Wir waren die Namenlosen
Die Menschen, die durch Corona in Bewegung gerieten, gab es schon vorher. Doch wir waren allein. Jeder für sich. Eine Rückblende auf das Jahr 2014. Die Kolumne aus dem Podcast «Mitten im Leben».
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Eine von vielen Kundgebungen der Ungeimpften - hier vor dem Tell-Denkmal in Altdorf: «Plötzlich machte sich eine andere Stimme bemerkbar. Sie wurde lauter und lauter.» (Bild NL)

Am 9. Februar vor 12 Jahren sagten die Schweizerinnen und Schweizer überraschend Ja zur Begrenzung der Masseneinwanderung. Die SVP hatte das Volksbegehren lanciert, und hätte nur ihre Gefolgschaft dafür gestimmt, dann wäre die Initiative abgelehnt worden. Doch sehr viele andere Menschen hatten dem Begehren ebenso zugestimmt, weil auch sie die masslose Zuwanderung nicht mehr hinnehmen wollten.

Zu den Ja-Stimmenden gehörte auch ich – und als am Abend des 9. Februar feststand, dass wir gewonnen hatten, hätte ich meine Genugtuung über das Resultat gern mit Gleichgesinnten geteilt. Aber ein «wir» existierte nicht. Nur die SVP und mit ihr die «Weltwoche» konnte das Ja kollektiv feiern. Ich jedoch blieb an diesem Abend allein. Und vielen tausend anderen muss es ähnlich ergangen sein.

Warum war das so? Weil es in der Öffentlichkeit nur den Mainstream gab. Eine Alternative dazu existierte nicht. Kein Netzwerk, kein Lager, keine Bewegung - nichts, dem man sich hätte anschliessen können.

Sechs weitere Jahre mussten vergehen. Dann kam der Februar 2020, und mit ihm Corona. Plötzlich machte sich eine andere Stimme bemerkbar. Eine kritische Stimme. Sie wurde lauter und lauter. Die Stimme der Ungeimpften.

Zu ihnen gehörte auch ich. Und irgendwann wurde mir klar, dass viele der Ungeimpften schon 2014 bei der Initiative gegen die Masseneinwanderung Ja gestimmt hatten. Genau wie ich. Still und leise, heimlich beinahe, aber mit Überzeugung. Weil wir schon damals empfunden hatten: Wir müssen die Schweiz beschützen. Vor zu viel Immigration.

Wir waren viele gewesen, schon damals. Wir wussten es nur nicht. Wir kannten uns nicht. Wir waren die Namenlosen gewesen. Jetzt kennen wir uns. Jetzt zeigen wir uns. Jetzt haben wir eine eigene Stimme. Die Stimme der Freiheit.

Dank Corona.

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Den folgenden Text schrieb ich am Tag nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative. Damals wusste ich nicht, wo ich ihn hätte veröffentlichen können. Jetzt, zwölf Jahre nach dem Februar 2014, sechs Jahre nach dem Februar 2020, im Februar 2026 kann ich ihn publizieren. Er ist all jenen gewidmet, die sich damals wie ich, trotz der gewonnenen Abstimmung, weltanschaulich verloren fühlten. Ohne das Selbstbewusstsein, das wir uns inzwischen erobert haben.

Dies ist ein Text, der davon handelt, nicht aufzugeben. An sich selber zu glauben. Darauf zu vertrauen, dass die Dinge sich ändern. Manchmal ganz unerwartet.

 

Wir sind viele

Geschrieben am 10. Januar 2014 am Tag nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative

Minuten, nachdem das Abstimmungsresultat feststand, meldeten sich die Verlierer zu Wort. Auf Facebook, Twitter, in Online-Foren und Blogs, überall, wo man sich äussern kann, gaben sie ihrer Enttäuschung Ausdruck – wortgewaltig und hemmungslos. Es wurde geschimpft und gejammert, die einen wütend, die andern zynisch, die dritten voll resigniert. Sie prangerten unser Land als ein «Land von Rassisten» an, zitierten Friedrich Dürrenmatt, der die Schweiz ein Gefängnis nannte, und wollten gleich ihre Koffer packen und emigrieren.

