Lindsay Clancy: Wie eine Sirene im Theater
Wer trägt die «Schuld», wenn eine junge Mutter ihre Kinder umbringt? Sie selbst? Die Justiz, das Gesundheitssystem, die Pharmaindustrie, die Gesellschaft? Charles Eisenstein will die üblichen Reflexe nicht gelten lassen.
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«Bestimmt gab es Pillen für diese ganzen Zustände.» Bild: Shutterstock

Der Fall der Lindsay Clancy erregte im September die US-Öffentlichkeit: Die 32-Jährige erwürgte am 24. Januar 2023 in Duxbury (Massachusetts, USA) ihre drei Kinder – die fünfjährige Cora, den dreijährigen Dawson und den acht Monate alten Callan. Anschliessend schnitt sie sich die Handgelenke und den Hals und sprang aus dem Fenster. Sie überlebte schwer verletzt und ist seither von der Hüfte abwärts gelähmt. Sie gab an, einer akustischen Halluzination gefolgt zu sein. Im Mordprozess ab Juli 2026 argumentierte die Verteidigung mit postpartaler Psychose und bipolarer Störung. Die Anklage sah dagegen planvolles Handeln. Nach fast sieben Wochen endete der Prozess am 4. September 2026 mit einem Verfahrensabbruch, da sich die Jury nicht einigen konnte. Die nächste Anhörung ist für den 2. November angesetzt. Der Fall löste eine breite Debatte über postpartale psychische Erkrankungen und strafrechtliche Verantwortung aus. (Anmerkung der Übersetzer)

Ich kann mir keine extremere Verletzung der natürlichen Ordnung vorstellen als eine Mutter, die ihre eigenen Kinder umbringt. Das ist so undenkbar (besonders für alle, die selber Kinder haben), dass es geradezu das Gewebe der Wirklichkeit zu zerreissen droht. Kein Wunder, dass die Gesellschaft reagiert – über das Rechtssystem –, indem sie die Täterin dieses unermesslichen Verbrechens bestrafen will. Als könnten wir - wenn wir Lindsay Clancy im Gefängnis wegsperren oder auf den elektrischen Stuhl schicken – damit den Riss im Gewebe der Welt loswerden.

Angesichts eines schwerwiegenden Bruchs in der natürlichen Ordnung wollen die Menschen natürlich etwas dagegen unternehmen. Wir wollen einen Schuldigen finden, eine Ursache, einen Grund. Wir suchen einen Weg, dem, was geschehen ist, einen Sinn zu geben und dadurch – zumindest in unserer eigenen Vorstellung – die verletzte Ordnung wieder herzustellen.  

Dieser erste Impuls tarnt sich sich als Gerechtigkeit, Abschreckung und Rechtsstaatlichkeit. Aber das ist eine schwache Tarnung. Wir könnten uns keine Strafe ausdenken, die der Hölle, die Lindsay Clancy bereits erlebt hat, auch nur nahe kommt: den Bildern, die sich in ihr Gehirn eingebrannt haben, der völligen Zerstörung ihres Lebens, dem Schrecken ohne Ende.

Jeder Tag ist der schlimmste Tag meines Lebens, sagte sie zu ihrem Ehemann, als sie wieder Kontakt hatten. 

Wie arrogant müsste man sein, um ein solches Verbrechen mit den üblichen Rechtsbegriffen zu beschreiben? Zum Beispiel «Abschreckung»: Vergiss es. Glaubt wirklich irgendjemand, dass diese Frau die Vor- und Nachteile der Kindstötung abgewogen und dann, als sie fand, dass die Vorteile die Risiken überwiegen, damit losgelegt hat?

Der Bestrafungsreflex, der sich als die Wiederherstellung einer gebrochenen natürlichen Ordnung gibt, lenkt uns von der überaus wichtigen Frage ab: Wie konnte so etwas passieren? Die sichere und bequeme Erklärung ist, dass es eine Abweichung der Normalität war, in der Person einer Lindsay Clancy zu verorten. In diesem Falle ist unser Reflex vernünftig, und sie zu exekutieren wäre gerecht. Gerechtigkeit bedeutet schliesslich so etwas wie: »die Dinge richten«, »die Richtigkeit wieder herstellen«. Wir werden Lindsay los, und damit sind wir das Problem los, ordentlich und sauber.

