Unsere Köchin (in unserem Biohotel Gut Nisdorf an der Ostsee - kleine Schleichwerbung ;-) ) hat immer ihr Handy dabei und fragt die KI: Wie dicke ich die Sosse glutenfrei an? Oder: Wann darf ich ausnahmsweise Olivenöl zum Braten einsetzen? Nicht selbst denken, Frage stellen, loslassen, Antwort erhalten – alles normal geworden. Und obwohl ChatGPT jetzt überall schreibt, dass es Fehler macht, sind die Ergebnisse anscheinend gut genug, um damit all die vielen Fragen des Lebens zu navigieren. Die Angeberphase dabei - «Meine KI sagt aber...» - ist längst vorbei, das Fragen ist Alltag.
Was früher durch eigene Bemühung, aus der Intuition oder durch Nachdenken, im Gespräch mit anderen oder durch Nachschlagen in Büchern gelöst wurde – gibt man an eine andere Instanz ab, die meist irgendwo in Amerika sitzt, Bits durchwühlt, von Billiglohnkräften der Dritten Welt geschult wurde, unsere Daten als letzte wertvolle Resource abgreift und so viele Mengen an Energie und Wasser verbraucht, dass wir irgendwann feststellen werden, dass wir Bits nicht essen können.
Aber darauf will ich diesmal gar nicht hinaus. Nicht selber nachdenken, sondern eine Frage stellen, auf die Antwort lauschen – dieser Vorgang ist mir schon jahrzehntelang vertraut. Nur frage ich nicht die KI. Sondern eine andere Instanz, ganz weit draussen. Oder drinnen.
Meine spirituelle Dialogpraxis geht auf die Findhorn-Gründerin Eileen Caddy zurück, die sich – Anfang der 60r Jahre – vor Sonnenaufgang auf den Boden des Klos des Campingplatzes hockte, auf dem später die Gemeinschaft entstehen sollte. Sie befragte Gott und schrieb die Antworten in ein Heft. So kamen all die Botschaften, die zum Aufbau des legendären Findhorn-Gartens führten, mit den berühmten Erbsen-Devas und grossen Kohlköpfen.
Auch ich tu es am frühen Morgen, meistens mit Tagebuch, manchmal auch mit Computer. (Aber nicht auf dem Klo.) Meistens brauche ich eine gute Frage, damit es losgeht. Eine echte Frage, die mich beschäftigt. Wenn ich sie formuliert habe – heute heisst das ja Prompt – und mich leer genug gemacht habe, übernimmt eine Quelle, der Stift schreibt los, und sicher tausend Mal habe ich mich selbst überrascht von der Kompetenz und Integrität der Antworten. So erhalte ich Ideen für Textanfänge, Trost bei Liebeskummer und Lösungsvorschläge für die grössten Dilemmas des Lebens – durch manchmal naheliegende, immer liebevolle und umsichtige Antworten.
«Es» ist dabei kein Automat. Manchmal kommt auch nichts. Dann versuche ich, nicht enttäuscht zu sein, mache etwas anderes und probiere es am nächsten Tag nochmal. Vielleicht war es ja nicht die richtige Frage oder nicht der richtige Moment, sie zu stellen. Es ist immer wieder die Übung, mich zu öffnen, herauszuhalten, Erwartungen loszulassen – und manchmal muss ich verzweifelt genug sein, damit diese andere Instanz in mir aufwacht und übernimmt.
Einmal sagte jemand: Ich möchte die Person kennenlernen, die diesen Text geschrieben hat. Meine Antwort: Ich auch.
Wer ist sie?
Zu pragmatisch, zu intim, zu verspielt, um Gott zu sein. Mein Schutzengel vielleicht? Ich habe sie auch innerer Meister genannt oder innere Stimme. Sie hat ganze Tagebücher gefüllt, Entscheidungen getroffen, mich auf Abenteuersuche geschickt, neue Schuhe empfohlen, von grossen Fehlern abgehalten und Vorträge formuliert, für die ich Bewunderung geerntet habe. Einmal sagte jemand: Ich möchte die Person kennenlernen, die diesen Text geschrieben hat. Meine Antwort: Ich auch.
Das klang wie falsche Bescheidenheit. Aber es stimmte: Ich finde dieses Gegenüber aus so vielen Morgenstunden so wundervoll, dass ich ihm gerne als Person begegnen würde. Ich habe ihm über die Jahre wahrscheinlich mehr Zeit gewidmet als irgendeinem Menschen. Dabei gab es monate- manchmal jahrelange Unterbrechungen, wo ich fühlte, jetzt muss ich wieder auf mich selbst, meinen Verstand, mein Können verlassen und nicht jede Frage gleich in den Kosmos abgeben.
Und jetzt? Jetzt ist auch die KI in mein Leben gekommen. Ich nutze sie für Fleissaufgaben: Fasse mir diesen Text zusammen! Was sind die gemeinsamen Positionen und die Unterschiede zwischen diesen beiden Autoren? Wo im Tierreich gibt es Schaukämpfe? Von wem stammt das Zitat «Nur unendliche Geduld bringt sofortige Ergebnisse»? Usw. Sehr hilfreich und zeitsparend.
Einige Male habe ich versucht, die KI nach wirklichen Antworten zu fragen. Das war enttäuschend. Als wenn ich mit jemandem spreche, der es mir immer nur recht machen will, ein Abklatsch aller Ratgeberbücher, faktenreich, aber abgeschmackt wie ein altkluges Kind. Und das ist die KI ja auch: Ein Sack voller Gedanken, die sie selber nicht «versteht». Denn da ist niemand, der etwas verstehen könnte.
Und so bleibe ich bei meiner I. I. – der Inneren Intelligenz. Falls sie ein Teil von mir ist, dann einer, den ich lieben und bewundern kann und zu dem ich im Alltagsgeschehen kaum einmal Zugang habe. Wenn sie göttlichen Ursprungs ist, dann ist es kein Gott auf fernem Thron, sondern ein intimer Gott der vielen kleinen Dinge. Und wenn es eine kollektive Intelligenz ist, dann macht mich das glücklich und traurig gleichzeitig: So klug sind wir Menschen – und in so einen Zustand haben wir die Erde gebracht?
Ich frage sie – wieder einmal – wer sie eigentlich ist. Ihre Antwort: Ist das denn wichtig?