Visionär gegen den Strom: Erich Fromm und die ungeminderte Aktualität seiner Friedensstrategie
Der weltweit bekannte Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm (1900–1980) prägte mit seinen Publikationen das Denken des 20. Jahrhunderts. Hinter dem gefeierten Wissenschaftler stand zeitlebens ein leidenschaftlicher politischer Aktivist. Besonders in den 1950er und 1960er Jahren engagierte sich Fromm an vorderster Front der internationalen Friedensbewegung, um psychologische Aufklärung in reale Politik zu übersetzen.
Erich Fromm (wikipedia.org)
Erich Fromm (wikipedia.org)

Prägende Jahre und prophetischer Universalismus

Erich Fromm wurde 1900 in Frankfurt am Main geboren. Die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten zwang den jüdischen Denker 1934 zur Emigration in die USA. Später lebte und wirkte er in Mexiko sowie in der Schweiz. Im Exil arbeitete Fromm parallel auf drei Ebenen: als Universitätsprofessor, als Psychoanalytiker in eigener Praxis und als Gründer unabhängiger Institute. In New York (1934–1950) lehrte er an der Columbia University und begründete das nonkonformistische William Alanson White Institute mit. Ab 1950 baute er an der Nationaluniversität UNAM die erste psychoanalytische Abteilung Mexikos auf.

Prägend für sein jüdisches Selbstverständnis war das Konzept des prophetischen Universalismus. Inspiriert von den biblischen Propheten begriff Fromm sein Erbe nicht als ethnischen Nationalismus, sondern als universellen humanistischen Auftrag für weltweiten Frieden, Völkerverständigung und die absolute Gleichwertigkeit aller Menschen.

Theorie und Strategien des Friedens

Fromms Friedensstrategien basierten direkt auf seinen theoretischen Erkenntnissen, die er 1968 in seinem Salzburger Vortrag «Zur Theorie und Strategie des Friedens» darlegte. Er unterschied zwei Konzepte: Den negativen Frieden, die blosse Abwesenheit von Krieg, künstlich erhalten durch ein militärisches Gleichgewicht des Schreckens. Fromm kritisierte diese atomare Abschreckungsstrategie als gefährliche Illusion. Gewalt hat im nuklearen Zeitalter jede Rationalität verloren, da sie keinen Sieg mehr ermöglicht, sondern zur totalen Selbstzerstörung führt. Wie die Kuba-Krise bewies, schützt das Wissen um diese Vernichtung auf Dauer nicht.

Dem gegenüber steht der positive Friede, in Anlehnung an das hebräische Schalom ein Zustand von Ganzheit, Harmonie und Fülle. In dieser gewalt- und angstfreien Zeit leben die Menschen im Einklang miteinander sowie mit der Natur, was die Entfaltung von Vernunft und Liebesfähigkeit erst ermöglicht.

Für Fromm entspringen Kriege der reaktiven Aggressivität. Diese ist weder rein angeboren noch erlernt, sondern eine biologische Bereitschaft, die durch Reize mobilisiert wird. Während Tiere nur bei unmittelbarer Lebensgefahr angreifen, reagiert der Mensch weitaus komplexer: Er schlägt schon bei bloss voraussehbarer, zukünftiger Gefahr zu. Zudem identifiziert er sich mit abstrakten Symbolen und Werten sowie ideologischen Götzen wie Staatssouveränität, Nation oder Freiheit. Ein Angriff auf diese Konstrukte wird als vitale Bedrohung empfunden und setzt destruktive Energie frei. Durch extreme Suggestibilität und Propaganda lässt sich dem Menschen diese Bedrohung zudem leicht einreden.

Vom Denken zum Handeln: Arenen des Widerstands

Fromm übersetzte seine Theorien fortlaufend in friedenspolitische Aktivität und nutzte dafür unterschiedliche globale Arenen:

 Nahost-Engagement

Im Rahmen des Nahost-Engagements von 1948 lehnte Fromm nach der Staatsgründung Israels und der darauffolgenden Nakba – der Vertreibung von über 700.000 Palästinensern – den Zionismus als ethnischen Nationalismus ab. Ausgehend von seinem prophetischen Universalismus plädierte er gemeinsam mit Martin Buber für einen binationalen Staat mit gleichen Rechten für Juden und Palästinenser. Für diesen Friedensappell in der New York Times vom 18. April 1948 gewann er die Unterstützung von Albert Einstein und Leo Baeck. Der Aufruf forderte die israelische Führung auf, eigene gewalttätige Fanatiker zu stoppen, um die Spirale aus Terror und arabischem Widerstand zu brechen. Weitsichtig kritisierte Fromm zudem die Entwicklung Israels zum militärischen Vorposten des westlichen Imperialismus, was seinen Analysen bis heute eine brennende Aktualität verleiht.