Wenn andererseits der Clancy-Fall keine isolierte Abweichung ist, sondern ein Symptom für eine Gesellschaft, die selbst von der natürlichen Ordnung abgewichen ist, dann wäre das Entfernen Lindsay Clancys aus der Gesellschaft so, als würde man den Rauchmelder abstellen und hoffen, dass wir das Feuer damit löschen.

Lindsay Clancy ist kein kaputter Rauchmelder. Das Haus steht tatsächlich in Flammen. Was sie uns aufzeigt, ist zu ernst, um es mit einfachen Erklärungen wie ein zerstörter Gehirnstoffwechsel oder moralische Entartung abzutun. Um es zu verstehen, müssen wir zuallererst fragen: Wie fühlt es sich an, Lindsay Clancy zu sein?

Vielleicht erwarten wir irgendeinen schrecklichen Missbrauch in der Kindheit, den sie an der nächsten Generation wiederholt. Das würde uns erleichtern, denn es würde bis zu einem gewissen Grand die natürliche Ordnung erhalten. Wir könnten das Verbrechen verstehen und in eine sinnvolle Geschichte einbauen, die »falsch« als erkennbare, gesellschaftlich verurteilte Ursachenkategorie (Kindesmissbrauch) abspaltet. Damit blieben die üblichen Einrichtungen moderner Elternschaft, Erziehung und Medizin unangetastet. Aber so geht die Geschichte nicht.

Zeitungsberichten zufolge war Lindsay Clancy ein glückliches Mädchen aus einer normalen Familie, das gern ausging und Spass hatte. Es gibt keinen Hinweis auf Missbrauch oder Dysfunktionalität in ihrer Kindheit. Nachbarn beschreiben sie als höflich und freundlich. Sie war Cheerleader und Sportlerin, Babysitter und Spitzenstudentin. Sie wollte gern Mutter werden und auch im medizinischen Bereich mit Babys arbeiten.

Wenn eine traumatisierte, randständige, abnormale Person, die kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist, das schlimmste Verbrechen begeht, das wir uns vorstellen können, ist das eine Sache. Es ist eine ganz andere, wenn die Täterin aus dem völlig normalen, guten Leben stammt. Dann stellt es das Gute, das wir als normal betrachten, in Frage.

Ich habe gezögert, das Lindsay-Clancy-Gerichtsverfahren zu kommentieren. Teilweise, weil ich dabei bin, ein Buch zu schreiben, aber auch weil das Thema inzwischen im politischen Rechts-Links-Schema eingeordnet wurde. Was ich jetzt sagen werde, versteht keine der beiden Seiten. Beide werden bestimmt annehmen, dass ich zur anderen gehöre. Die Rechte findet ganz allgemein, es sei eine Sache von Rechtsstaatlichkeit, Abschreckung und Justiz – ein Standpunkt, den ich schon besprochen habe. Die Linke hingegen behandelt es als tragischen Fall von «postpartaler Psychose», der von ausgebildeten psychiatrischen Fachleuten behandelt werden sollte und nicht von Richtern und Gefängnissen. Ganz so, als sei die postpartale Depression eine zufällige Erkrankung, die in einem System, wo es «gesunden» Personen total gut geht, bestimmte unglückliche Opfer trifft. Dieses Narrativ normalisiert in erster Linie die Bedingungen, die zu einer postpartalen Psychose führen.

Wenn unsere Gesellschaft im Prinzip gesund ist und du bist unglücklich, dann müssen die Probleme bei dir liegen: deine Gene, deine Hormone, dein unverarbeitetes Trauma, deine moralischen Unzulänglichkeiten und so weiter. Und für all diese Dinge entwickeln wir Behandlungswege! Eines Tages werden wir alle dank der Fortschritte in der modernen Psychiatrie gut angepasst sein.

Laut ihrem Ehemann Patrick begannen Lindsays psychologische Schwierigkeiten, nachdem sie ihr erstes Baby bekommen hatte – aber nicht direkt danach. Die Probleme begannen, als ihre Mutterschutzzeit endete und sie wieder zu Arbeit gehen sollte. »Es fiel ihr schwer, von ihnen getrennt zu sein«, sagte Patrick den Geschworenen bei Gericht.

