In seinem Buch «Selbstbestimmt jetzt!» analysiert der Philosophieprofessor an der Universität Lausanne Michael Esfeld die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen: Er versteht sie als Trend zu einem neuen, postmodernen Totalitarismus. Darin folgen Wokeness, Klimapolitik und Corona-Politik demselben Handlungsschema: einer angeblich wissenschaftlichen Lehre, die mit staatlicher Gewalt das gesamte soziale Leben und die Privatsphäre lenken will.
Esfeld beschreibt Corona als Paradebeispiel: «Das Corona-Regime mit seinem angeblichen Gesundheitsschutz, das gewaltige Schäden insbesondere für Gesundheit angerichtet hat, liegt hinter uns. Aber das Handlungsschema, das in der Reaktion auf die Corona-Virenwellen zu Tage trat, tritt auch bei der Reaktion auf den Klimawandel und der Bevorzugung angeblich unterdrückter Minderheiten auf, der so genannten Woke-ness.»
Der gemeinsame Kern sei die Verbindung von politischem Szientismus und intellektueller Postmoderne: «Der politische Szientismus macht den wissenschaftlichen Realismus zum absoluten Massstab, der sogar die politischen Entscheidungen steuert.»
Gleichzeitig relativiere die Postmoderne Vernunft und Realität: «Der Gebrauch von Vernunft ist nicht universell, sondern jeweils auf eine bestimmte Kultur, Religion, Ethnie, Geschlecht, sexuelle Orientierung und so weiter bezogen.»
Der postmoderne Totalitarismus sei geprägt durch eine umfassende Fragmentierung der Gesellschaft: «An die Stelle des einen grossen Narrativs mit einer absoluten Ideologie tritt Fragmentierung in Form einer Mehrzahl kleiner Narrative, die jeweils partielle Werte postulieren, wie Gesundheitsschutz, Klimaschutz, Minderheitenschutz.» Dies mache den postmodernen Totalitarismus besonders gefährlich: «Er ist wie eine Hydra. Wenn man einen Kopf abgeschlagen hat – etwa die Inszenierung der Corona-Krise zu entlarven –, taucht sogleich ein neuer Kopf auf.»
Esfeld kritisiert die Instrumentalisierung der Wissenschaft: «Die Pandemie hat deutlich gezeigt, dass in wissenschaftlichen Fragen seriöse Wissenschaftler gegenüber Politikern, Influencern und verschiedenen Autoren und Aktivisten kein Gehör fanden.» Viele einflussreiche Experten hätten nur «schwache oder bescheidene wissenschaftliche Qualifikationen» gehabt.
Ein zentrales Instrument des unsozialen Zwangssystems ist das Geldsystem. In einem Interview mit Gerd Buurmann sagt er: «Das Fiat Geld ist ein Versprechen auf nichts, mit dem können Sie im Grunde genommen nichts anfangen, weil es ist durch nichts gedeckt ist und nichts garantiert.» Seit der Aufhebung der Goldbindung durch Nixon 1971 sei es zum «Persilschein zum Gelddrucken» geworden.
Die Folgen seien dramatisch: «Gold hat 1971 35 Dollar gekostet und ist heute [...] im Faktor 100 im Fiat Geld gestiegen. Die Arbeitslöhne [...] sind nur um Faktor 10 gestiegen.» Kapitalgüter wie Aktien und Immobilien seien so stark gestiegen, dass junge Familien sich aus eigenem Einkommen keine Immobilien mehr leisten könnten.
Esfeld sieht darin eine «Betrugsmaschine»: Der Wohlfahrtsstaat entwerte durch Inflation die Arbeit zugunsten der Besitzer von Kapitalgütern und gebe den Bürgern in Form von Almosen etwas zurück, «was er ihnen zuerst aus der Tasche genommen hat mit dem Währungsmonopol». Das Fiat-Geld diene folglich der Entmündigung und Abhängigmachung der Menschen.
