Pferde – Tore zu einer anderen Welt
Eine Schweizerin hat im spanischen Hochland ein Gestüt geschaffen, das Tieren und Menschen echte Begegnung erlaubt. Jetzt muss sie mit 200 Pferden umziehen.
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Leonie Bühlmann und Sirina auf La Perla. Foto: zVg

Ein Ort, an dem Pferde nicht nur Sportgeräte oder Freizeitvergnügen sind, sondern Lebewesen mit Persönlichkeit. Ein Ort, wo kein Tier aussortiert wird, weil es alt ist. Wo Mensch und Tier sich tief kennenlernen und in ihrer Entwicklung unterstützen können. Wo beide ihre Angst voreinander verlieren können: Leonie Bühlmann hat mit «Yeguada La Perla» nicht nur ein Gestüt aufgebaut. Sie hat einen Lebensraum geschaffen, in dem die Seele atmen darf. Bei Tier und Mensch.

Seit zehn Jahren leitet die Schweizerin das Gestüt in Spanien, das sich auf die portugiesische Pferderasse Lusitanos spezialisiert. Auf rund 1200 Meter Höhe betreut sie mit ihrem Team etwa 200 Tiere – eine Herde, die weit mehr ist als ein Wirtschaftsbetrieb.

«Ich kann logisch nicht so leicht erklären, was Pferde mir bedeuten», sagt sie. «Sie waren in meinem Leben schon immer da, wie bei vielen Mädchen. Eigentlich sollte es auch bei mir nur Hobby bleiben.» Doch es kam anders. Seit vielen Jahren dreht sich bei alles um Pferde. Und seit knapp zehn Jahren baut sie das eigene Gestüt auf.

«Pferde sind für mich ein Tor zu einer anderen Welt. In unserer Zivilisation ist alles immer so getrennt – Arbeit, Leben, Spiritualität, die grossen Fragen der Menschheit. Wenn ich mit den Pferden bin, dann verbinden sich diese Dinge.»

Gleichzeitig ist ihr Gestüt ein Unternehmen, das Geld verdienen muss, um zu überleben – und zwar vor allem durch den Verkauf von Pferden.

«Aber das Wirtschaftliche steht bei uns nie im Vordergrund», beteuert Leonie Bühlmann. «Das Wohlergehen der Pferde kommt für uns immer kompromisslos an erster Stelle.» Und Wohlergehen heisst: Sicherheit, Frieden, Ruhe, Glück. Jedes Tier soll haben, was es braucht – und das gilt für den ganzen Kreislauf ihres Lebens: Wie leben die Hengste und Stuten? Wie kommen die Fohlen auf die Welt? Wie wachsen sie auf? Und was passiert, wenn sie alt sind?

Anders als bei anderen Gestüten werden Zuchtstuten in Yeguada La Perla nicht aussortiert, wenn sie keine Fohlen mehr bringen. «Sie sind dann quasi wertlos fürs Gestüt», erklärt Leonie, «und verursachen nur noch Kosten und Mühe.» Und dennoch: Bei ihr dürfen die alten Stuten und Hengste ihren Lebensabend geniessen, solange sie das können. Trotz des zusätzlichen Aufwands ist Leonie sicher: Die Pferde spüren, dass sie keine Produktionsmaschinen sind. Sie werden geachtet und respektiert, für immer.

Auch bei der Aufzucht geht sie andere Wege. Während in der konventionellen Zucht viele Fohlen extrem früh von den Müttern getrennt und viel zu jung zugeritten werden, bleiben bei ihr Stuten und Fohlen länger zusammen.

«Pferde unter drei Jahren verkaufe ich überhaupt nur, wenn sie vorerst bei mir in der Aufzucht bleiben. Denn die ersten Jahre sind extrem wichtig», betont sie. Die Jungen sollen den bestmöglichen Start ins Leben bekommen – als Teil einer Herde, nicht in einer Box.

Auch ihre Zuchtziele gehen über die Äusserlichkeiten hinaus. Sollen Lusitanos in der konventionellen Züchtung vor allem «edel und schön» erscheinen, geht es bei ihr auch um «seelische Qualitäten».

