Wolfgang Effenberger (Jg 1946) setzt sich seit Jahrzehnten für den Frieden ein. Seine politische Arbeit und sein unermüdliches Engagement hat biographische Wurzeln. Effenbergers Herkunftsfamilie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben. Er selbst wurde dann bereits im Westen geboren und verbrachte die ersten vier Lebensjahre im Vertriebenenlager. Später wohnte die Familie bei einem Bauern über einem Schweinestall. Als er acht Jahre alt war, konnten die Eltern ein Häuschen bauen. Was für ein grosses Glück! Die Bundeswehr schien gute Ausbildungschancen zu bieten. Dort qualifizierte sich Effenberger zum Bauingenieur und erreichte ausserdem den Rang eines Offiziers.
Konfrontation mit militärischen Strategien
Ihm wurde dann Anfang der 1970er Jahre – in der Zeit des Kalten Kriegs - eine Tätigkeit zugewiesen, die sein Leben entscheidend beeinflusste: Mit 26 Jahren arbeitete er isoliert in einem Büro im Rahmen des damals gültigen General Defense Plan (GDP) der NATO geheime Verteidigungspläne aus, die auch die Verwendung atomarer Waffen einschlossen. Es fanden wöchentliche Kontrollen seiner Arbeit statt. «Über den Einsatz von Atomwaffen wurde damals völlig verantwortungslos gedacht. Der Schutz der Bevölkerung wurde nicht im Entferntesten in die Planung mit einbezogen. Diese Planung war bereits ein Verbrechen an Deutschland und Europa», berichtet er.«Im Einsatzfall sollte ich selbst dann an der tschechischen Grenze einen atomaren Sperrzug der Bayrischen Pioniere anführen.»
Nach 12 Jahren schied Effenberger aus der Bundeswehr aus und begann ein TU-Studium Höheres Lehramt Mathematik/Bauwesen in München. Er unterrichtete anschliessend bis 2000 an einer Fachschule für Bautechnik. Seine einschneidenden und schockierenden Erfahrungen mit militärischer Planung liessen ihn nicht mehr los. Der ehemalige Offizier verfolgt bis dato die Geopolitik der USA und des Westens anhand der vorliegenden militärischen Strategiepapiere und vergleicht gestern und heute. Er klopft die Unterlagen auf Propaganda-Sprech ab und klärt über politische Zusammenhänge auf. Und so ist er jetzt seit 25 Jahren Autor und Publizist, hält Vorträge und Reden bei Friedenskundgebungen und ist im Internet präsent. Mittlerweile sind zahlreiche Bücher von ihm erschienen, beispielsweise: «Die unterschätzte Macht. Von Geo- bis Biopolitik – Plutokraten transformieren die Welt» Ein neues Buch ist in Vorbereitung.
Im Gespräch mit dem Zeitpunkt gibt Effenberger Antworten auf aktuelle Fragen zur US-Politik.
Zeitpunkt: Win in a complex world - was steckt hinter dieser US-Militärstrategie?
Wolfgang Effenberger: Man muss von einer Stringenz und Kontinuität des amerikanischen Machtstrebens seit dem späten 19. Jahrhundert ausgehen. Seitdem hat es viele Strategiepapiere gegeben. Das US-Strategiepapier des Training and Doctrine Command (TRADOC 525-3-1) «Win in a Complex World 2020-2040» aus dem Jahr 2014 ist eine Langzeitstrategie und zeigt die aktuelle Stossrichtung der USA auf. Die Journalisten Bill Van Auken und David North bezeichnen das Dokument in ihrem Artikel aus dem Jahr 2014 bereits als «Blaupause für den Dritten Weltkrieg.» Mit diesem - ein halbes Jahr nach dem Maidan-Putsch verabschiedeten - US-Dokument geriet der Westen meines Erachtens eindeutig auf eine abschüssige Bahn.