Sein zentrales Gegenkonzept ist Selbstbestimmung. «Grundrechte können nur Abwehrrechte sein und nicht Anspruchsrechte.» Ansprüche wie bedingungsloses Grundeinkommen oder Klimaschutz führten zu Zwang: «Bedingungsloses Grundeinkommen heisst Zwangsarbeit.»
Esfeld plädiert für freiwillige Interaktionen: «Freiwillige, friedfertige oder nicht aggressive Interaktionen sind so beschaffen, dass eine Person oder Gruppe von Personen anderen ein Angebot macht, dass die Adressaten annehmen oder ablehnen können. Hierunter fallen alle Interaktionen in einem Markt.» Politische Interaktionen hingegen seien «feindselige, aggressive Interaktionen».
Der postmoderne Totalitarismus basiere - wie jeder Totalitarismus – auf Macht statt Vernunft: «Ohne objektive Kriterien gibt es keine andere Berufungsinstanz als die Macht.» Esfeld ruft zur Mündigkeit auf: «Mündigkeit bedeutet, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten, andere Menschen als mündige Individuen zu respektieren und freiwillige Vereinbarungen zu treffen.»
Der Staat sollte sich auf Schutzfunktionen wie Polizei, Rechtsschutz, Landesverteidigung beschränken und keine Bevormundung ausüben. Demokratie sei eine Begrenzung der Herrschaft durch die Grundrechte jeder Person und keine Lizenz für eine Mehrheit, anderen etwas aufzuzwingen. Esfeld betont, dass die Gesellschaft zu freiwillig finanzierten Medien, Bildung und einem rechtsstaatlichen System zurückkehren sollte.
Das Buch ist ein Appell gegen Bevormundung und für eine liberale, auf Vernunft und Freiwilligkeit gegründete Gesellschaft.
Leseprobe:
Wir erleben, wie ein neuer, spezifisch postmoderner Totalitarismus aufzieht. Das Regime, das sich seit Frühjahr 2020 durchgesetzt hat, hat viele Merkmale mit früheren totalitären Regimen gemeinsam. Es gibt eine Gruppe von Experten, die sich in den Leitmedien als Sprachrohr der Wissenschaft darstellt und die den Anspruch erhebt, das Wissen über das allgemeine Gut zu besitzen. Diese Experten beanspruchen nicht nur Fachwissen, sondern auch moralisches Wissen. In Verbindung mit diesem Wissensanspruch steht eine technokratische Sicht der Menschen, welche die Menschen wie physikalische Objekte ansieht, deren Lebensbahnen durch wissenschaftliche Erkenntnisse auf das allgemeine Gut hingesteuert werden können und sollen. Das ist die soziale Ingenieurskunst.
Schließlich werden dieser Wissensanspruch und diese technokratische Sicht der Menschen in der Politik und den Medien aufgenommen mit dem Ziel, ein Regime umfassender sozialer Kontrolle aufzubauen, das keine Privatsphäre anerkennt.
Im Corona-Regime regeln die Lockdowns die sozialen Kontakte bis in den engsten Familienkreis hinein. Nicht einmal der eigene Körper ist mehr im eigenen Besitz: Durch die Impfanordnungen untersteht er der Verfügungsgewalt des Staates. Im Klima-Regime kann bis ins Detail geregelt werden, wie man wohnen darf, wie man sich fortbewegen darf und was man essen darf. Im Wokeness-Regime kann bis ins Detail geregelt werden, was man sagen darf. Wenn sich zum Beispiel eine kleine Minderheit durch die Tatsache verletzt fühlt, dass es zwei Geschlechter gibt, die biologisch eindeutig durch die Geschlechtschromosomen bestimmt sind, dann darf man diese Tatsache nicht mehr aussprechen und muss stattdessen ein Bekenntnis zum Geschlecht als einem sozialen Konstrukt ablegen.