Ich bin im Zug, begebe mich auf die Toilette und lasse den Rucksack, der mich begleitet, für zwei Minuten allein. Passagiere hat es nur wenige und die Toilette liegt gleich nebenan. Ich muss keine Bedenken haben – mein Gepäck wird getrost auf mich warten. Als ich den Wagen wieder betrete, steht ein Kontrolleur neben meinem Abteil. Er möchte mein Ticket sehen. Ich zeige es ihm, worauf er mich grüsst und weitergeht. Doch dann scheint er sich zu besinnen und kehrt zurück. Er deutet auf meinen Rucksack und meint: «Den sollten Sie mit sich nehmen, wenn Sie auf die Toilette gehen. Leider kommt es ab und zu vor, dass gestohlen wird.»
Natürlich meint er es gut mit mir. Als Bahnbeamter glaubt er, verpflichtet zu sein, mich darauf hinzuweisen, dass auch in Zügen Diebe ihr Unwesen treiben.
«Aber hier doch nicht!» erwidere ich, fast ein wenig entrüstet. In einem Zug, der im ländlichen Toggenburg unterwegs ist, hat es keine Ganoven. Ich blicke den Abteilen entlang und sehe nirgends eine Person mit krimineller Physiognomie.
«Doch, doch», belehrt mich der Mann kompetent, «auch in diesem Zug kommt Diebstahl gelegentlich vor.» Allerdings zeigt ihm ein Blick in die Runde, dass die Wahrscheinlichkeit einer Straftat zu dieser Stunde im halbleeren Zug eher klein ist. Der schon etwas ältere Kontrolleur sieht sich deshalb genötigt, seine freundliche Warnung präventiver zu formulieren. Er beugt sich vertraulich zu mir und sagt – als ob nur er und ich von solchen Dingen etwas verstünden –: «Sie kennen sicher das Sprichwort: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.»
Ich kenne das Sprichwort. Man sagt, es stamme von Lenin. Doch Lenin steht mir nicht wirklich nahe. Gerade auch dieser Satz von ihm nicht.
«Ich persönlich», erkläre ich dem Beamten, «ziehe die Umkehrung vor: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.»
Habe ich etwa nicht recht damit? Doch so schnell gibt mein Gegenüber nicht auf:
«Dann weiss ich ein anderes Sprichwort», frohlockt er: «Sicher ist sicher!» Das gefalle mir auch nicht, erwidere ich. «Man kann nicht alles versichern.»
Der Kontrolleur, so nehme ich an, wird sich nun den nächsten Fahrgästen zuwenden müssen. Doch er steht immer noch da, gewillt offenbar, unser kleines Streitgespräch weiterzuführen. Solange wohl, bis ich zugebe, dass er recht hat.
«Da fällt mir noch etwas ein», sagt er jetzt. «Gelegenheit macht… - wissen Sie’s?» Vergnügt triumphierend schaut er mich an. Ich muss die Redensart nur noch vollenden, und ich habe nur eine Wahl. So glaubt er.
«Klar weiss ich, wie der Satz lautet», antworte ich, «Gelegenheit macht Liebe!»
Mein Kontrahent ist nicht einverstanden. Lächelnd erinnert er mich daran, wie der Spruch richtig heisst – um sich dann von mir zu verabschieden. Nun muss er wirklich weiter.
Ich aber bleibe bei meiner Version. Wenn Gelegenheit Liebe macht, haben Diebe keine Gelegenheit mehr.
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