Wenn du mit den Tieren sprichst, sprechen sie mit dir, und ihr werdet einander kennenlernen. Wenn du nicht mit ihnen sprichst, wirst du sie nicht kennenlernen, und was du nicht kennst, wirst du fürchten. Was man fürchtet, das zerstört man. – Chief Dan George (zugeschrieben)
Die Sprache zwischen Mensch und Tier ist die älteste Sprache auf diesem Planeten. Unsere Vorfahren kannten sie. Der heutige Mensch aber lebt alleine, getrennt und in Angst vor allem «da draussen». Es führt dazu, dass wir es kaum noch merken, was wir unseren Mitgeschöpfen antun in der Massentierhaltung, in Laboratorien, in Pelztierfarmen. Die Arbeit mit den Tieren hier in Tamera ist ein Beitrag, diese Trennung aufzuheben und zu ersetzen durch eine gelebte Wieder-Eingliederung des menschlichen Lebens in die grosse Gemeinschaft der Schöpfung.
Wir möchten Euch ein paar Perlen unserer Erfahrungen vorstellen, in der Arbeit mit unseren Hausschweinen, im Leben im Hundesanktuarium und von dem Abschied berichten, den wir von unserem Zusammenleben mit Hühnern genommen haben.
Unsere Hausschweine
Tamera hat vor knapp 15 Jahren zwei männliche Hausschweine (Rasse «Porco Preto») aufgenommen mit dem Ziel, sie als «Mitarbeiter» in der Ökologie «auszubilden», eine Forschung, die damals inspiriert war von Sepp Holzer und seiner Erfahrung in der Permakultur. Eines dieser Schweine, Waldemar, ist vor kurzem in hohem Alter verstorben. Darüber berichtet Lisa Christel, Freundin, Kooperationspartnerin und Mitarbeiterin von ANICOM (https://www.anicom.uliege.be/cms/c_12677327/en/anicom-the-anicom-project):
Der Übergang von Waldemar in eine andere Dimension - was können uns Schweine zum Umgang mit Sterben und Trauer lehren?
An einem unserer ersten Treffen mag mir Heike die beiden Schweine Waldemar und Franz vorstellen. 15 Jahre sind die beiden Schweine alt und leben fast genauso lang schon in Tamera. Wir laufen zum Gehege und ich bin erstaunt über den Anblick der älteren Herren. Tatsächlich habe ich so alte Schweine noch nie gesehen. Wie auch: Die meisten Eber werden mit unter einem Jahr geschlachtet.
Beim nächsten Mal, als ich die beiden besuche, liegt Waldemar in einer Schlammpfütze. Als es Futter gibt, versucht er aufzustehen. Seine Beine scheinen wie gelähmt, er klappt immer wieder zusammen. Er fällt schwach und torkelnd in die Schlammpfütze. Er sieht aus, als würde es ihm überhaupt nicht gut gehen. Mich überkommt das Gefühl, dass dies der Beginn seines Übergangs in eine andere Dimension ist.
Dann geht es Heike immer schlechter. Starke Kopfschmerzen plagen sie und ihr ist schwindelig. Sie kann nicht aus dem Haus. Für die nächsten zwei Wochen kümmere ich mich daher um die beiden Schweine. Der Herbstregen ist stark und der Himmel grau. Die Pfützen werden grösser und es ist kalt. Die meiste Zeit bin ich nun allein, tausche das Heu aus, versuche, das Wasser abfliessen zu lassen. Waldemar geht es von Tag zu Tag schlechter. «Das Wichtigste ist nun, ihn so gut wie wir können, zu unterstützen und einfach da zu sein», sagt Heike.
An einem Nachmittag besuche ich die beiden mit der Gitarre. Es tut gut, für sie zu singen. Zu Beginn ist die Stimmung unruhig. Franz scharrt um Waldemar herum, tritt ihn ab und zu, was den anderen laut quieken lässt. Ich singe, es tröpfelt leicht. Franz kommt zur Ruhe und legt sich neben seinen Genossen. Auch ich bin müde und lege mich auf einen Strohballen. Es ist ein berührender Moment, als ich begreife, dass wir beide Waldemar auf unsere Art und Weise unterstützen.