Naja, dagegen gibt es Pillen. 

Lindsay stand unter allen Arten von Pillen: 30 Verschreibungen für 13 verschiedene Medikamente in den Jahren 2022 und 2023, in unterschiedlichen Kombinationen und Dosierungen, darunter ssRIs, Antipsychotika, Stimmungsaufheller, Beruhigungsmittel und Benzos. Sie war nicht eine Person, die durch die Lücken im Gesundheitssystem gefallen war und keine »psychiatrische Versorgung« erhielt.

Ich möchte aber tiefer schauen als auf die vordergründige Erklärung einer endogenen Psychose. Natürlich verändern diese Medikamente den Gehirnstoffwechsel. Viele wurden noch nicht einmal in den Kombinationen getestet, die Lindsay einnahm. Und ja, trotz der Bemühungen der pharmazeutischen Industrie, es abzustreiten, werden besonders ssRIs [selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer] mit Psychosen, Tötungs- und Selbsttötungsgedanken und anderen schweren Symptomatiken in Verbindung gebracht. Doch dahinter steckt noch eine viel grössere Geschichte, in der die Übermedikation psychisch Kranker – wie auch die ganze Kategorie namens »psychische Erkrankung« – nur ein Ausdruck ist.

Indem wir die Identität des Bösen von Lindsays moralischer Schändlichkeit oder ihrem Gehirnstoffwechsel auf das System der Medikamenten-Psychiatrie verlagern, agieren wir immer noch nach demselben Muster, einen Schuldigen zu suchen. Damit erhalten wir die grösseren Systeme, trennen den Schuldigen von ihnen ab – und kommen zu unangemessen radikalen Lösungen.

Die Medikalisierung der Psychiatrie geniesst grosse Unterstützung von der Finanzwelt, die davon profitiert, besonders die Pharmakonzerne. Mit Gier lässt sich das jedoch nicht zur Gänze erklären. Ich kenne mehrere Menschen, die aus der Hölle der Medikamenten-Psychiatrie zurückgekommen sind: erst eine Pille, dann eine andere ,um die Nebenwirkungen zu bekämpfen, dann eine höhere Dosis, dann eine dritte Pille, dann eine vierte und zuletzt die Dauer-Einweisung. Sie alle bestätigen die verstörende Tatsache, dass alle (oder fast alle) Ärzte und Ärztinnen, die diese Chemikalien verschrieben hatten, nette, mitfühlende, intelligente Leute waren, voller guter Absichten. Das gilt durchweg, einschliesslich Pharmafirmen, Investitionsgesellschaften, Aufsichtsbehörden – also tatsächlich für alle, die ein inhumanes System am Laufen halten: Sie alle sind Marionetten von Systemen und Ideologien, die für die meisten Leute völlig selbstverständlich sind.

Stell dir vor, du bist eine von diesen Fachleuten. Da kommt eine junge Mutter mit postpartaler Depression. Sie ist verzweifelt darüber, ihr Baby jeden Tag für 8 bis 10 Stunden von Fremden betreuen zu lassen. Was kannst du für sie tun? 

Wahrscheinlich stellst du die Richtigkeit von Kinderbetreuung nicht in Frage. Vielleicht hältst du sie für ein Privileg, das auch denjenigen zugute kommen sollte, die es sich momentan nicht leisten können, damit auch sie sich zeitweise aus der öden Arbeit der Kinderbetreuung befreien und sinnvolle Karrieren aufbauen können. Zu sagen: «Natürlich bist du traurig, natürlich hast du Angst. Es ist verrückt, dein Baby den ganzen Tag lang in die Hände von Fremden zu geben. Das verletzt deinen Mutterinstinkt», würde einem ganzen Wertesystem und Weltbild widersprechen. Das hiesse zuzugeben, dass unser Begriff von Fortschritt überholt ist. Es hiesse abzulehnen, was die Gesellschaft als normal und gültig anerkennt, womöglich deinen eigenen Beruf. So eine kognitive Dissonanz ist schwer auszuhalten. Es ist viel einfacher, das Kranke in der Patientin zu verorten, nicht in der Gesellschaft, und sie mit allen Werkzeugen zu behandeln, womit deine Ausbildung dich ausgestattet hat.

