Donald Trump, Mark Rutte und der ehemalige TV-Comedian Selenskyi, der den Bezug zu sich als komische Figur verloren zum haben scheint.
Ist das Realsatire? Als Zuschauer finde ich ihre Akte komisch. Für die von den Folgen ihres Tuns direkt Betroffenen ist es jedoch überwiegend tragisch.
Ist das, was wir da sehen, objektiv tragisch oder objektiv komisch? Oder liegt der Unterschied auch hier im Auge des Betrachters? Also in der Art, wie wir hinschauen, im Subjekt. Was uns die Möglichkeit gäbe, auch über das Allerschlimmste lachen zu können.

«Das Leben ist schön»
Kürzlich habe ich zum dritten Mal den Film Das Leben ist schön (La vita e bella) von Roberto Benigni von 1997 gesehen. Benigni spielt darin die Hauptrolle und führte auch Regie. Der Film hat mich schon beim ersten und zweiten Mal begeistert und zu Tränen gerührt. Trotz der Grausamkeit des gezeigten Konzentrationslagers waren es eher Tränen der Freude und Bewunderung über die geniale Art, wie Benigni dort aus den allerschrecklichsten Umständen eine Kulisse für eine Liebesgeschichte machte.
Er führte dieses Drama mit einer Schauspielerin auf, die im realen Leben seine Frau ist, und übertreibt den Kitsch der Story so weit ins Märchenhafte, dass man als Zuschauer nicht umhinkann, zu lachen oder vor Freude zu weinen. Im Lauf des Films wird das Lachen schwerer, die Tränen werden zu Tränen des Entsetzens, während man fiebernd mitfühlt, die Katharsis durchsteht und am Ende geläutert in sein eigenes Leben zurückkehrt.
Neugierig ob der Entstehungsgeschichte dieses Films erfuhr ich, dass Jerry Lewis mit Der Tag, an dem der Clown weinte sich schon 35 Jahre vorher mit dem Thema befasst hatte, aber damit gescheitert war.
Humor unter verschärften Bedingungen
Erich Kästner schrieb 1948, Humor sei ein «Regenschirm der Weisen». Kann ein solcher Schirm vor jedem Regen und Sturm schützen? Oder gibt es etwas – sagen wir: ein KZ – das so schlimm ist, dass selbst dem grössten Clown dabei das Lachen vergeht? Wobei ja der Anspruch des Clowns ist, sein Publikum zum Lachen zu bringen; lachen muss er nicht selbst.
Als Charlie Chaplin mit Der grosse Diktator 1940 diese Hitler-Satire in die Kinos brachte, waren die deutschen KZs noch nicht zu den Vernichtungslagern geworden, wie sie es ab 1941 unter Heinrich Himmler wurden. In seiner Autobiografie schrieb Chaplin später: «Hätte ich von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, hätte ich den Film nicht zustande bringen können.»
Lächeln gegenüber dem Unerträglichen
Der Komiker Jerry Lewis war 15 oder 16 Jahre alt, als das Ausmass der KZ im Westen bekannt wurde. Mit Mitte 30 versuchte er, es mit The Day the Clown Cried filmisch umzusetzen. Roberto Benigni wurde 1952 geboren, er war also Mitte 40, als er den Film Das Leben ist schön realisierte. Vielleicht braucht es eine Zeit, bis etwas wie der Holocaust auf eine Weise verarbeitetwerden kann, dass einem dabei nicht das Lachen im Hals stecken bleibt. Oder wird das nie gelingen?
Ich hoffe, dass Mord, Völkermord und die Vernichtung von Minderheiten nie ethisch akzeptiert werden. Umso mehr gilt das für die industrielle Massenvernichtung in den KZs. Andererseits meine ich, dass Humor und Lachen nicht etwas sein sollte, was genehmigt werden muss. Sondern dass Humor eine Art ist, auf die vorhandene Wirklichkeit zu schauen, ohne sich zum Opfer zu machen, weil alles so schlimm ist, und dann in Selbstmitleid zu versinken. Mein Verständnis von Humor ist nondual: Es teilt nicht ein in das, worüber gelacht werden darf und das, was «gar nicht komisch» ist.

Leela, die Freiheit des Spielers
Roberto Benigni hat es mit seinem Film geschafft, der Freiheit des Spielers ein Denkmal zu setzen. «Spiel» im Sinn des Sanskrit-Wortes Leela für das Spiel der Götter, die als Avatar jede menschliche Gestalt annehmen können, böse ebenso wie gute Gestalten, alle. Oder wie Shakespeare es sagte: «Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frauen und Männer blosse Spieler. Sie treten auf und treten wieder ab.»
