Es handelt sich um ein grosses, im Comicstil gezeichnetes Gesicht, das eine Zigarette im Mund hält; darunter hat der Künstler den historischen Spruch «peace and love» angebracht. Oder vielmehr: Es hätte «peace and love» heissen sollen. Stattdessen lese ich «peace end love».
Ich lächle verschwörerisch vor mich hin, während sich der erste Gedanke in meinem Kopf formt: Auch er (oder sie) hat einen Tippfehler gemacht – wir vier in unserer Vereinigung haben einen Fehler auf der neuen Postkarte übersehen und sie zu Tausenden drucken lassen. Seltsam allerdings, dass er oder sie sich nicht die Mühe gemacht hat, ihn zu korrigieren – könnten wir doch nur diesen Fehler in «promuovimo» noch ändern! Oder weiss der junge «Künstler» etwa nicht, wie man die Konjunktion «e» auf Englisch schreibt? Überall lese ich, dass die jüngeren Generationen wenig lernen und über vieles nur wenig wissen, aber das wäre nun wirklich ein Extremfall. Doch was, wenn der Urheber des Graffitis «end» absichtlich geschrieben hat? Bei diesem Gedanken öffnet sich vor mir ein Abgrund voller Bedeutung und lexikalisch-semantischer Mehrdeutigkeit, dem ich nicht widerstehen kann.
Die Underground-Kultur liebt es, Bilder und Bedeutungen auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen, um Räume positiver, also aktiver Freiheit zu schaffen, die die Betrachter:innen des Kunstwerks zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Botschaft zwingen. Das Ziel ist, zu verhindern, dass diese gleichgültig an ihnen abgleitet – was in einer Welt, die mit Informationen bombardiert wird, ziemlich schwierig ist. Manchmal ist die Beziehung zwischen Werk und Betrachter:in nicht unmittelbar – wie in meinem Fall –, doch es kann genügen, dass das Auge ein ungewöhnliches Detail erfasst, damit sich bei der Person, die das Werk betrachtet, ein Mechanismus unbewusster Verarbeitung in Gang setzt. Mensch, wenn das tatsächlich so wäre! Dann sind diese Generationen alles andere als verloren – sie können mit den raffiniertesten Werbemaschinen mithalten!
Die Frage drängt sich immer stärker auf: Was will diese Zeichnung zusammen mit dem Satz «peace end love» mitteilen? Dass der Frieden wie Wasser ist, das die Leidenschaft der Liebe löscht? Möglich, aber alles in allem scheint mir nicht, dass die Jugendlichen von heute besonders daran interessiert sind, leidenschaftliche, von Leid geprägte Liebesgeschichten nach Art der Madame Bovary oder des jungen Werther zu erleben. Und wenn es so wäre, warum dann die Figur mit Dreadlocks schmücken? Wäre nicht eine andere, dramatischere und pathetischere Bildsprache passender gewesen? Im Gegenteil: Die Rastakultur steht für die warmen Farben Afrikas, die entspannten Klänge des Reggae und die leuchtende Gestalt Bob Marleys; sie ist somit geradezu das Sinnbild für diejenigen, die sich Frieden für sich selbst und für andere wünschen. Wieder einmal geht meine Rechnung nicht auf.
Vielleicht habe ich es jetzt begriffen: Der Urheber hat sich der Rastareligion angeschlossen und durch seine Praxis entdeckt, dass wir nur durch Frieden zur Liebe gelangen können; deshalb hat er «end» auf freie und kreative Weise verwendet, ein bisschen so, als wäre der Frieden ein Fluss, der in den Ozean der Liebe mündet, also in ihm endet und stirbt. Ich seufze bei dem Gedanken, dass es da draussen tatsächlich so tiefgründige Jugendliche geben könnte.
Oder könnte es eine Kritik an der pazifistischen Kultur sein? Die junge Person, die das Graffiti geschaffen hat, hat sich keiner Religion verschrieben, die der Liebe huldigt, sondern neigt vielmehr zum Nihilismus und hat Spass daran, diejenigen auf die Schippe zu nehmen, die eine «peace and love»-Lebensweise propagieren. So bekäme auch dieses seltsame, halb geschlossene Auge in der Zeichnung einen Sinn: Es könnte so aussehen, weil es zugeschwollen ist oder weil zu viel geraucht wurde.
Und wenn die verborgene Botschaft stattdessen politischer Natur wäre? Wollte die Person hinter dem Graffiti etwa dazu anregen, über die Brutalität eines bequemen Friedens nachzudenken und auf den Schwindel dahinter hinzuweisen? Wie oft wurde das Wort «Frieden» in der Geschichte instrumentalisiert, um eine Fassade aufrechtzuerhalten und Proteste zum Schweigen zu bringen? Ist das nicht auch mit dem Board of Peace von Trump und Netanjahu versucht worden? Im Gazastreifen und in ganz Palästina sterben weiterhin Menschen, und jedes Mal, wenn ein Kind, eine Frau, ein Mensch getötet wird, stirbt mit ihm oder ihr unweigerlich auch die Liebe.
Ich bin dem Rätsel nicht auf die Spur gekommen … Seine positiven, negativen und neutralen Bedeutungen schweben mir weiterhin im Kopf herum, und doch hat mich diese Zeichnung, für viele bloss ein Geschmiere auf einer Säule, ermutigt. Ich atme tief durch und denke: «Noch ist nicht alles entschieden, und das ist gut so.» Wenn das «Wort» ins Spiel kommt – das in der indischen Kultur übrigens in der Göttin Vāc verkörpert ist –, also die Sprache, können die Dinge, selbst die starrsten, immer noch aus der Bahn geraten und sind niemals ein für alle Mal festgelegt.
In ihren Zwischenräumen können wir handeln: Dort finden sich die Bausteine, um andere Welten zu erschaffen, die uns besser gefallen, und selbst in dunklen Zeiten ruhen dort, verborgen und geschützt, die Ressourcen, um Widerstand zu leisten und unseren Verstand zu stärken.
Was der Künstler beabsichtigt hat, ist dabei gar nicht so wichtig; entscheidend ist, dass sein Werk meine Kreativität angeregt hat und dass wir zumindest heute gemeinsam ein Tor für die Menschlichkeit erzielt haben. Und wir haben es mit Leichtigkeit und Freude getan – indem wir mit der Sprache gespielt haben.
Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!