Beim nächsten Besuch lese ich das Kapitel «Die heilige Allianz» aus dem Buch «Der immanente Gott» von Dieter Duhm vor und verbringe Zeit in deren Nähe. Waldemar liegt in seinem Heubett. Er atmet schwer. Über Tage hinweg hat sich sein Zustand verschlechtert. Er liegt immer noch auf der genau derselben Stelle in einer Pfütze, die immer grösser wird. Es ist kühl und nieselt wieder. Ich tausche das schnoddrige, nasse Heu aus. Das Trockene wird ihm gut tun. Franz ist die ganze Zeit in der Nähe. Als ich das Gehege verlassen habe, macht er mit dem Heu weiter. Mit der Schnauze hebt er es über Waldemar. Ich bleibe dort und beobachte, wie er sich die Zeit dafür nimmt. Er bedeckt Waldemar komplett, sodass man ihn nicht mehr sehen kann. Dann legt er sich wieder neben ihn und atmet stark in das Heu hinein. Es wird Waldemar wärmen.
Heike versucht die ganze Zeit, einen Tierarzt einzuberufen. Doch es soll einfach nicht klappen. Sie versucht auch, intuitiv mit Waldemar Kontakt aufzunehmen und ihn zu fragen, was er jetzt braucht und wie es ihm geht. Es ist nicht leicht für sie, da sie eine starke Beziehung zu ihm aufgebaut hat. Und vor allem, weil es ihr selbst derzeit nicht so gut geht. Sie kommt nicht zu ihm durch. Doch in der Nacht, bevor Waldemar stirbt, spürt sie von ihm, dass jeder Ausgang gut für ihn ist. Er braucht nicht unbedingt einen Tierarzt. Waldemar würde gerne weiterleben, wenn es möglich ist, doch er ist auch bereit zu gehen, wenn die Krankheit zu stark ist. Barbara Kovats unterstützt im Prozess und teilt uns mit, dass sie seine grosse Hingabe an die Situation fühlt und dass es ihm seelisch gut geht. Waldemar wäre bereit für einen Wechsel der Dimensionen. Was er nun braucht, ist liebende Präsenz. Ich bin berührt von dem Respekt, mit dem Heike und Bori sich dem Prozess widmen.
Es ist der Morgen nach einem hellen Vollmond. Ich gehe früh zum Gehege. Es fällt erst nicht leicht zu erkennen, ob Waldemar noch lebt. Er liegt friedlich in seinem Heubett, und nun atmet er nicht mehr. Über die Nacht hinweg hat er den Übergang geschafft.
Franz läuft um ihn herum, bleibt nah. Er fängt an, weiter Heu über den Körper seines Freundes mit der Schnauze zu verteilen. Heike überlegt, ob es nicht besser ist, Waldemar direkt aus dem Gehege zu bringen. Dorthin, wo die grossen Tiere beerdigt werden. Ist es vielleicht nicht gut, wenn ein krankes, totes Tier neben seinem Artgenossen liegt? Wir wissen es nicht. Es fühlt sich an wie ein Raum dazwischen. Und Überstürzen hat hierin keinen Platz. Dann beobachten wir, wie sich Franz erneut eng neben Waldemar legt. Er ist geschafft und müde vom Scharren und sicher auch den vergangenen Tagen. Dann geschieht etwas für uns zunächst Unglaubliches: Frank wirft sich mit seinem Körper über Waldemar und liegt nun auf ihm. Uns fehlen die Worte. Der Anblick ist ganz berührend. Nun ist klar: Es wäre falsch, den Körper von Waldemar direkt zum Tierplatz zu bringen. Diese Zeit «dazwischen», Zeit für Abschied, zum Verstehen, ist wichtig für Franz. Die Risiken von eventueller Ansteckung verblassen im Hintergrund. Was wir hier miterleben dürfen, ist gelebte Trauer zwischen zwei Lebewesen. Die, wenn wir dem Raum geben und uns auf die Möglichkeit einlassen, dem Menschen in so vielerlei Hinsicht so ähnlich ist. Es fühlt sich richtig an, Franz die Zeit zu geben, die er braucht. Noch am selben Tag kommt eine junge engagierte Tierärztin, die sich mit viel Ruhe, Zeit für die Betrachtung des toten Waldemars und die Pflege des lebenden Franz nimmt.
