Spiel dein Leben – Lebe deinen Sinn
Wer Räume schafft, in denen Spiel und Lernen und Arbeit wieder eins werden dürfen, verändert nicht nur einzelne Leben – sondern Kulturen. Ein Gespräch mit Spiel-Pionier Nando Stöcklin.
...
Spiel heisst: Wir packen eine Aktivität einfach aus Freude an. Bild: Shutterstock

Ueli Keller: Wann und wie begannst du, das Spiel in dein Leben zu bringen?

...Nando Stöcklin: 2017 schrieb ich an den letzten Seiten meiner Dissertation zum spielenden Lernen, als mir ein Gedanke durch den Kopf schoss: Spielen ist so wichtig für eine gesunde Entwicklung und versüsst das Leben mit Freude, Begeisterung und Selbstwirksamkeitsgefühl – liesse sich das ganze Leben nicht an den Prinzipien des Spiels ausrichten, um diese Vorzüge dauerhaft zu geniessen?

Ich beschloss, diese Frage im Selbstexperiment anzugehen, reduzierte mein Stellenpensum an der Pädagogischen Hochschule und schuf mir Zeit zum Spielen. Gemeinsam mit meiner Frau Anna – Lehrerin und Naturpädagogin – gründeten wir «Spiel dein Leben» und gaben ihm ein digitales Zuhause. Dazu gehörte ein Online-Kongress zum spielerischen Leben mit 20 Interviews, die wir im März 2018 während zehn Tagen Interessierten kostenlos anboten. Dann folgte Spiel auf Spiel, ganz ohne Plan. Eigentlich war das spielerische Leben sehr einfach – trotzdem brachte es uns im Laufe der Jahre an unsere Grenzen.

Ueli: Eine deiner Kernaussagen lautet «Spielen bedeutet, Ängste zu überwinden».

Nando: Ja, und das lässt sich mit Blick auf die Selbstbestimmungstheorie der beiden Psychologie-Professoren Richard M. Ryan und Edward L. Deci erklären, die ich zum besseren Verständnis etwas vereinfache.

...

Alles, was wir tun, tun wir aus mindestens einem von vier möglichen Gründen:

  1. Wir wollen belohnt werden (oder eine Bestrafung verhindern). Ein Kind lernt für eine Prüfung, um mit einer guten Note belohnt zu werden, ein Erwachsener arbeitet, um Ende Monat den Lohn zu beziehen.
  2. Wir wollen im Status steigen. Ein Kind lernt für eine Prüfung, weil es Klassenbeste sein möchte. Eine Erwachsene strebt die nächste Karrieresprosse an, um bedeutungsvoller zu sein.
  3. Wir erachten eine Handlung als sinnvoll. Ein Kind lernt für eine Prüfung, weil ihm seine Eltern sagen, das sei wichtig für die berufliche Perspektive. Ein Erwachsener entscheidet sich gegen eine Flugreise, weil ihm das aus Gründen der Nachhaltigkeit sinnvoll erscheint.
  4. Wir packen eine Aktivität einfach aus Freude an. Ein Kind lernt für eine Prüfung, weil es vom Thema fasziniert ist. Ein Erwachsener arbeitet aus Leidenschaft. Das ist das Spiel.

Hinter den ersten drei Gründen steckt immer die Angst: die Angst, unter der Brücke zu landen (Belohnung bzw. Bestrafung), bedeutungslos zu sein oder nicht geliebt zu werden (Status), oder dass etwas Negatives passieren könnte (Sinn).

Wer das Leben zum Spiel macht, folglich nur noch Dinge aus Freude anpackt, verspürt die Ängste trotzdem – sie müssen überwunden werden. Spätestens wenn das Herz spielen will, aber der Kontostand leer ist, melden sich die Ängste mit lautem Gebrüll.

Ueli: Wohin führten dich deine dir selbstauferlegten Spielregeln, nur noch Aktivitäten aus Freude anzupacken?

Nando: 2020 schmiss ich den Job an der Hochschule ganz – und das, obwohl der Kontostand leer war. Ich taumelte, verzweifelte, weinte – und heilte schliesslich. Und ich begann, das Leben verstärkt durch die Spiel-Brille zu betrachten, durch die es ganz anders aussieht.

Spielen bedeutet, Herausforderungen aus einem inneren Drang anzupacken. Es bedeutet, aus Liebe an einer Tätigkeit anstatt aus Angst zu handeln. Spielen bedeutet aber noch viel mehr.

Ueli: Du gehst davon aus, dass Spielen zugleich Lernen ist – egal ob bei Kindern oder Erwachsenen.

