Was macht ein Journalist und Autor, wenn er älter wird? Über das Älterwerden schreiben. So zumindest Wolfgang Herles (Jg 1950), ein deutschlandweit bekannter Journalist, der vor allem für das ZDF tätig war. Vierzig Jahre lang moderierte er Magazine und Talkshows. Als Redaktionsleiter verantwortete er beispielsweise das bekannte Kulturmagazin «aspekte», aber er schrieb auch Romane und politische Sachbücher.
Mit dem Roman «Poseidons Zorn», der kürzlich erschienen ist, legt er seinen achten Roman vor. Es handelt sich dabei um eine Reiseerzählung. Sechs Personen «im sterbefähigen Alter», vier Männer und zwei Frauen, segeln durch die Ägäis, von Piräus bis Kreta und zurück. Unterwegs wird an Inseln mit malerischen Buchten angelegt, in rustikale Tavernen eingekehrt, werden griechische Spezialitäten genossen. Gruppendynamische Prozesse entspinnen sich. Erinnerungen steigen auf. Man spricht über Leben und Tod. Die griechische Mythologie mit ihren unsterblichen Göttern bietet dazu Anregungen. Treibende Kraft hinter dem Segeltörn ist Alma, Unternehmerin, Ehefrau, Mutter und Grossmutter. Sie hat die vier Männer, ihre Ex-Lover, zu dieser Reise eingeladen und alles organisiert. Sie ist der Käpt´n.
Im Gespräch mit dem zeitpunkt sprach Wolfgang Herles über seinen aktuellen Roman und seine Gedanken über das Älterwerden.
Was hat Sie zu diesem Roman motiviert?
Ich wollte über das Altern schreiben, aber ein Sachbuch wäre zu zäh gewesen, deshalb entschied ich mich für einen Roman. Ausserdem war ich selbst bereits in der Ägäis beim Segeln und fand die griechischen Göttersagen schon immer faszinierend. Meine Hauptmotivation ist jedoch mein Zorn über die Altersdiskriminierung. Im Arbeitsleben findet eine Ausgrenzung von Älteren statt, die das Menschenrecht auf Arbeit ignoriert. Man sollte arbeiten können, so lange man will und etwas beizutragen hat. Arbeit ist ein elementarer Sinnstifter im Leben - gerade im Alter. Ältere Menschen können und sollen ihren grossen Erfahrungsschatz einbringen.
Welche Aspekte Ihres Buches sind Ihnen besonders wichtig?
Es gibt einen feministischen Aspekt. Alma, die Hauptperson, hat keine Altersdepression und will kein harmloses Leben im Alter führen. Als Unternehmerin betreibt sie mehrere Hotels. Sie hat etwas zu tun und lebt ein erfülltes Leben. Diese ältere Frau hat eine gute Beziehung zu ihrem Ehemann und Geschäftspartner, den sie von unterwegs aus regelmässig anruft. Sie möchte auf diesem Törn ihre unaufgeräumten Liebesaffairen aus der Vergangenheit klären. Ihre Versuchsanordnung, alle vier «Kerle» auf ein enges Segelboot einzuladen, scheitert jedoch. So entwickelt sich ein tragikomischer Verlauf, wobei sogar ein Mann über Bord geht. Alma ist eine starke Frau und eindeutig lebendiger als die vier Männer. Auch Sexualität spielt hierbei eine Rolle.
Ich habe mich als Autor gerne in diese Frauenrolle hineinversetzt und bewundere diese Figur für ihre Lebenskraft und -freude. Ja, in meinem Roman geht es vor allem um Lebensbejahung. Ich möchte Lebensentwürfe im Alter aufzeigen, die weder in den Jugendwahn noch in den Trübsinn abgleiten. Ob man Longevity-Konzepte unbedingt braucht? Mein Motto ist eher: Nimm das Leben nicht so ernst, lebe einfach so lange du kannst! Die meisten haben wohl eine Liste von Zielen im Kopf, die sie realisieren möchten, bevor es ans Sterben geht. Diese sollte man sich immer wieder einmal ansehen.
Was können die Leser mitnehmen?
Ich denke, es ist ein ermutigendes Buch für Frauen. Alma ist eine inspirierende Figur. Aber auch Männer können sich in diesem Roman spiegeln. Etwa in dem Politiker, der bei der Wahl aus dem Bundestag geflogen ist und sich unterwegs zum Reiseführer aufschwingt, die Gegend erklärt und die passenden griechischen Göttersagen dazu liefert. Auch über die griechische Demokratie doziert er. «Holm» kann damit gar nicht aufhören. Ausserdem möchte er so alt wie möglich werden und achtet sehr auf seine Gesundheit. Er isst spartanisch und trinkt meist Wasser, während ein anderer Ex-Lover an Bord, Paul, ein griechisches Dosenbier nach dem anderen leert. Steinalt zu werden ist eben eine anstrengende Beschäftigung. Alma sieht das ganz anders. Für sie geht es im Leben darum, es krachen zu lassen.
In Ihrem Buch geht es um das Älterwerden. Welche Schwierigkeiten sehen Sie persönlich und wie begegnen Sie ihnen?
Ich bin da selbst auf einem Boot unterwegs. Die Wellentäler führen mich nach oben und nach unten. Beim Schreiben reflektiere ich mich selbst und finde meinen Standpunkt. Ein solcher Roman ist ausserdem ein Bildungsprogramm für mich. Ich habe mich für «Poseidons Zorn» augiebig mit der griechischen Mythologie befasst. Das ist für mich Selbstentwicklung. Etwas Neues dazulernen, etwas Schaffen - meine Gestaltungskraft nutzen. Andererseits steht auch die Frage im Raum, wie gehe ich mit meinen Erinnerungen um. Und zwar so, dass sie mich nicht lähmen und grübeln lassen, sondern mir Mut machen zu neuen Wegen, vielleicht zu einer weiteren Reise. Übrigens werde ich demnächst zu meinem vierten Segeltörn aufbrechen. Reisen hat für mich einen kreativen Aspekt.
Sie arbeiten beim Nachrichtenportal Nius. Wie sehen Sie dort Ihren Beitrag?
Ich bin gegen diese Blasenbildung, die sich zur Zeit in der öffentlichen Diskussion breit macht. Die Spaltung ist ein grosses Problem. Bei «Nius» bin ich tendenziell «der Linke», nicht unbedingt eine einfache Position. Ich bin dort nicht unter Gleichgesinnten, aber ich sorge für die Erweiterung des Spektrums und eine gewisse Reibung. Ausserdem schreibe ich auch für «Tichys Einblick», meist klassische Feuilletonartikel. Es ist ja leider so, dass die öffentlich-rechtlichen Medien die Meinungsvielfalt nicht mehr abbilden.
Wolfgang Herles Roman «Poseidons Zorn» (ISBN 978-3-7844-3813-9) ist im Verlag Langenmüller erschienen, hat 278 Seiten und kostet 24,00 Euro.