Wir treffen uns am Nachmittag zu einem Übergangsritual am Gehege. Heike hat einen Kristall dabei und eine Räucherschale, ich eine Gitarre. Es braucht nicht viele Worte. Ich bin sehr berührt, als ich beginne, ein Lied für Waldemar zu spielen. Wir sind da, so wie wir es können. Für Heike ist es besonders schwer, hat sie die beiden gut 15 Jahre begleitet.
Einen Tag später geht es Franz nicht gut. Seine Hinterbeine wirken wie gelähmt. So ähnlich sah es bei Waldemar auch aus. Wir rätseln, ob er eventuell die gleiche Krankheit hat wie Waldemar. Doch schon einen Tag später geht es ihm besser, und mit der Zeit wird er aktiver und fitter, so als würde etwas Lebensfreude zurückkommen, nach all den Ereignissen der letzten Wochen. Mit grosser Neugier kommt er angerannt, wenn ich ihm seinen Eimer bringe. Er grunzt fidel und schaut mich mit seinem klaren Blick an.
Mich hat die Zeit sehr viel gelehrt, zu den Themen Tod und Sterben, über Verwandlung und das Leben. Und vor allem, was es bedeutet, sich als Teil der heiligen Allianz zu fühlen und dies auch zu leben. Wir alle tragen dieses Bild der heiligen Allianz wie eine Erinnerung in uns. Wenn wir respektvoll mit anderen Lebewesen zusammenleben und sie unterstützen wollen, braucht es Feingefühl für das, was sie gerade brauchen. Unsere Ideen, was wohl das Beste wäre, dürfen wir dann in den Hintergrund stellen und in ihre ganz eigene Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit vertrauen.
In Tamera wird Gemeinschaft auf alle Mitglieder erweitert. Füreinander da zu sein, ist essentiell. Nicht nur für die Menschen, sondern für alle Lebewesen, die hier leben. Waldemar bei seinem Übergang zu unterstützen, so gut wir wir konnten, für ihn da zu sein, ist die gelebte Praxis eines gemeinschaftlichen Lebens in einem Heilungsbiotop.
Entgegen aller Befürchtungen von aussen lebt Franz nun gut als einzelnes Schwein weiter. Heike und ich sind uns einig, dass dies auch damit zu tun hat, dass wir ihm so viel Raum und Zeit gelassen haben für die Verabschiedung.
Danke für diese Erfahrung und tiefen Einblick!
Terra Canis - das Hundesanktuarium
Das Hundesanktuarium Terra Canis in Tamera blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück, in dem 20 Hunde ein liebevolles neues Zuhause fanden, 13 Neuzugänge begrüsst wurden und das Team seine Arbeit erweitert hat und jetzt viele Hunde und Tiere gemeinsam begleitet. Durch den Kontakt mit den Hunden werden auch Kinder unterstützt, die mit Ängsten und Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen haben.
Mit Freude beobachten wir, wie sich hier eine Art «Schule des Lebens» entwickelt. Zahlreiche Studien und Erfahrungen belegen, dass Kinder, die mit Tieren aufwachsen, mehr Empathie, emotionale Intelligenz und soziale Kompetenzen entwickeln. Der tägliche Umgang mit Tieren lehrt sie, nonverbale Signale zu deuten, mitfühlend zu reagieren und Verantwortung für andere Lebewesen zu übernehmen. Neben der Fürsorge hilft die emotionale Bindung den Kindern, Stress zu bewältigen, ihre Emotionen zu regulieren und Resilienz aufzubauen. Dies führt oft zu einem höheren Selbstwertgefühl und besseren Beziehungen zu Gleichaltrigen und Familie.
Es ist uns eine Ehre, Teil dieser Arbeit zu sein – und der nächsten Generation zu helfen – und natürlich auch den Hunden in Not beizustehen. Für weitere Informationen und unseren Newsletter schreiben Sie uns bitte an [email protected].
Wir haben eine facebook Seite: ‘Terra Canis’ Dog Sanctuary Tamera.

