Im Urgrund des Seins ist die Liebe
Ute Karin Höllrigl, fast 88, Psychoanalytikerin nach C.G. Jung, verbindet Mystik, Traumarbeit und Spiritualität. Ein Gespräch über menschliche Entfaltung, Schattenarbeit und die Kraft der Liebe in Zeiten der Krise. (Als Video und Text.)
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Das Gespräch mit Ute Karin Höllrigl fand am Rande des GEA-Pfingstsymposiums statt. Screenshot

Zeitpunkt: Ute Karin Höllrigl, du arbeitest in der Analyse mit Träumen, Mystik und Gedichten. Stell dir vor, die Erde, also das Ganze käme zu dir und fragte: Kannst du mir helfen? Anders gesagt: Was braucht die Menschheit, um durch diese Krise zu kommen, in der sie gerade drin ist?

Ute Karin Höllrigl: Meine Liebe gilt dem Entfalten und Werden des Menschen. Wir tragen ein unglaubliches Potenzial in uns – einen Reichtum, der sich kollektiv zum Beispiel in der wunderbarsten Musik zeigt, bei Beethoven oder Bach. Dazu kommen Dichter wie Rilke, Goethe oder Schiller. All das sind Möglichkeiten, die wir als Mensch in uns tragen und die es zu schöpfen gilt.

Das Entscheidende ist das Bewusstsein, dass wir als Mensch eine Mitte in uns tragen, mit der und aus der heraus wir uns verwandeln und entfalten dürfen. Aus dieser inneren Mitte heraus können wir unsere Schatten wandeln. Mikrokosmos und Makrokosmos decken sich: Die Schatten, die wir aussen in der Welt sehen, tragen wir zumindest teilweise auch in uns. Schritt für Schritt gilt es, diese zu verwandeln. Meine grosse Hoffnung – auch inspiriert durch meinen Lehrer C. G. Jung – liegt in der Entfaltung des Menschen.

Das Video direkt in transitionTV anschauen: ttv.swiss/Im-Urgrund-des-Seins-ist-die-Liebe-Ute-Karin-Hollrigl-im-Gesprach-mit-Christa?


Wenn ich Menschen begleite, frage ich zuerst: Was bewegt dich jetzt? Viele antworten, dass sie Vertrauen und Ganzheit suchen. Sie spüren, dass sie nicht allein sind, dass sie eine geistige Dimension in sich tragen. Aus unserer Mitte heraus dürfen wir ihr entgegengehen. Das ist unser Auftrag, auch jetzt, wo die künstliche Intelligenz sich so ausbreitet. Ich befürchte, dass die KI das Menschliche eher dämpft als fördert.

Aber Jung sagt, wir sollen die Hoffnung stärken. Jeder soll sich dort einsetzen, wo er begeistert ist und sein Talent hat. Wir brauchen jeden Einzelnen! Es gibt so viele verschiedene Talente, und jeder ist dort gut, wo er für etwas brennt. Stärken wir zuerst das und unser Menschwerden, bevor wir uns dem Widersacher widmen und die Schatten verwandeln.


...Ute Karin Höllrigls Quellen / 1: C.G. Jung

Das Besondere am Werk von C. G. Jung liegt in seiner Erweiterung der Psychologie über das rein Persönliche hinaus. Jung beschrieb ein kollektives Unbewusstes – eine universale, ererbte Schicht der Psyche, die archetypische Bilder und Muster enthält, die in Mythen, Märchen, Religionen und Träumen aller Kulturen wiederkehren.
Zentral in seinem Werk ist der Prozess der Individuation: die lebenslange Aufgabe, die verschiedenen Anteile der Persönlichkeit (Schatten, Anima/Animus, Selbst) bewusst zu integrieren und so zu einer ganzheitlichen, authentischen Existenz zu gelangen. Dabei bezog er bewusst spirituelle, künstlerische und alchemistische Traditionen mit ein. Er verstand die Psyche nicht als isoliertes mechanisches System, sondern als Teil eines grösseren Zusammenhangs. Jung machte die Psychologie zu einer transpersonalen Wissenschaft der menschlichen Seele.


In deinem Buch «Liebe. Reifen in unseren tiefsten Daseinsgrund», das ich gerade lese, sprichst du von einer Wunde in der Liebe. Ist das der Widersacher?

Das ist eine gute Frage. Für mich gehört die Wunde der Liebe aber zur Liebe – es ist kein Schatten. Erich Fromm sagte: Wir kommen mit einer Liebeswunde auf die Welt, weil wir von der Hälfte unseres Bewusstseins getrennt sind. Der Schmerz darüber ist Teil dieser Liebe, nicht der Widersacher. Wir sind von der Hälfte unserer Liebesfähigkeit getrennt, und unser Weg ist, dieses Urmeer der Liebe, das wir alle unbewusst noch in uns tragen, immer mehr zu schöpfen und immer bewusst liebender und humanistischer zu werden.

Der Schatten ist noch etwas anderes: Er zeigt sich in Angst, Zweifel, Eifersucht, Rache oder Nachtragen. Der eine Teil in uns will sich entfalten, der andere spielt dagegen. C. G. Jung setzte diese innerste Kernzelle, die wir in uns tragen, dem Samenkorn einer Pflanze gleich. Sie will unser Entfalten als Mensch, sie will es! Wir haben Sehnsucht danach und wissen nicht, wonach wir uns sehnen. Der Schatten, also der Widersacher in uns, braucht Bewusstwerdung. Ein Rosensamen wird ganz natürlich zur Rose – sie braucht kein Bewusstsein. Wir Menschen schon, denn wir tragen den inneren Widersacher in uns.