Die beiden Journalisten schreiben dann auch: «Diese Strategie leitet sich von dem unausgesprochenen, zugrunde liegenden Imperativ ab, dass der US-Imperialismus die Hegemonie über den ganzen Planeten, seine Märkte und Reichtümer ausübt, und dass er bereit ist, jeden Rivalen zu vernichten, der ihm im Weg steht.» Die TRADOC-Papiere sind also keine neutralen «Fach-texte», sondern strategische Leitlinien einer Grossmacht, die ihre militärische, wirtschaftliche und informationspolitische Dominanz in einer zunehmend multipolaren Welt sichern will.
Nach Punkt 2.4 und Kernabschnitten des US-Strategiepapiers «Win in a Complex World 2020-2040» ist es das explizite Ziel der US-Streitkräfte, im Verbund mit Alliierten und multinationalen Kräften den von Russland und China ausgehenden Bedrohungen «aktiv zu begegnen», sie «abzubauen» und im Ernstfall militärisch zu siegen. «Aktiv begegnen» und «abbauen» sind dabei typische Beschönigungen in solchen Papieren. Das Dokument nimmt damit eine sicherheitspolitische Ausrichtung auf die Möglichkeit auch gross angelegter Konflikte und Kriege gegen technologisch und militärisch Gleiche oder annähernd Gleichwertige - wie eben Russland und China.
Wenn ich «Victory» lese, dann weiss ich, dahinter steckt Kompromisslosigkeit und Bereitschaft zu rücksichtsloser militärischer Aggression.
Hat sich seit 2014 etwas an dieser US-Strategie geändert?
Ja, sie hat sich erweitert und verschärft. Im Oktober 2025 wurde dann der US-Befehlsbereich «Training and Doctrine Command» (TRADOC) mit dem «Army Futures Command» (AFC) unter einem einheitlichen Kommando zusammengeführt, dem neuen Befehlsbereich «United States Army Transformation and Training Command» (T2COM) mit Sitz in Austin /Texas. Das Logo: Vison to Victory. Wenn ich «Victory» lese, dann weiss ich, dahinter steckt Kompromisslosigkeit und Bereitschaft zu rücksichtsloser militärischer Aggression. T2Com verfolgt folgende Konzepte: Transformation, u.a. mit KI, Transhumanismus, etwa durch ein «Upgrading» der Soldaten, Kognitive Kriegsführung durch Manipulation und den totalen Konflikt, sprich den Omniwar.
Für was steht Omniwar?
Der britische Politikwissenschaftler Dr. David A. Hughes prägte diesen Begriff. Im Omniwar ist Unsichtbarkeit die grösste Waffe. Die Öffentlichkeit realisiert weder Feind noch Angriffe, da alltägliche Systeme, wie Nahrung, Technik und Gesundheit, zur Waffe werden. Hughes will mit seinem Omniwar-Modell den verdeckten Weltkrieg einer transnationalen Elite gegen die Menschheit transparent machen und sieht in Covid, 5G und KI eine koordinierte Elite-Offensive zur Technokratie-Etablierung. 2020 wurde laut Hughes die «Pandemie» als Trigger für eine Revolution von oben, für den Great Reset, benutzt. Ziel ist eine Technokratie mit zentraler Planwirtschaft. Im Omniwar-Konzept von David A. Hughes dienen Smart-Technologien und biodigitale Systeme als zentrale Waffen, die den menschlichen Körper, seinen Geist und den Alltag durchdringen, um Kontrolle zu etablieren. In seinem akademischen Buch «Wall Street, the Nazis, and the Crimes of the Deep State» (2024) stellt Hughes das Omniwar-Konzept in einen historischen Rahmen mit Nationalsozialismus und Eugenik.
