Mediennarrative prägen die öffentliche Wahrnehmung und erhöhen das Risiko einer Eskalation, erklärte Prof. Diesen. Er warnte vor der systematischen Dämonisierung von Gegnern durch Medien und Politiker.
Bereits Walter Lippmann, der während des Ersten Weltkriegs für die US-Regierung arbeitete, erkannte: Liberale Demokratien neigen dazu, Kriege als Kampf zwischen Gut und Böse darzustellen, um die öffentliche Unterstützung zu mobilisieren. Sobald der Gegner als das «reine Böse» gilt, wird jeder Kompromiss zur verwerflichen Beschwichtigung. Frieden wird unmöglich, weil das Gute das Böse besiegen muss.
Der Ausgangspunkt internationaler Sicherheit liegt jedoch in der Anerkennung des Sicherheitswettbewerbs: Die Stärkung der eigenen Sicherheit kann die Sicherheit anderer mindern. Ein erster Schritt zu Frieden besteht darin, die Sicherheitsbedenken des Gegners zu verstehen. Wer dies versucht, wird heute jedoch sofort als «Putin-Versteher» oder Apologet verunglimpft, also als jemand, der das «Böse» rechtfertigt. Diesen: «Hätten frühere Generationen diese Haltung gezeigt, hätten wir den Kalten Krieg wahrscheinlich nicht überlebt.»
Die Stärkung der eigenen Sicherheit kann die Sicherheit anderer mindern.
Medien berichten nicht immer objektiv. Im Glauben, den «guten Kampf» zu führen, schaffen sie eine eigene Realität. So werden Journalisten zu Informationssoldaten. Die Anerkennung der Verluste der ukrainischen Streitkräfte, das Scheitern von Sanktionen oder die Schwäche der ukrainischen Position werden dann heruntergespielt, um die öffentliche Unterstützung für den Krieg aufrechtzuerhalten.
Gleichzeitig wird Russland widersprüchlich dargestellt: Einerseits als hoffnungslos schwach und rückständig, andererseits als existenzielle Bedrohung für ganz Europa. Die Botschaft heisst: Der Feind ist gefährlich, aber mit genug Waffen leicht zu besiegen.
Die zentrale Erzählung lautet «unprovozierte Invasion». Sie soll Russland als rein expansionistische, imperialistische Macht erscheinen lassen, nicht als Staat, der auf Sicherheitsbedrohungen reagiert. Jede Infragestellung dieser These wird als Legitimierung der Invasion diffamiert oder zensiert. Dadurch wird jeder Kompromiss zur gefährlichen Beschwichtigung erklärt. Frieden gilt nur noch durch Waffenlieferungen – «Waffen sind der Weg zum Frieden», wie es der frühere NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg formulierte.
Viele westliche Politiker, Diplomaten und Geheimdienstchefs – darunter George Kennan (1998), Angela Merkel, der britische Botschafter Roderick Lyne und CIA-Direktor William Burns – hatten jahrelang vor den Folgen der NATO-Osterweiterung gewarnt. Sie sahen darin eine Verletzung früherer Zusagen, eine neue Teilung Europas und eine Provokation Russlands. Dennoch wurde die Ukraine schrittweise zum Frontstaat gegen Russland ausgebaut.
Der Putsch 2014 in Kiew wurde in westlichen Medien als «demokratische Revolution» verkauft, obwohl er gegen die ukrainische Verfassung verstiess und keine Mehrheit in der Bevölkerung hatte. Später wurde der Widerstand im Donbass systematisch als reine «russische Operation» dargestellt. Friedensabkommen wie Minsk wurden untergraben, die russische Sprache und Kultur unterdrückt und Zwangsrekrutierungen durchgesetzt. Friedensverhandlungen in Istanbul 2022 wurden – nach Aussagen Beteiligter – von Teilen der NATO sabotiert, weil man Russland schwächen wollte, selbst auf Kosten der Ukraine.
Wer den Gegner entmenschlicht, kann später keinen dauerhaften Frieden schliessen.
Diesen betonte: Die Medien teilten der Öffentlichkeit nicht mit, dass die anfängliche russische Truppenstärke und die ersten Handlungen nicht auf eine vollständige Eroberung der Ukraine hinwiesen, sondern darauf, Neutralität durchzusetzen. Ebenso wenig wurde berichtet, dass Selenskyj selbst am ersten Tag Verhandlungen auf der Grundlage von Neutralität zustimmte.
Die Dämonisierung Russlands als «neuer Hitler» verhindert jede rationale Debatte über eine europäische Sicherheitsarchitektur, die den Sicherheitswettbewerb entschärfen könnte. Stattdessen eskaliert der Konflikt weiter.

Diesen erklärte in eine Zusatz, warum Konfliktlösung so schwierig ist. Der Mensch ist ein Gruppentier: In Bedrohungssituationen verstärkt sich die Abgrenzung zwischen «Wir» (gut) und «die Anderen» (böse). Grauzonen verschwinden. Politische Propaganda nutzt diesen Instinkt und vereinfacht komplexe Konflikte zu einem moralischen Kampf. Das stärkt den inneren Zusammenhalt, verhindert aber eine Lösung – besonders gefährlich gegenüber einer Atommacht, die sich in einem existenziellen Überlebenskampf sieht.
Historische Beispiele wie der Erste Weltkrieg zeigen: Wer den Gegner entmenschlicht, kann später keinen dauerhaften Frieden schliessen. Raymond Aron warnte 1962 davor, Staaten in Gut und Böse einzuteilen – eine Haltung, die oft in Fanatismus mündet.
Diesen kritisierte, dass jede Anerkennung russischer Sicherheitsinteressen sofort als «pro-russisch» oder Verrat abgetan wird. Über 20 Jahre habe er vor genau diesem Krieg gewarnt – und stets den Vorwurf erhalten, er nehme Russland in Schutz. Dabei gehe es nicht um Parteinahme, sondern um die Fähigkeit, die Realität nüchtern zu analysieren, um eigene Sicherheit und die der Ukraine zu wahren.
Sein Fazit: Die Unfähigkeit, über die Sicherheitsbedenken des Gegners zu sprechen, blockiert Diplomatie und führt zu unnötiger Eskalation. Dies betrifft nicht nur Russland, sondern auch China, den Iran und andere Staaten, die derzeit als «Bösewichte» gelten. Ein tragfähiger Frieden erfordert die Abkehr von der Gut-Böse-Logik und die Rückkehr zu einer realistischen Einschätzung gegenseitiger Interessen.