Was ist eigentlich das Böse?

Das Böse sehe ich als das noch nicht entwickelte Gute, wie der Benediktinermönch David Steindl-Rast sagt. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, gab es vieles, was sich böse anfühlte. Vor allem der Zweifel. Er fühlt sich wie etwas Kaltes an, beziehungslos und messerscharf. Er hat sich verwandelt in Hinterfragen. Und Hinterfragen kann liebevoll und weich sein.


...Ute Karin Höllrigls Quellen / 2: David Steindl-Rast

Bruder David Steindl-Rast, der vor einigen Tagen seinen 100. Geburtstag feierte, ist Benediktiner-Mönch und Eremit und ein Wegbereiter eines weltweiten interreligiösen Dialogs und einer Spiritualität, die die Dankbarkeit ins Zentrum stellt.

Dankbarkeit ist für ihn nicht die Folge von Glück, sondern dessen Ursache. Jeder Moment des Lebens ist ein unverdientes Geschenk für den, der wach und achtsam innehält. Echte Dankbarkeit führe zu einem revolutionären, genügsamen und verbindenden Lebensstil – weg von Gier und Angst hin zu Vertrauen, Gemeinschaft und tiefer Freude.


Du hast als Frau deine grossen geistigen Lehrer ergänzt und sagst: Im tiefsten Grund ist die Liebe.

Ja. Da gibt es keinen Zweifel und kein Hinterfragen. Das habe ich in einem Nahtoderlebnis erfahren. Nachdem ich erwacht bin aus einer Bewusstlosigkeit, war ich nur Liebe. Und diese Liebe hat wochenlang angehalten. Jede Nacht tauche ich ein in dieses Urmeer der Liebe. Und je mehr ich erwache, desto mehr versinkt es wieder. Es waren goldene Bäder der Zärtlichkeit – ein Urmeer der Liebe. Je bewusster ich wurde, desto mehr wurde es zum Übungsweg.

Wir tragen diesen Urgrund in uns, dem auch Rilke oder Franz von Assisi folgten. Früher hatte ich einen starken Weltschmerz in mir – den Wunsch nach Gerechtigkeit und grosses Mitleid. Deshalb studierte ich Jura. Doch die wahre Gerechtigkeit fand ich in der Innenarbeit: die Gerechtigkeit des Herzens. Ich arbeitete drei Jahre im Gefängnis mit Jugendlichen, da kam ich ihr näher. Schmerz war meine Triebkraft. Aber heute hat sich der Weltschmerz in Mitgefühl verwandelt. Je mehr wir in die Liebesfähigkeit reifen, desto mehr heilt der Schmerz. C. G. Jung lehrt eine ressourcenorientierte Haltung: Wir tragen eine Schatztruhe in uns. Statt Schatten zu verdrängen, verwandeln wir sie mit dieser inneren Kraft.


...Karin Ute Höllrigls Quellen / 3: Teresa von Ávila

Teresa von Ávila aus Spanien war im 16. Jahrhundert Mystikerin und Karmelitin und gilt als «berühmteste Nonne» und erste weibliche Kirchenlehrerin. Im Zentrum ihrer Lehre steht das innere Gebet (oración), das sie schon lange vor ihrem Eintritt ins Kloster praktizierte. Dieses Gebet wurzelte, wie sie selbst schrieb, in ihrer natürlichen Begabung für Freundschaft und offene Kommunikation. Gott habe ihr die Gnade geschenkt, überall Sympathie zu wecken und beliebt zu sein. Aus ihrer tiefen Zuneigung zum verlassenen und verratenen Jesus von Nazareth entwickelte sie das Beten als eine lebendige Freundschaftspflege mit Gott beziehungsweise mit Jesus. Das innere Gebet führt zur mystischen Vereinigung der Seele mit Gott.


Gibt es einen weiblichen Weg für dich?

Ja, Teresa von Ávila ist mir dabei ein wunderbares Vorbild. Die spanische Mystikerin aus dem 16. Jhd. sagte, Frauen sollen bestimmt, entschlossen, fest, klug und liebevoll sein. Der weibliche Weg ist einer aus der Liebe. Aber Liebe nicht als «lieb Sein», sondern mit Bestimmtheit und Autorität.

Beginnen wir immer mit dem Guten! Schauen wir zuerst, was in einem Leben gut ist, bevor wir auf Schatten oder Krankheiten blicken. Das Lichtvolle gilt es zu schöpfen. Deshalb heisst es Schöpfung, schöpferisch, Schöpfer.

Du wirst bald 88 und sagst, du willst noch nicht sterben. Was hast du noch vor?

Ich möchte der spirituellen Dimension noch mehr entgegenreifen – dem Begleiter, der mit uns geht, dem Vertrauen, dass wir beschützt sind. Und vor allem weiss ich zwar, wie dankbar ich schon bin. Gleichzeitig spüre ich, wie weit ich noch entfernt bin von der Dankbarkeit, die in uns möglich ist. 

Vielen Dank für dieses berührende Gespräch.

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch «Leila» Dregger), Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebt über 40 Jahre in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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