Zukünftig wird es nach Hughes eine Kommunikationsplattform zur Verbindung des menschlichen Körpers mit 6G-Netzen, Internet of Bio-Nano-Things - IoBNT, Neuralinks und Neurotech geben. Mit diesem biodigitalen Kontrollnetz werden Gedanken, Verhalten und Sterblichkeit gesteuert und die Menschheit versklavt. Transformation ist die zentrale Technik des Omniwar, ausgerichtet auf einen permanenten Ausnahmezustand. Militärische Begriffe dominieren die Sprache dieser «Transformation»: Lagebild, Bedrohungsanalyse, Zieldefinition, Ressourcenzuteilung, Execution, Monitoring. Was im militärischen Kontext auf Feind und Schlachtfeld bezogen war, richtet sich nun auf Infrastrukturen, Verhaltensweisen, Normen, Bewusstsein. Wer sich dem «Transformationsplan» entzieht, ist ein Störfaktor im System.
Demokratie als Tarnkappe des Omniwar stabilisiert die Fiktion, dass «wir» gemeinsam entscheiden.
Und was geschieht mit unserer Demokratie?
Demokratie ist in der Ordnung des «Omniwar» weniger eine Regierungsform als eine Demokratie-Rhetorik, in der wir uns Freiheit versprechen, Beteiligung, Gleichheit an der Urne, öffentliche Debatte. Doch je mehr die Verfahren intakt bleiben – Wahlen, Parlamente, Talkshows, Beteiligungsformate –, desto leichter übersehen wir, dass die wirklichen Hebel der Macht sich schrittweise verlagert haben: in Gremien, Agenturen, Zentralbanken, Standardisierungsorganisationen, Sicherheitsapparate, in technische Infrastrukturen und Algorithmen. Die Instrumente der Verwaltung führen uns Schritt für Schritt aus der politischen in eine technische Existenz. Was formal als Ausdruck des Volkswillens erscheint, ist faktisch häufig die nachträgliche Legitimation von Entscheidungen, die längst in Expertengruppen, Ausschüssen, Governance-Boards, Rating-Agenturen und transnationalen Regimen gefällt wurden.
Demokratie verkommt zu einer Softpower-Technologie, die Zustimmung zu Prozessen erzeugt, die dem Zugriff der Bürger im Grunde weitgehend entzogen sind. Demokratie als Tarnkappe des Omniwar stabilisiert die Fiktion, dass «wir» gemeinsam entscheiden, während sich der Krieg als permanente Optimierung, Überwachung, Risikosteuerung – in die Verwaltungslogik einschreibt. Klassische Hardpower – offene Repression, sichtbare Gewalt – wird nur dort eingesetzt, wo die Softpower namens «Demokratie» versagt. Omniwar zielt im Grunde auf die Transformation des Menschen vom politischen Wesen zum verwalteten, optimierten, berechenbaren Datenträger.
Wo sehen Sie Auswege aus diesem Horrorszenario?
Viele strategische Denker in den USA warnen selbst davor, dass Überdehnung, permanente Kriege und die Erosion der eigenen demokratischen Legitimation die USA langfristig schwächen oder «von innen» zerstören können. Nachhaltige Sicherheit wäre nur mit echter Abrüstung des Interventionsreflexes und Stärkung multilateraler, rechtlich bindender Strukturen möglich. Es gilt eine multipolare Weltordnung zu akzeptieren, die sich ja auch bereits in Anfängen realisiert. Analysen zu transatlantischen Elitenetzwerken, wie Atlantik-Brücke, Thinktanks oder sicherheitspolitischen Zirkeln kritisieren, dass sich ein enger Konsens herausgebildet hat, der US und NATO-Sichtweisen weitgehend übernimmt und abweichende Positionen marginalisiert. Man sollte also die Selbstverständlichkeit, mit der militärisch-transatlantische Lösungen als «alternativlos» dargestellt werden, hinterfragen und konsequent und überall Friedenswege aufzeigen. Technologien wie KI, SMART-Technik und Körpertechnologien, wie z.B. Wearables aller Art, auch das Smartphone -, sollten von uns Konsumenten vor dem Gebrauch sehr kritisch überprüft werden. Haben sie einen tatsächlichen Nutzen oder bergen sie nicht eher mehr Gefahren für uns, unsere Gesellschaft und die Zukunft unserer Kinder?