Gewaltfrei Hühner halten
In diesem Jahr haben wir beschlossen, unser 13-jähriges Forschungsprojekt zum Kontakt zwischen Menschen, Hühnern und Wildtieren abzuschliessen. Das Projekt bearbeitete verschiedene Forschungsfragen wie z.B: Können wir mit den Wildtieren zusammenarbeiten? Helfen sie uns dabei, die Anzahl der Hühner, hauptsächlich der Hähne, so zu reduzieren, dass wir nicht gezwungen sind, Tiere zu schlachten und dadurch die Hühnergruppe in Balance zu halten? Sind damit die Hühner auch ein Beitrag zur Stärkung der absolut bedrängten Wildtierwelt? Können wir die Gelege der Hennen so informieren, dass das Verhältnis von Hähnen und Hennen, die daraus schlüpfen, einer gesunden Hühnergruppe entspricht? Diese Fragen konnten wir letztlich mit einem erstaunten Ja beantworten: Das meiste davon hat letztlich – nach vielen Versuchen und nicht ohne Fehlschläge – funktioniert.
Wir sind auch der Frage nachgegangen, ob Hühner, die in Vertrauen leben, freiwillig ihre Eier und auch ihren Körper an Menschen geben würden als Kraftnahrung, und suchten Antworten durch einen tiefen Kontakt mit dem kollektiven Bewusstsein der Hühner und der umgebenden Tierwelt.
Das Verfolgen dieser Fragen hat im Team und in der bewusst vegetarisch lebenden Gemeinschaft zu tiefen Auseinandersetzungen geführt - spannende Gespräche über Tod und Gewalt, über Macht über andere Lebewesen, wo ist die feine Linie zwischen Dominanz und Kooperation? In einer kleinen Gruppe sind wir diesen Fragen, so tief wir konnten, nachgegangen und haben in diesem Rahmen auch gehaltene, positive Erfahrungen gemacht zum Thema Tötung von Hähnen.
Im Sommer letzten Jahres 2025 haben wir das Projekt abgeschlossen. Die Hühner wurden an eine andere Gemeinschaft verschenkt.
Mit dieser reichen Ernte möchten wir Sie herzlich zu zwei Kursen zum Thema Begegnung mit Tieren und allen Lebewesen einladen. Diese finden im April in Tamera statt, und es wird auch einen Online-Kurs angeboten, den Sie flexibel von überall aus absolvieren können. Weitere Informationen finden Sie unten.
ONLINE: Zusammenarbeit mit allen Wesen: Kontakt mit Natur, Tieren und der spirituellen Welt
Dieses Online-Programm erforscht, wie wir uns wieder mit Natur, Tieren, Wasser und den unsichtbaren Dimensionen des Lebens verbinden und bewusst mit allen Wesen in Kontakt treten können. In fünf Modulen mit Texten, Interviews, Meditationen und praktischen Übungen werden Friedenserkenntnis, Mitgefühl, Sexualität und der Wandel von Angst zu Vertrauen als Grundlage für kulturellen Wandel behandelt. Inspiriert von Tameras Forschung richtet sich der Kurs an spirituelle Pioniere und Wegbereiter des Wandels. Er wird auf Englisch und Deutsch angeboten.
Deutsch: https://terra-nova.earth/kontakt-mensch-tier-natur/
In Tamera: Kooperation mit Tieren, 10.-21. April
In diesem Kurs erforschen wir vertrauensvolle Kommunikation und respektvolle Partnerschaft mit Tieren, sowohl Haus- als auch Wildtieren. Unter der Leitung erfahrener PraktikerInnen aus unserer Interspezies-Forschung verbindet das Seminar direkte Begegnungen, praktische Übungen, Forum für die menschliche Innenseite und Reflektionen darüber, warum Gewaltlosigkeit gegenüber Tieren für eine Kultur des Friedens unerlässlich ist. Der Kurs richtet sich an TierliebhaberInnen, TierschützerInnen und alle, die ihre Verbindung zur nicht-menschlichen Welt vertiefen möchten.
Kurssprache ist Englisch. Mehr Informationen: https://www.tamera.org/learn/cooperation-with-animals/