Sein Kampf gegen die nukleare Bedrohung

Bezüglich des Kampfes gegen die nukleare Bedrohung gehörte Fromm im Jahr 1957 zu den massgeblichen Mitbegründern des National Committee for a Sane Nuclear Policy (SANE). Seine Vision leitete sich direkt von seinem gleichnamigen Buch «The Sane Society» 1955 (Deutscher Titel «Wege aus einer kranken Gesellschaft») ab. Die Organisation bekämpfte das atomare Wettrüsten und den Vietnamkrieg. Als Publizist steuerte er Analysen für die Rundbriefe Committee of Correspondence Newsletter und The Correspondent bei. In diesem Kontext reagierte Fromm mit scharfer psychologischer Kritik auf Militärstrategen wie Herman Kahn vom Thinktank RAND Corporation. Kahn rechnete in seinen Modellen vor, dass der Tod von 60 bis 129 Millionen Menschen in einem Atomkrieg akzeptabel sei, solange man die Wirtschaft nach einigen Jahren wieder aufbauen könne. Fromm verurteilte diese mathematische Kälte zutiefst und brandmarkte sie als nekrophiles Denken – eine pathologische Orientierung, die das Tote, Mechanische und Zerstörerische über das lebendige menschliche Leben stellt.

Hinsichtlich des Einflusses auf die Weltpolitik gelangte Fromms Buch «May Man Prevail?», 1961 (Deutscher Titel «Es geht um den Menschen») direkt ins Weisse Haus und übte nachweisbaren Einfluss auf John F. Kennedy aus. Dies kulminierte am 10. Juni 1963 in Kennedys berühmter Friedensrede an der American University. In verblüffender Nähe zu Fromms Argumentation rief Kennedy dazu auf, paranoide Feindbild-Klischees zu hinterfragen und die Sowjetbürger als Menschen anzuerkennen. Um den Dialog aktiv voranzutreiben, nahm Fromm zudem bereits 1962 persönlich an der Moskauer Friedenskonferenz teil.

Warum Fromms Friedensstrategie aktuell bleibt

Unter den harten Bedingungen des atomaren Zeitalters, in dem jeden Augenblick die totale Zerstörung droht, bleibt der positive Friede für Fromm zwar eine messianische Utopie. Dennoch forderte er, unermüdlich zu handeln und zu planen, solange es reale Möglichkeiten gibt. Seine daraus abgeleitete Strategie des Friedens stützt sich auf zwei Säulen:

Erstens die Vermeidung der gegnerischen Niederlage: Eine Demütigung des politischen Gegners führt fast automatisch zu einer gefährlichen Verhärtung seiner Politik. Friedenssicherung verlangt ein rationales Gesichtwahren auf beiden Seiten.

Zweitens die Mobilisierung der Massen: Grosse Menschenmengen müssen für die Idee des Friedens begeistert werden, um einen unüberhörbaren Druck auf die Regierenden auszuüben. Dies gelingt laut Fromm nur durch radikale Aufklärung über die Tatsachen, die Erziehung zu kritischem Denken, die Enthüllung von politischem Schwindel und die kraftvolle Vermittlung der Vision einer wirklich menschenwürdigen Gesellschaft.

Erich Fromms politisches Engagement zeigt somit einen Denker, der Psychoanalyse und Humanismus radikal zusammen dachte. Ob im Kampf gegen die nukleare Vernichtung, in der Entlarvung des nekrophilen Denkens von Militärstrategen oder in seinem unnachgiebigen, von den Propheten inspirierten Kampf gegen den Nationalismus im Nahen Osten – Fromm bewies stets den Mut, universelle menschliche Werte gegen den Strom geopolitischer Interessen zu verteidigen.

Quellenhinweis

Die im Text ausgeführten Konzepte zum positiven und negativen Frieden basieren auf Erich Fromms Originalbeitrag, der im Nachgang seines Vortrags bei den Salzburger Humanismusgesprächen 1968 redigiert und veröffentlicht wurde. Der historische Text sowie weiterführende Analysen dazu können im Detail im Online-Archiv des Netzwerks Friedenskooperative sowie in der digitalen Publikation der Edition Erich Fromm nachgelesen werden.

Manfred Böhm

Manfred Böhm
Manfred Böhm

Manfred Böhm, Jahrgang 1956, Publizist und Buchautor, Dipl.-Theologe, Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und Tübingen, Ausbildung in Psychopädie (nach Dr. Derbolowsky) und Fortbildungen in Logotherapie, Publizistische Schwerpunkte: Spiritualität und Friedenstheologie.

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