«Pferde sind Persönlichkeiten mit eigener Seele. Sie sind Partner für uns Menschen und können uns helfen, uns weiterzuentwickeln.» Besucher erleben diese Qualitäten immer wieder. Oft hört die Gestütsleiterin Sätze wie: «Solche Pferde habe ich noch nie erlebt!»

Wirken in normalen Reitställen die Tiere oft resigniert, ganz so, als hätten sie ihr Schicksal – zum Beispiel in einer Box – akzeptiert, strahlen sie auf La Perla etwas anderes aus. Und wenn Besucher oder Kursteilnehmer auf die Weide kommen, erleben sie oft eine grosse Ruhe. Einige Pferde kommen neugierig heran, wollen gekrault werden oder einfach Nähe zu Menschen spüren. Andere bleiben ruhig liegen oder grasen weiter – sie fühlen sich nicht bedroht. Es gibt hier kein alarmiertes Zusammenrücken oder Wegspringen, wie man es in gestressten Herden oft sieht.

Leonie: «Meine Pferde sind gelassen und präsent, und das sieht man ihnen auch an. Sie spüren, dass sie in einer ‹heilen Welt› leben, in der ihnen nichts Böses geschieht.»

Dieses Verhalten entsteht durch konsequente Liebe und Fürsorge von Anfang an. «Die Fohlen werden bereits in diese Atmosphäre des Vertrauens hineingeboren und verlieren sie nie mehr. Sie wissen, es ist alles in Ordnung», sagt Leonie.

In der Ausbildung der Pferde setzt sie auf Erklärung und Zeit. «Wenn ein Pferd etwa in den Hänger soll und sich sträubt, dann nehme ich mir die Zeit und übe das mit ihm. Ich erkläre es ihm mit Worten, zeige es ihm, lasse ihm Zeit.» Kein Druck. Denn Druck führt zum Kräftekampf, Vertrauen aber dazu, dass die Pferde alles richtig machen wollen.

Die «Perlen-Herde» steht vor einem grossen Umzug. Seit längerem kämpft das Gestüt mit harten Bedingungen. Die langen, kalten Winter mit Schnee, Minustemperaturen und Dauerregen machen Mensch und Tier zu schaffen. Ist der Schnee dann endlich weg, wird es bald zu trocken; dann wächst zu wenig Gras, so dass das ganze Jahr über zugefüttert werden muss. Das schafft enorme Kosten.

«Der letzte Winter war extrem hart, die Pferde haben echt gelitten», erzählt Leonie. Auch wirtschaftlich ist es schwierig, das Gestüt zu halten. So erhält sie keine Baugenehmigung für Unterkünfte für Besucher und Seminarteilnehmer.

Deshalb plant sie einen Neubeginn. Im Südwesten Spaniens hat sie eine Finca mit idealen Bedingungen gefunden: milderes Klima, weniger Zufutterbedarf, mehr Platz für Weiderotation, Ruinen, an deren Stelle Ferienwohnungen entstehen dürfen. Dort sollen dann auch Kurse stattfinden – keine Reitkurse, sondern Seminare in Persönlichkeitsentwicklung mit der Energie der Pferde. Die Gäste werden direkt vor Ort übernachten können. Diese Finca liegt mitten in der Natur und soll ein Platz der Heilung und Weiterentwicklung bleiben.

Der Umzug und der Neuaufbau sind freilich aufwändig. La Perla hat keine grossen finanziellen Mittel, aber Leonie eine klare Vision. Viele Menschen lieben La Perla, sie können das Fortbestehen des Gestüts noch bis zum Sommer über eine Crowdfunding-Aktion unterstützen. Leonie und ihr Team setzen alles daran, das Gestüt zu erhalten – für die Pferde und für alle, die dort Kraft tanken wollen. Leonie Bühlmann hofft: «Wenn viele Menschen diesen Wert ebenfalls erkennen, dann können wir es schaffen.»


Mehr: home-of-lusitanos.com

Fundraising: www.startnext.com/laperla

Das Gespräch führte Christa Dregger.

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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