasser zu entnehmen. Das Verbot gilt nicht für israelische Siedler:innen. Durch die Besetzung der Golanhöhen kontrolliert Israel heute zwei der drei Quellflüsse des Jordans: Dan und Banias. Seit August 2024 ist das israelische Militär zudem nicht aus dem Südlibanon abgezogen, wo der dritte Quellfluss, der Hasbani, verläuft.
Israels Krieg im Libanon – seit dem 7. Oktober 2023 und verschärft parallel zum Überfall auf den Iran ab dem 28. Februar 2026 – hat zur Vertreibung der Bevölkerung aus dem Südlibanon geführt. Der Südlibanon wird zunehmend dem Erdboden gleichgemacht und von Israel besetzt gehalten. Damit steht auch der dritte Quellfluss des Jordans unter israelischer Kontrolle.
Der Green-Blue Deal
2020 veröffentlichten die drei DirektorInnen von EcoPeace „A Green Blue Deal for the Middle East“. Israel leidet seit 2000 unter immer häufiger auftretenden und heftigeren Dürren. 2005 eröffnete das Land in Ashkelon seine erste Meerwasserentsalzungsanlage, gefolgt von weiteren Anlagen in Sorek, Hadera, Ashdod und Palmachim, die heute etwa 80 Prozent des israelischen Trinkwasserbedarfs decken. Sorek II ist im Bau; bis 2030 soll die Kapazität der Wasserproduktion verdoppelt werden.
Diese Anlagen benötigen für ihren Betrieb viel Energie, die Israel zunächst aus importierter Kohle gewann. Seit der Entdeckung der grossen Gasfelder Tamar 2009 und Leviathan 2010 vor der Küste wird Elektrizität zunehmend aus Gas erzeugt.
Daraus leitete EcoPeace 2020 seinen Green Blue Deal ab: Jordanien versorgt eine Bevölkerung, die zu mehr als der Hälfte aus Geflüchteten besteht, und leidet zugleich unter extremem Wassermangel. Dazu gehören palästinensische Vertriebene der Nakba von 1948 und von 1967 sowie syrische und irakische Geflüchtete. Israel blockiert die Rückkehr palästinensischer Vertriebener, wie sie gemäss UN-Resolution 194 von 1948 umgesetzt werden sollte, und erlaubt keine nichtjüdische Immigration oder Asylaufnahme.
Der EcoPeace-Deal sieht vor, dass Jordanien Sonnenenergie („grün“) produziert und an Israel liefert – im Austausch gegen Wasser („blau“).
Im Friedensvertrag von 1994 sagte Israel Jordanien 50 Mio. m³ Wasser pro Jahr zu. 2021 vereinbarten Israel, Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) den von EcoPeace vorgeschlagenen Green Blue Deal: Die VAE bauten Solaranlagen in Jordanien, das Solarenergie an Israel liefert; dafür erhält Jordanien zusätzlich 50 Millionen Kubikmeter Wasser. Das Wasser stammt aus dem Jordan und dessen durch Jordanien fliessendem Nebenfluss Yarmouk, später auch aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Manal Shqair weist nach, dass es sich dabei um Wasser handelt, das Israel durch die Besetzung der Golanhöhen – und damit eines Grossteils der Nebenflüsse des Jordans – aus dem See Genezareth ausschliesslich auf israelisches Staatsgebiet abgeleitet hat.
Mit anderen Worten: Israel hat Jordanien durch Krieg und Eroberung seines Wassers beraubt und verkauft es nun an Jordanien zurück.
EcoPeace aktualisierte 2024 – mitten im Gazakrieg nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 – den Green Blue Deal, um Gaza und das Westjordanland einzubeziehen. Geplant ist, die Umkehrung der nationalen Wasserleitung zu nutzen, um 90 Millionen Kubikmeter Wasser aus Gaza – aus einer geplanten Grossanlage mit einer Kapazität von 200 Millionen Kubikmetern – nach Jordanien zu verkaufen.
Im Gegenzug soll Strom aus jordanischen Solarparks über die Palestinian Energy and Natural Resources Authority (PENRA) in Jericho ins Westjordanland und nach Gaza geleitet werden.
Zur Rettung des Toten Meeres und des Jordans hatte EcoPeace vorgeschlagen, dem See Genezareth entsalztes Meerwasser von der israelischen Küste zuzuführen. Das gesamte Ökosystem des ausgetrockneten Kishon-Flusses wurde auf diese Weise wiederhergestellt und in ein naturnahes Freizeitgelände verwandelt.
Mekorot begann mit einem Programm zur Umkehrung des National Water Carrier: Statt Wasser von Norden nach Süden zu leiten, soll es nun von Süden nach Norden fliessen. Für die Versorgung israelischer Konsumenten, vor allem in Jerusalem, mussten dafür Wasserleitungen von West nach Ost gebaut und Pumpen installiert werden. Zuvor konnte von Norden nach Süden weitgehend das natürliche Gefälle genutzt werden.
Beim Projekt „5th Waterline to Jerusalem“ handelt es sich um den Bau des längsten Tunnels in Israel: eine Stahlauskleidung mit einem Durchmesser von 2,6 Metern in einem 3,9 Meter breiten ausgebrochenen Tunnel. Den Auftrag erhielt die österreichische Firma Strabag International von MWC (Mekorot, Israel National Water Company) im Wert von 178,8 Millionen Euro. Nach der Bauzeit von 2016 bis 2022 gelangt entsalztes Wasser von der Küste nach Jerusalem.
