Seltene Erden, strategische Mineralien und kritische Mineralien sind bekannt für ihr Potenzial, die Energiewende voranzutreiben, und gewinnen weltweit zunehmend an Bedeutung. Auch wenn diese drei Bezeichnungen oft als Synonyme verwendet werden, spielen sie in der Geopolitik und der globalen Wirtschaft unterschiedliche Rollen. Seltene Erden können je nach Kontext als kritische oder strategische Mineralien angesehen werden. Mit anderen Worten: Jede Seltene Erde kann strategisch sein, aber nicht jedes strategische Mineral ist eine Seltene Erde. Die Definition strategischer und kritische Mineralien hängt von jedem einzelnen Land ab und kann sich im Laufe der Zeit in Abhängigkeit von technologischen Fortschritten, geologischen Entdeckungen, geopolitischen Änderungen und Entwicklung der Nachfrage ändern. Zu den aktuell Wichtigsten zählen Lithium, Cobalt, Graphit, Nickel und Niob.
Seltene Erden sind eine spezielle Gruppe von 17 chemischen Elementen des Periodensystems: 15 Lanthanoide (wie Lanthan, Cer, Neodym und Dysprosium) sowie Scandium und Yttrium, so der Geologische Dienst von Brasilien (Serviço Geológico do Brasil, SGB), der für die Bewertung des Potenzials der Bodenschätze zuständigen Bundesbehörde. Ungeachtet ihres Namens kommen sie nicht unbedingt selten in der Natur vor, aber sie sind normalerweise verstreut, was ihre wirtschaftliche Erschliessung erschwert. Sie sind unverzichtbar für Spitzentechnologien wie Windräder, Elektroautos, Batterien, elektronische Geräte und Verteidigungssysteme.
Strategische Mineralien gelten als wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Aufgrund ihrer Verwendung in Hightech-Produkten und –Verfahren, Verteidigung und Energiewandel sind sie von grosser Bedeutung.
Kritische Mineralien sind solche, deren Beschaffung mit verschiedenen Risiken verbunden sein kann: geographische Konzentration der Produktion, externe Abhängigkeit, geopolitische Instabilität, technologische Grenzen, Unterbrechung der Versorgung und Schwierigkeiten beim Finden eines Ersatzes.
Die Situation in Brasilien
Laut SGB besitzt Brasilien mit circa 21 Millionen Tonnen die zweitgrösste Reserve an Seltenen Erden weltweit. Nach Angaben des Geologischen Dienstes der USA (USGS) entspricht das etwa 23 Prozent der globalen Reserven. Der Grossteil der Seltenen Erden Brasiliens befindet sich in Minas Gerais, Goiás, Amazonas, Bahia und Sergipe. Diese Bundesstaaten verfügen über die wichtigsten Arten von Lagerstätten mit wirtschaftlichem Potenzial. Bei den Mineralien, die üblicherweise in den meisten Ländern als kritisch oder strategisch angesehen werden, sticht Brasilien dadurch hervor, dass es mit 16 Millionen Tonnen die weltweit grössten Reserven (94 Prozent) an Niob besitzt. Bei den Reserven an Graphit steht es mit 74 Millionen Tonnen (26 Prozent) weltweit an zweiter Stelle, und beim Nickel verfügt das Land mit 16 Millionen Tonnen (12 Prozent) über die drittgrössten Reserven. Mit Beschluss Nr. 2 vom 18. Juni 2021 veröffentlichte das Ministerium für Bergbau und Energie eine Liste mit den Mineralien, die für die Entwicklung im Land als strategisch angesehen werden. Dort werden sie in drei Gruppen eingeteilt:
- Müssen importiert werden: Schwefel, Phosphaterz, Kalierz und Molybdänerz.
- Werden in Produkten und Prozessen der Spitzentechnologie verwendet: Cobalterz, Kupfererz, Zinnerz, Graphiterz, Erze der Platinmetalle, Lithiumerz, Nioberz, Nickelerz, Siliziumerz, Thalliumerz, Seltenerderz, Titanerz, Wolframerz, Uranerz und Vanadiumerz.
- Mineralien mit komparativem Vorteil und Erzielung eines Handelsbilanzüberschusses: Aluminiumerz, Kupfererz, Eisenerz, Graphiterz, Golderz, Manganerz, Nioberz und Uranerz.
Globaler Wettbewerb
Diese Ressourcen sind im globalen geopolitischen Wettbewerb von zentraler Bedeutung. Heute ist China in der Raffination und Produktion von Seltenen Erden mit grossem Abstand führend, was bei anderen Mächten wie den USA und der Europäischen Gemeinschaft, die eine Diversifizierung der Lieferanten anstreben, Besorgnis hervorruft. Das Bergbauunternehmen Serra Verde, das erst kürzlich an die USA verkauft wurde, ist derzeit das einzige, das ausserhalb von Asien in grossem Massstab die vier wichtigsten magnetischen Seltenerdmetalle produziert. Die Produktionskette dieser Mineralien beinhaltet komplexe Stufen wie Aufbereitung und Raffination, die in Brasilien bisher kaum entwickelt sind. Nach Meinung der Fachleute liegt die Herausforderung für Brasilien also nicht allein im Abbau. Ohne die Möglichkeiten der Verarbeitung werde Brasilien weiterhin die Produkte mit höherer Wertschöpfung importieren müssen, so Luiz Jardim Wanderley, Geographie-Professor an der Universidade Federal Fluminense (UFF) und Spezialist für die Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Bergbau.
«Brasilien behält das gleiche Abhängigkeitsmuster, das schon im Laufe seiner Geschichte galt. So war es mit dem Gold der Kolonialzeit, dann mit dem Eisen und später mit dem Erdöl. Es dient der Welt als ein Land, das Rohstoffe exportiert. Wir exportieren viele Mineralien und verbrauchen nur sehr wenige auf dem inländischen Markt.»
Das Für und Wider abwägen
Abgesehen von der wirtschaftlichen Dimension gibt es auch ökologische und soziale Fragen. Der Abbau dieser Bodenschätze hat dort, wo er erfolgt, erhebliche Folgen. «Es gibt keinen nachhaltigen Bergbau. Jeder Bergbau hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Umwelt, wie zum Beispiel die Beeinträchtigung der Wasserressourcen. Darüber hinaus übt er wirtschaftlichen Druck auf die Gemeinden auf, in denen er stattfindet: Anstieg der Armut, Ungleichheit und städtische Gewalt. Was wir heute haben, ist ein Bergbau-Modell, das alles andere als nachhaltig ist», meint der Geograph. «Es ist möglich, ein etwas weniger schädliches Modell zu verwenden. Aber selbst dann müssen weiterhin grosse Löcher gegraben werden, um diese Erze aus dem Boden zu holen. Es müssen weiterhin Berge abgetragen und Wasserläufe beeinträchtigt werden. Wir müssen sehr gründlich darüber nachdenken, ob es sich wirklich lohnt, denn wir haben schon viele natürliche Ressourcen verloren, und die sozioökologischen Auswirkungen sind erheblich», ergänzt er.
Übersetzung: Christa Röpstorff