Wir können die Schuld auch nicht auf die Mütter und Väter schieben, die ihr Baby in die Tagesbetreuung geben. Abgesehen vom niedrigen sozialen Status von Hausmüttern (und -vätern), werden zögernde Eltern von der reinen ökonomischen Notwendigkeit in die Erwerbstätigkeit getrieben, selbst wenn sie lieber Vollzeiteltern wären. Ein weiterer Faktor, der vielleicht der wichtigste ist, jedoch leicht übersehen wird, besteht darin, dass das Elternsein durch die Auflösung der Gemeinschaft eine ganz andere Rolle übernommen hat: Es ist ein einsames Drama innerhalb der Kernfamilien-Kiste geworden.

Ich war ein paar Jahre lang Hausmann. Ich hielt nichts von Tagesbetreuung, aber alle anderen Kinder waren dort, so dass es für meine Kinder niemanden zum Spielen gab. Mein Leben bestand andauernd aus der Suche nach Verabredungen mit Spielkameraden, die dann eine willkommene Entlastung von den unglaublich langen Tagen waren, an denen ich zum hundertsten Mal Hop on Pop vorlas, mit Bauklötzen spielte, Philip in den Autositz packte, um zum Supermarkt zu gehen und so weiter. So kann man nicht leben. So geht es auch nicht zu in den weniger »modernen« Kulturen. Da sind immer andere Menschen in der Nähe – Tanten und Onkel, Vettern, Grossmütter – und machen das Elternsein zu einem Gemeinschaftsuntenehmen.

Diese Jahre als Hausmann und dann als alleinerziehender Vater gehören zu den härtesten (und schönsten) meines Leben.

Ich war mir meines niedrigen gesellschaftlichen Status überaus bewusst, wenn ich den Einkaufswagen schob und vielleicht von ehemaligen Klassenkameraden erfuhr, die gerade Partner bei McKinsey geworden waren oder ihre vierte Firma gegründet hatten. Vielleicht hätte ich meine zukünftige Karriere als Was-immer-ich-heute-bin beschleunigen können, wenn ich die Kinder in Vollzeit-Tagesbetreuung gegeben hätte, aber das hätte mir das Herz gebrochen. Es gab keinen Ausweg. Ich war deprimiert, besorgt und ruhelos.

Bestimmt gab es Pillen für diese ganzen Zustände. Unterschwellig sagen die Pillen: Das Problem sind nicht deine Lebensumstände, das Problem bist du. Sie machen es vielleicht einfacher, mit den Umständen zurecht zu kommen, aber sie ändern sie nicht.

Vielleicht wäre ich, wenn ich Pillen genommen hätte, auch in eine Psychose geraten wie Lindsay Clancy. Vielleicht wurde ich einfach dadurch vor ihrem Schicksal bewahrt, dass ich eine unüberwindbare Abneigung gegen das offizielle Medizinsystem hege. Im tiefsten Inneren bin ich vielleicht genauso wie sie. Vielleicht sind wir das alle. Vielleicht ist niemand von uns aus einem anderen Holz geschnitzt als sie.

Kommen wir zum Anfangsthema zurück: Es muss etwas getan werden. Der furchtbare Mord an drei wundervollen, glücklichen Kindern durch ihre eigene Mutter ist wie eine Sirene, die in einer Konzerthalle losgeht. Man kann sie nicht ausblenden. (Allerdings könnte man sagen, dass gerade jetzt viele Sirenen ertönen. Soziale, politische, ökologische, und wir blenden sie aus. Gut, das ist also noch eine Sirene, und die stört Menschen, die die anderen ausblenden.) Der Grundimpuls, etwas zu tun, ist authentisch. Wir müssen etwas tun. Wir finden keine Ruhe, wenn wir es nicht tun. Aber was?

Was tun wir, wenn wir verstehen, dass das Problem nicht einfach ein Fehler in der öffentlichen Ordnung ist, noch Lindsays Gehirnstoffwechsel, noch die psychiatrische Fachwelt oder Big Pharma, noch irgendein einzelnes Ding, auf das wir den Finger legen können? Sondern dass es tatsächlich das ganze System ist, in dem wir leben? Das Falsche kann nicht einfach abgetan werden als ein Problem mit einem schlechten Individuum, einer Gruppe von Individuen oder einer bestimmten Institution. Es ist überall.