Bislang hat die Umsetzung von EcoPeace Ideen nicht an der Tatsache gerüttelt, dass palästinensische Menschen das Wasser unter ihren Füssen und vom Jordan dauerhaft geraubt wurde. Wasser in Meerwasserentsalzungsanlagen zu produzieren, hat die Trinkwasserversorgung von Israelis mehr als gesichert und zerstörte Flusssysteme wiederhergestellt. Palästinenser und Jordanier sind abhängig vom Kauf vermeintlich israelischen Wassers und tatsächlicher Lieferung durch Israel beziehungsweise Mekorot. Wahrscheinlich ist, dass nur ausländische und israelische Investitionen das Instrumentarium zur Realisierung des Green Blue Deals gewährleisten können, dass die staatliche Wasserfirma Mekorot die Kontrolle behält und den Profit macht, dass Wasser zur Ware wird und der Zugang zu dieser Ware über den Preis oder Markt geregelt wird, dass nicht diejenigen das Wasser kontrollieren, auf dessen Land es fliesst oder als Aquifer vorhanden ist.
Konservierung von Wasser als Ware und systemischen Abhängigkeiten
Alles in allem handelt es sich um ein profitables technologisches Projekt, das die Abhängigkeit jordanischer und palästinensischer Menschen eher verstärkt, als dass es sie einem gerechten Frieden näherbrächte. Auch an der Besatzung ändert sich nichts.
Israel gilt aufgrund weltweit führender Innovationen und seines Managements in den Bereichen Wassereinsparung, Recycling, Entsalzung und Tröpfchenbewässerung weithin als Wassermacht. Dadurch habe sich das Land – so das gängige Narrativ – von einer wasserarmen Wüstennation zu einem weitgehend wassergesättigten Staat entwickelt, der sein Fachwissen und seine Technologie weltweit exportiert und Lösungen für globale Wasserkrisen anbietet.
Dieses Narrativ verschweigt, dass die Wüste Negev bislang nicht das vorrangige Zentrum wirtschaftlicher Entwicklung war und dass Israels Landwirtschaft lange vor allem im Norden auf dem wasserreichen Land der 1948 eroberten Gebiete stattfand.
Seit 1967 werden die Aquifere in der Westbank unter israelischer Kontrolle den Palästinensern vorenthalten. Nur festgelegte und begrenzte Mengen werden den palästinensischen Menschen (zurück)verkauft, während Israel und den illegalen Siedlungen reichlich Wasser zur Verfügung gestellt wird. Siedler können damit landwirtschaftliche Produkte herstellen, die auch in Europa erhältlich sind, aber nicht einmal als (illegale) Siedlungsprodukte sondern mit „Made in Israel“ etikettiert werden.
EcoPeace Middle East hat zwei Themen konkret miteinander verknüpft, die auf den grossen Klimagipfeln bislang kaum Beachtung finden: Frieden und Klima- beziehungsweise Umweltschutz.
Mit dem Wasser-Nachbarschaftsprogramm hat EcoPeace palästinensische, israelische und jordanische Menschen miteinander in Kontakt gebracht und damit sicherlich etablierte Narrative infrage gestellt. Vielleicht hat die Organisation damit auch ein Beispiel dafür gesetzt, wie Versöhnungsarbeit nach einer endgültigen Friedensregelung aussehen könnte.
Zum jetzigen Zeitpunkt jedoch festigt das Programm eher die bestehenden Verhältnisse: den Raub palästinensischen Wassers zugunsten einer optimalen israelischen Wasserversorgung – anstelle der Umsetzung des Menschenrechts auf Wasser.
Der Green Blue Deal wurde mit der offiziellen jordanisch-israelischen Übereinkunft auf den Weg gebracht. Der Aspekt Frieden hingegen wird dabei nicht thematisiert. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Vertreter von EcoPeace – um die Kommunikation mit Regierungskreisen im Inland wie international und damit ihre Einflussmöglichkeiten aufrechtzuerhalten – sich nicht eindeutig gegen die illegale Besatzung äussern und schon gar nicht Druck auf die israelische Regierung fordern.
EcoPeace Middle East konnte mit seinen Vorschlägen zum Thema Wasser also durchaus Einfluss auf die israelische Regierung nehmen. An der Besatzung und an Israels Kontrolle über die palästinensischen Gebiete – und damit über das Wasser – hat dies jedoch nichts geändert.
Im Gegenteil: Zusätzlich zur militärisch aufrechterhaltenen direkten Herrschaft ist eine systemische Abhängigkeit entstanden, die selbst nach der Schaffung eines politisch freien und unabhängigen Palästinas nur schwer aufzuheben wäre. Wasser bliebe eine Ware, reguliert nach marktwirtschaftlichen Prinzipien.
Für die bevorstehende Klimakonferenz (COP 31) wäre es wichtig, den Zusammenhang zwischen Krieg, Besatzung und Militarisierung einerseits und Klimawandel, Umweltzerstörung und vor allem Wasser andererseits stärker in den Blick zu rücken.
Falsche Lösungen – wie sie derzeit von EcoPeace vorgeschlagen und von Israel sowie der internationalen Politik aufgegriffen werden – müssen jedoch klar zurückgewiesen werden. Denn sie schaffen, wie in Westasien erkennbar ist, weder Frieden noch verhindern sie die Klimakatastrophe. Im Gegenteil: Sie verschärfen die bestehenden Verhältnisse.
