Wie weit wollen wir «gendern» und wohin?

Auch was in aller Munde ist, kann in die Hose gehen. Ein Plädoyer für Vernunft und Mass. Kolumne.

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Mein erstes Zusammentreffen mit den zuweilen merkwürdigen Blüten des Genderismus ergab sich beim Ausfüllen meiner Personalien für eine Umfrage. Wie gewohnt war mein Kreuz gefragt beim Geschlecht: männlich … weiblich … und dann noch: ANDERES! Ich stutzte, schrammte knapp an einer Identitätskrise vorbei, um mich schlussendlich wie ein Alien zu fühlen. Hatte ich etwas verpasst…? Gab es plötzlich noch andere Kategorien als «männlich» oder «weiblich»? Mein gewohntes Weltbild geriet in ein bewusstseinserweiterndes Wanken, das mich daran erinnerte, dass es auch Menschen mit beiden Geschlechtsanlagen gibt, denen es früher nicht möglich war, ihr Kreuz stimmig zu setzen.

Schon immer wurden festzementierte Annahmen durchbrochen und ermöglichten so eine Veränderung und Anpassung der Wahrnehmung an Nicht-Bedachtes oder Tabuisiertes. Und das ist gut so. Schlecht ist es, wenn solche Veränderungen in erstarrter und absoluter Form daherkommen und selber wieder zu Zwängen werden.

Meine erste intime Begegnung fällt mir ein. Es war die Zeit der sexuellen Befreiung. Verklemmtes wurde fallengelassen, doch die neue Freizügigkeit selbst wurde wieder zum Zwang. So wollte mein damaliger Freund mein erstes Mal im Wohnzimmer einer Wohngemeinschaft zelebrieren, so im Sinn: Ist doch nichts dabei, man ist doch nicht verklemmt und hat gefälligst frei zu sein! Wie ich mich fühlte, war nicht von Belang.

Es ist ein Symptom unserer aktuellen Zeit, dass uns Vernunft und Mass verlorengegangen sind. Absurd wird dies zuweilen in der gendergerechten Schreibweise, die oft so umständlich wird, dass Sprachfluss und Verständlichkeit darunter leiden. Dass wir Frauen uns nicht mit dem KaufMANN identifizieren können, hat mich schon vor der ganzen Genderdiskussion gestört und zur weiblichen Eigenkreation KaufFRAU inspiriert. Doch was, wenn der/die Kaufmann/frau an einer Sitzung, gemeinsam mit dem/der Gemeindeschreiber/in über neue Regeln bezüglich dem/r abrechnenden/n Buchhalter/in befinden soll?

Eine griffige Lösung fehlt mir, doch tendiere ich dazu, das Ganze verspielter anzugehen, mal die Männer, mal die Frauen ein wenig vor den Kopf zu stossen, indem die Formen abwechselnd und freier eingesetzt werden. Auch das Erfinden kreativer Neuschöpfungen empfinde ich durchaus als lustvoll.

Mir fällt auch auf, dass wir vor allem an der äusseren Form, der Verpackung «herumdoktoren» und darüber den Inhalt vergessen. Wir können sexistische oder rassistische Ausdrücke noch so oft ändern, ohne dass dies die innere Haltung tangieren muss.

Es kann sogar gefährlich werden, wenn ursprünglich positive Werte als Deckmantel für negative Inhalte missbraucht werden. So war zum Beispiel die sexuelle Befreiung und eine freiere Erziehung für einige Pädophile eine willkommene Einladung zum Kindsmissbrauch. Und im Namen der «political correctness» verschwinden manche kulturell-individuelle Unterschiede in einem undefinierten, globalistischen «Einheitsbrei» und harmlose Traditionen werden aus Angst vor Rassismusvorwurf oder Ausgrenzung abgeschafft.

Es ist an der Zeit, dass wir GleichWERTIGkeit nicht mit Gleichheit verwechseln und uns an den inneren Werten, statt an Äusserlichkeiten orientieren. Frauen und Männer sind nicht gleich, aber gleichwertig in ihrer Verschiedenheit und jede Art von Beziehung. Ob Hetero, Homo oder was auch immer sollte als gleichwertiger Lebensentwurf und als frei wählbare individuelle Rolle geachtet werden, sofern sie nicht zum Zwang und zur Ausbeutung von Schwächeren verkommt.
 

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Mirjam Rigamonti Largey aus Rapperswil in St. Gallen ist Psychotherapeutin, hat Psychologie, Religions-Ethnologie und Ethnomedizin studiert, arbeitet als Kunstschaffende, freie Schriftstellerin und als Friedensaktivistin.

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04. September 2021
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