Nando: Jedes Kind lernt in ganz eigenem Tempo, sich zum ersten Mal zu drehen, die ersten Worte zu plappern, die ersten Schritte zu tapsen. Und es entfaltet ganz eigene Interessen, schaut jedem Auto nach, hat nur Augen für Tiere oder packt jeden Farbstift und kritzelt damit fröhlich herum.

Sein innerer Entwicklungsplan hört mit dem Schuleintritt nicht auf zu existieren. Nur gerät er dann nicht selten in Konflikt mit dem äusseren Lehrplan, bei dem Erwachsene definiert haben, was ein Kind wann lernen soll – dabei wird der innere Plan vielfach in den Hintergrund verbannt.

Der äussere Lehrplan liegt schriftlich vor: Lehrpersonen können ihn lesen und sich daran orientieren. Den inneren Entwicklungsplan kann nur das Kind selbst lesen. Und zwar ganz einfach: Es spielt!

Wer spielt, lebt das, was aktuell entfaltet werden will, und entfaltet sich so optimal. Wer aufhört zu spielen, entwickelt sich unterhalb der Möglichkeiten. Das Spiel ist das natürliche Werkzeug, um zu entfalten, was gerade jetzt entfaltet werden will. Kurz: Das Spiel ist der Weg zur persönlichen Entfaltung.

Ueli: Wie ist das für Erwachsene?

Nando: Ich liess mich zum systemischen Coach ausbilden, entwickelte zusätzlich auf Basis des Spiels meine eigenen Methoden und begann, Erwachsene zu begleiten, die auf der Suche nach ihrer Berufung und ihrem Sinn waren – Menschen, die aufgehört hatten zu spielen und stattdessen die Leistungserwartungen von anderen erfüllen. Und nun waren sie vielleicht vierzig oder fünfzig Jahre alt und fragten sich, ob sie diese Tätigkeit wirklich bis zu ihrer Pensionierung ausüben wollten.

Ich hatte selbst erfahren, wie schwierig es ist, sich in diesem Alter mit allen Verpflichtungen auf den spielerischen Weg zu machen. Daher arbeite ich heute direkt mit Jugendlichen – das erspart ihnen einen Umweg von vielleicht zwanzig oder dreissig Jahren.

Gemäss meiner Erfahrung packen sehr viele Jugendliche eine Berufslehre nicht aus Überzeugung an, sondern weil sie sich gedrängt fühlen. Diese Jugendlichen lasse ich ihre vier bis sieben Antriebskräfte herauskristallisieren, die Bauteile ihrer Passionen. Auf Basis dieser Elemente spielen wir das Einzigartigkeitsspiel und entwickeln damit Ideen für Tätigkeiten, die zu ihrer Persönlichkeit passen.

Ueli: Du nennst es Quests, was geschieht dabei?

Nando: Wer auf eine Quest geht, wer also spielt, lebt sich selbst – und lebt so seine Natur. Ich packe Quests an, die mich in dem Moment anspringen. Es interessierte mich beim Aufbau eines Unternehmens nicht, welche Marktlücken es gibt, ich legte mir keinen Businessplan zurecht. Stattdessen folgte ich einfach meinem inneren Kompass. So entstand eine Angebotspalette, die ein wunderbares Gesamtbild ergibt.

Angebote:

Ausbildung zum «Spiel-dein-Leben-Coach» https://spieldeinleben.ch

«Lernbegleitungs-Ausbildung für spielbasierte Entfaltung»https://spieldeinleben.ch/lernbegleitungsausbildung-fuer-spielbasierte-entfaltung/

Der «Magic Campus» entwickelt sich zu einem gemeinsamen Gefäss für Kinder, Jugendliche und Erwachsene: https://spieldeinleben.ch/magic-campus/

Bücher:

«Spiel dein Leben – über die Leichtigkeit des Lebens» https://spieldeinleben.ch/buch-spiel-dein-leben/

«Die Taverne zur angebrannten Pfanne» https://spieldeinleben.ch/buch-taverne-zur-angebrannten-pfanne/

Ueli Keller

Ueli Keller

Ueli Keller ist ausgebildet als Lehrer und als Heilpädagoge, als Supervisor- und Organisationsentwickler sowie als Bildungswissenschaftler. Er war 45 Jahre in mehreren Berufsfeldern lohnerwerbstätig. Seit 2012 pensioniert, ist er als frei schaffender Bildungs- und Lebensraumkünstler mit Herz, Kopf, Hand und Fuss in diversen Tätigkeitsfeldern unterwegs. Unter anderem europaweit als Koordinator des Netzwerks «Bildung & Raum» sowie als Botschafter für Neue Politik (www.einestimme.ch).

Newsletter bestellen