Andere bleiben zwar vorerst noch – aber sie schämen sich. Immer wieder dieses Beschämtsein. Wofür schämen sich denn die Verlierer? Sie schämen sich, dass 1 464 000 Menschen in unserem Land die überbordende Zuwanderung ein bisschen begrenzen wollen.

Auch ich gehöre zu diesen Menschen. Auch ich habe Ja gestimmt. Muss ich mir das gefallen lassen, dass die Gegner sich für mich schämen?

Diese Leute geben den Ton an. Es sind die Leute, die unsere Zeitungen schreiben, unser Fernsehen und unsere Filme machen, unsere Kunst gestalten; es sind die Leute, die uns erziehen und therapieren, es sind die Experten, die Werbeleute, die Professoren, die Städter und die grossstädtisch Denkenden, es sind die Autoren und die Satiriker, die Kritiker und die Zyniker, die Kleriker und die Klugen, die nichts glauben, weil sie zu wissen glauben.

Und es sind ihre Leser, ihre Studenten, ihre Bewunderer und ihre Fans; es sind die Leute, die applaudieren und sie, ohne zu denken, auf Facebook hofieren, es ist die Masse derer, die von sich überzeugt sind, dass sie verstanden haben, was weltoffen heisst.

Sie sind der Trend. Und sie schaffen es, dass wir schweigen, auch jetzt, obwohl wir gewonnen haben. Die Mehrheit war knapp, doch es ist eine Mehrheit, und das allein zählt in der Demokratie.

Trotzdem dürfen wir uns nicht freuen. Wir sagen höchstens in Nebensätzen, dass wir Ja gestimmt haben. Dass wir auf die Schweiz stolz sind. Und dass uns der Spottruf «Fuck the EU» eigentlich sehr gefällt. Sagen wir es in Hauptsätzen, müssen wir mit Verlusten rechnen. Mit Liebesentzug und moralischem Tadel.

Auch ich würde besser schweigen. Ein Schriftsteller sagt nicht Ja zu einer solchen Initiative. Tut er es trotzdem, finden die trendigen Leute das sehr befremdlich. Meint er das wirklich ernst??

Und wenn ich am Abend des Abstimmungssonntags auf Facebook rufe: «Ich liebe die Schweiz!» – dann bin ich als Autor im Grunde erledigt. Dann bin ich ein Fremder in der heimischen Literaturszene. Dann gehöre ich nicht mehr dazu.

Wohin aber gehöre ich dann? Wohin gehören wir alle, die wir Ja gestimmt haben – obwohl wir keine SVP-Wähler sind?

Wir haben keine Lobby, keine Partei, keine Tageszeitung, kein Fernsehen, keine Szene und keinen Ort, wo das, was wir denken, geschätzt und befürwortet wird. Interessieren wir uns für Kultur, besuchen wir ein Konzert, ein Theaterstück, eine Lesung – dann müssen wir unsere Meinung zuhause lassen. Denn es gibt nur eine Kultur, und diese Kultur fragt am Eingang: Hast du für die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt? Dann bist du hier nicht willkommen.

Man will uns nicht in der trendigen Welt. Wir sind nicht «in» und nicht «chic». Aber es gibt uns, und wir sind viele. In Zahlen ausgedrückt, Hunderttausende. Wir sind ein ernstzunehmender Faktor, wie sich am Sonntag zeigte. Ein neues kollektives Gefühl ist im Entstehen. Es hat keinen Namen und kein Programm, doch es regt sich und wächst, je mehr die EU unser Land unter Druck setzt.

Wer weiss, wohin sich Europa entwickelt. Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, wo das Konstrukt der EU zerfällt wie 1989 der Ostblock. Vielleicht kommt der Tag, wo die Freiheit und Selbstbestimmung der Schweiz zum Modell für die Länder Europas wird.

Dann sind wir die Modernen und die Weltoffenen. Und jene, die uns heute klein und schlecht machen wollen, werden dann die Ewiggestrigen sein.

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

Der Fünf Minuten-Podcast «Mitten im Leben» von Nicolas Lindt ist zu finden auf Spotify, iTunes und Audible.

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Alle weiteren Informationen: www.nicolaslindt.ch


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