Wider das Menschenbashing
Unsere Würde ist uns von Geburt an mitgegeben. Sie ist unverlierbar. Nutzen wir sie. Samstagskolumne.
Wir sind mehr als das, was man uns angetan hat, mehr als die Schuld, die wir auf uns geladen haben.
Wir sind mehr als das, was man uns angetan hat, mehr als die Schuld, die wir auf uns geladen haben. Bild: Shutterstock

Im Grunde gut – der weltweite Erfolg des Buches von Rutger Bregmann, erschienen zu Beginn der Corona-Zeit, zeigt die Sehnsucht des Menschen, den guten Kern in sich selbst zu erkennen. Die frohe Botschaft steckt an. Selbst ein Yuval Noah Harari fühlte sich beflissen, die Menschheit von nun an aus einer neuen Perspektive zu betrachten. In vielen Geschichten ist der Mensch besser als sein Ruf. Doch: Haben wir wirklich verstanden, was in uns steckt? Würden wir uns weiter derart kontrollieren lassen, ausbeuten, einsperren und erniedrigen, wenn wir das tatsächlich täten? 

In einer Jahrtausende währenden Geschichte tauchen wir abwechselnd als arme Sünder, blutlüsterne Wölfe, böse Missetäter, verbesserte Affen, Rädchen im Getriebe, blosse Ressource und schliesslich KI-gelenkte Bioroboter auf, die uns letztlich ersetzen. Unsere Schlechtigkeit wurde gewissermassen mit in die Wiege unserer Kultur gelegt. So wundert es nicht, dass unsere Geschichte in der heutigen Zeit zu Ende zu gehen droht. Gelegenheit, sich daran zu erinnern, was wir sonst noch in die Wiege gelegt bekommen haben. 

Menschen unterscheiden sich von allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Wir können mehr als essen, schlafen, konsumieren, den Planeten ruinieren und unnütz sein. Wir haben zum Beispiel die Fähigkeit, Mitgefühl zu entwickeln und zu vergeben, Ängste zu überwinden und aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Wir können lieben, staunen, vertrauen, glauben und uns verwandeln. Wir verfügen über ein ausgeprägtes Vorstellungsvermögen und haben die Fähigkeit, unsere Umgebung mitzugestalten.

Der Mensch kann sich seiner selbst bewusst sein. Er erlebt nicht nur, sondern kann sein Leben betrachten und sich dabei die Frage stellen, wer er ist. Er kann Bedeutung erschaffen und seiner Freude und seinem Schmerz eine Gestalt geben. Er kann Verantwortung übernehmen und in Beziehung treten: zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Erde, zu seiner Vergangenheit und seiner Zukunft, zum Mysterium des Lebens. 

Die Qual der Wahl

Wir können das Leben verneinen oder bejahen. Wie aussichtslos eine Lage auch erscheinen mag, stets haben wir die Freiheit, zwischen mehreren Möglichkeiten zu wählen. Akzeptiere ich, was ist, oder lehne ich mich dagegen auf? Mache ich etwas dafür oder dagegen? Oder mache ich nichts? Beschwere ich mich oder lasse ich los, was mich nach unten zieht, und mache mich leicht? Vergebe ich oder trage ich nach?

Unsere Fähigkeit zu entscheiden gibt uns schöpferische Kräfte. Wir können aufbauen und zerstören. Wir haben die Wahl, mit unserer Wut, unserer Angst, unserem Hass, unserem Neid, unserer Eitelkeit, unserer Unnachgiebigkeit Dinge kaputtzumachen oder uns damit zu beschäftigen, woher sie kommen, um sie zu verarbeiten. 

Menschen sind lernfähig. Wir haben die Fähigkeit, zu Erkenntnis zu gelangen und zu verstehen, dass wir mehr sind als unsere Verletzungen. Wir sind mehr als das, was man uns angetan hat, mehr als die Schuld, die wir auf uns geladen haben. Ja, und wir sind viel mehr als die Geschichten, die bisher über uns erzählt wurden. So viel mehr, dass wir dazu in der Lage sind, neue Geschichten in die Welt zu bringen.

Geschichten, in denen der Mensch nicht kleingehalten wird, sondern sich zu seiner wahren Grösse erhebt: einer Grösse ohne Überheblichkeit, ohne andere dominieren zu wollen und ohne sich für etwas Besseres zu halten. Zu einer Grösse, die nicht mehr vergleicht, sondern sich ihrer Einzigartigkeit bewusst ist. 

Wir sind nicht hier, um etwas zu beweisen. Wir müssen uns unseren Platz an der Sonne nicht erst verdienen. Unsere Würde ist uns von Geburt an mitgegeben. Sie ist unverlierbar. Nutzen wir sie. Richten wir uns auf und machen wir uns weit. Nehmen wir einen tiefen Atemzug und gehen hinaus in die Welt in dem Bewusstsein, dass wir sie mit jedem Gedanken, jedem Wort, jeder Geste mitgestalten. Warten wir nicht damit. Lassen wir unsere Geschichte nicht zu Ende gehen, sondern jetzt erst richtig beginnen. 

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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