Wie die Avatare in der heutigen digitalen Welt oder der Narr im Kartenspiel, der dort ja die Trumpfkarte ist. Der Narr kann als flexible Persönlichkeit jede Position einnehmen und sich dort wie ein Chamäleon der Umgebung anpassen. So wie der ideale Schauspieler jede Rolle annehmen und glaubwürdig ausfüllen kann. Das ist die Freiheit des Spielers! «Nichts Menschliches ist mir fremd», sagte der römische Komödiendichter Terenz zu dieser Freiheit.
Der Mensch als tragikomische Figur
Im 18. Jahrhundert war Sklaverei noch üblich, im 19. Jahrhundert die Überzeugung, dass Frauen minderwertig seien. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war Rassismus noch die Überzeugung der Mehrheit. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewann die Überzeugung an Rückhalt, dass Humor nicht die Fähigkeit ist, über das Ausgegrenzte zu lachen.
Es breitete sich ein Humorverständnis aus, bei dem es auf die Art ankommt, wie wir auf die Welt schauen. Dabei erkennen wir den Menschen als tragikomisches Wesen, das die Fähigkeit hat, sich selbst komisch zu finden und das Geschehen in der Welt ebenso als Komödie wie als Tragödie zubetrachten.
Dieses Verständnis von Humor ist ein historischer Schritt über eine Schwelle auf dem Weg zu einem realistischeren Verständnis von uns selbst als Menschen. Nicht nur Benigni hat diesen Schritt vollzogen und vor ihm Jerry Lewis ihn versucht. Die Crazy Wisdom Meister Asiens früherer Jahrhunderte hatten das auch verstanden. Aufgefrischt wurde es von Osho in den Jahren 1960 bis 1990.
Anfang des 21. Jahrhunderts hat die Weltkultur mit ihren Avataren auf den Bildschirmen diesen Schritt immerhin technisch vollzogen, im Bewusstsein aber nur ansatzweise. Mit Das Leben ist schön, seinem Opus magnum, hat Begnini ihn auf so überzeugende Weise vollzogen, dass damit der Weg nun frei ist für andere, Komik und Tragik als ein Ganzes zu sehen und im Subjekt die Instanz zu erkennen, die diese Integration vollziehen kann.
Horrorclowns
Donald Trump und Wolodymyr Selenskyi kann man in ihrer zerstörerischen Gewalt, derer sich ihrer selbst möglicherweise nicht bewusst sind, bedauern. Vor allem was die Folgen ihres Handelns anbelangt, sind sie tragische Figuren. Auf der Bühne der Politik aber zeigen sie sich dem kundigen Zuschauer eher als komische Figuren. Tragisch sind nur die Folgen.
Gemäss Paul Watzlawicks Motto, in allem Schlechten sei etwas Gutes verborgen, dürfen wir sie als Vorboten des Verständnisses werten, dass wir Menschen immer zugleich komische wie tragische Figuren sind. Indem wir über die Horrorclowns lachen, durchbrechen wir den Bann ihrer angemassten Autorität und können so eher die Tragik der Folgen ihres Handelns verhindern helfen.
Gnothi seauton, Mensch, erkenne dich!
Mark Rutte ist eine andere Art von Clown. Er ist ein Angepasster, vielleicht sowas wie die Softie-Version eines um Korrektheit bemühten Adolf Eichmann, der Hannah Arendt zur Aussage über «die Banalität des Bösen»verleitete. Am 1. Oktober soll Rutte in Münster als Vorstand der NATO den Westfälischen Friedenspreis erhalten, mit besonderer Würdigung seine Person. Das wird für ihn eine Bestätigung und Genugtuung sein.
Für realpolitisch kundige Zuschauer ist diese Verleihung eher eine Tragödie. Wohl dem, der dabei lachen kann. Oder auch weinen muss darüber, dassArschkriecher nicht erkennen, wie komisch ihr Auftritt für Menschen ist, die in ihnen die stille Verzweiflung der Angepassten erkennen. Ein Angepassterverfehlt sein Leben, weil er sich selbst nicht erkennen konnte.
«Gnothi seauton, Mensch, erkenne dich» – diese Aufforderung am Eingang des antiken Apollo-Tempels zu Delphi ist auch heute noch gültig und wesentlich. Sie ist mindestens 2 500 Jahre alt, wurde viel zitiert und auch heute noch zu wenig beachtet. Sie zu achten, wäre ein Weg zum Frieden.