Diese Erkenntnis hat die Macht, uns aus dem Gleis zu werfen. Und das ist gut. Unser »Gleis« – unsere übliche Art Problemen zu begegnen, unsere Ursachen-Zuschreibungen – führt uns im Kreis herum.

Aus dem Gleis geworfen zu sein, ist kein Dauerzustand. Es ist eine Unterbrechung, nach der ein neues Mass an Bewusstsein die zuvor automatisch getroffenen Entscheidungen begleitet. Sie ermöglicht, dass Absicht den Reflex ersetzt.

Das Ergebnis könnte durchaus darin bestehen, im Fall Linday Clancy irgendetwas zu tun, aber das wird dann nicht auf einer falschen Ursachen-Zuschreibung beruhen, und es wird beitragen zur Transformation von … wovon? Von allem.

Manche Beobachter haben den Medienwirbel um diesen Fall als blosse Ablenkung von weit wichtigeren Themen, denen die Menschheit gegenübersteht, kritisiert. Klar, sagen sie, war das eine Tragödie, aber sie verblasst doch im Vergleich zu dem, was in Gaza passiert oder am Amazonas oder im Kongo. Sie ist bedeutungslos, verglichen mit dem globalen Kollaps der Ökosysteme, der Machtübernahme durch KI oder dem Atomkrieg. Dennoch erhielt der Clancy-Fall mehr mediale Aufmerksamkeit als dies alles.

Diese Kritik übersieht einen wichtigen Punkt. 

Diese ganzen humanitären Katastrophen und die Welt bedrohenden Zustände sind Ausdruck desselben Systems und Narrativs, das sich im Lindsay-Clancy-Fall so deutlich offenbart. Wie verändert sich ein System? Wie verändert sich ein Mythos? Das geschieht, wenn genügend von uns «etwas tun». Jeder Ausdruck des Systems ist ein Hebelpunkt für seine Veränderung, und seine hässlichsten Ausprägungen reissen uns aus der gewohnten stillschweigenden Zustimmung. Wir wissen vielleicht nicht, was wir tun können, um alles zu verändern – und wir sollten am besten nicht so tun, als wüssten wir es – aber jede und jeder von uns wird mit wenigstens einer Sache konfrontiert werden, die uns unter die Haut geht und zum Handeln aufruft.

Du liest vom Lindsay-Clansy-Fall und du denkst, es muss etwas getan werden. Höre auf diesen Ruf! Und begreife, dass das, was getan werden sollte, der Schutz der Wale sein könnte oder Flüchtlingsarbeit oder Gesundheitsreform oder Hospizarbeit oder pflanzliche Heilmittel verabreichen. Was hat das mit der allumfassenden Zivilisationskrankheit zu tun, die der Clancy-Fall aufzeigt? Das musst du nicht erklären. Du wirst wissen, dass du handelst. Dein Leben wird einen Sinn haben.

Was also sollte in Bezug auf Lindsay Clancy getan werden? Anerkenne sie als Opfer einer grossen Vielfalt von Umständen. Begreife, dass nur durch die Gnade Gottes nicht ich in diesen Umständen war. Sei dir im Klaren, dass etwas von ihr in uns allen steckt. Dann kannst du ihr nur das Eine wünschen: dass sie aus der Hölle entlassen wird. Berühre auch nur eine Sekunde lang ihren Schmerz – das ist, wie etwas rot Glühendes berühren. Für sie dauert der Schmerz nicht nur eine Sekunde, er ist unendlich. Ihre Tat ist unwiderruflich. Aus ihrer Hölle gibt es kein Entkommen. Möge Gott ihr gnädig sein. Mögen wir alle ihr gnädig sein.


Der Beitrag erschien im Original auf dem Substack von Charles Eisenstein

Übersetzung: Ingrid Suprayan, Korrekturlesen von Christa Dregger, beide vom Team Charles Eisenstein auf deutsch

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Charles Eisenstein (* 1967) ist ein US-amerikanischer Kulturphilosoph und Autor. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet er als Vortragsredner und freier Dozent. Er gilt als wichtiger Theoretiker der Occupy-Bewegung.

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