Der neue Zeitpunkt «Das Ende der Gewissheit» erscheint am 19. Februar. Sie können ihn für Fr./€ 10.– statt 15.- bestellen. Das Angebot ist gültig bis 16. Februar.
Was gibt uns Halt?
Gewissheit gibt uns Vorhersehbarkeit und dadurch entsteht Sicherheit. Wenn ein Leben aber nur auf Sicherheit ausgerichtet ist, dann wird es darin keine Entwicklung mehr geben. Der Mensch wird in Stumpfheit und Erstarrung verfallen. «Die einzige Konstante im Leben ist Veränderung.» wusste schon Heraklit. Wir brauchen Stabilität im Leben, um uns entwickeln zu können. Genauso brauchen wir auch Veränderung und Herausforderungen. In dieser Spannung entsteht Erfahrung, entsteht Kreativität. Eine gesunde Balance zwischen den Polen der Stabilität und der Dynamik zu leben, ist eine hohe Kunst und so facettenreich, wie es unterschiedliche Menschen und Lebensentwürfe gibt.
Und nun sehen wir uns mit einer Welt konfrontiert, in der es immer weniger Gewissheit, immer weniger Sicherheit gibt. Wir finden keinen Halt mehr im Aussen: der Glaube an die Politik an, an ein nationales und internationales Rechtssystem, an Werte wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit und Chancengleichheit schwindet. Unsere Welt scheint zu wanken. Wo finden wir Halt?
Die Probleme, die wir im Aussen wahrnehmen, erscheinen zu vielfältig, komplex und verfahren. So fühlen sich immer mehr Menschen machtlos und resignieren angesichts einer so aussichtslosen Weltlage. «Was kann ich schon bewirken?» fragen sie.
Wie wäre es, wenn wir die vielfältigen Probleme in der Welt als Symptome, eines einzigen Phänomens verstehen würden? Das würde uns erlauben dessen Wurzeln zu erforschen und das erscheint mir weit vielversprechender. In meinem Studium der Friedensforschung hatte ich einen sehr besonderen Lehrer: Johan Galtung (1930 – 2024; gilt als Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung). Er verstand es, praktische Lebenserfahrung und Forschung zu verbinden. Auf seiner Suche nach einer friedensfähigen Gesellschaft untersuchte Johan Galtung die Weltreligionen. Welche Religion würde wohl diejenige sein, die Frieden und ein konstruktives Zusammenleben von Menschen am meisten förderte?
Das Ergebnis der Forschung wird Sie erstaunen: Johan Galtung fand heraus, dass der grosse Graben zwischen Krieg und Frieden nicht zwischen den Religionen, sondern innerhalb einer jeden Religion liegt. Jede Religion hat an ihrem Ursprung einen Menschen, der eine persönliche Erfahrung des Göttlichen (oder Transzendenten) erlebt hatte. Wir nennen solche Menschen: Mystiker. Spannend ist, dass Mystiker – egal welcher Tradition sie angehörten und welchen Gottesbegriff sie verwendeten – die gleichen zwei Wahrheiten erfahren hatten:
- Wir Menschen und alles Leben sind letztlich EINS. Es gibt eine grundlegende EINHEIT allen Lebens auf dieser Erde.
- Diese Einheit bedingt, dass wir allem Leben mit RESPEKT und LIEBE begegnen sollten.
Johan Galtung nannte dies die weiche Seite der Religionen.
Doch auch die harte Seite zeigte sich in jeder Religion: die dogmatische, institutionalisierte Religion. Wenn Menschen die Führung und Institutionalisierung einer Religion übernehmen, die selbst keine spirituelle Erfahrung der Einheit gemacht haben, werden die zwei Grundpfeiler von Einheit und Liebe sehr schnell über Bord geworfen. Um eine einheitliche Lehre aus der Erfahrung eines Gründers zu etablieren und um diese Lehre als einzig gültiges System der Erleuchtung und Erlösung zu verkaufen, wird aus der Einheit sehr schnell eineSpaltung (das Diabolische – zwei Pole). Als Resultat werden Respekt und Liebe verraten.
Hier einige Beispiele:
- Wir, die Gläubigen, haben die Wahrheit und die Ungläubigen haben sie nicht. Wir müssen sie bekehren und wenn nicht freiwillig, dann wenden wir Gewalt an.
- Wir Menschen stehen über der Natur. Wir sollen sie uns Untertan machen, können sie also auch plündern und auslöschen.
- Männer stehen über den Frauen. Frauen sind von Natur aus schwach. Wir müssen daher für sie entscheiden, können sie uns zu Willen machen und sei es mit Gewalt.
- Weisse Menschen stehen über den Farbigen. Wir sind gebildet und sie sind Wilde, die wir kolonialisieren und ausbeuten können.
Diese Liste kann beliebig fortgeführt werden. Was lernen wir daraus?
Einheit und Liebe sind nach den grossen Mystikern unserer Erde die Grundpfeiler unserer Existenz. Die Negierung dieser Wahrheit ist die Wurzel von Täter- und Opfererfahrungen, die letztlich beide Teile ins Leid führt. Wenn wir uns in der Trennung erleben, sind wir leicht lenkbar – weil im Mangel - und daher anfällig, ausgenutzt zu werden. Je mehr wir mit unserem Inneren in Kontakt gehen - auf den Spuren der Mystiker - desto mehr nähren wir eine andere Erfahrung: Wir entdecken unser Potential von Einheit und Liebe. Wir erfahren die Stabilität einer inneren Anbindung. Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf Einheit statt auf Trennung richten, nähren damit diese Qualität. Sie kennen vielleicht die indianische Geschichte von den zwei Wölfen, die gleich stark in unserem Inneren kämpfen. Ein Wolf ist wütend und aggressiv, der andere ist freundlich und offenherzig. Welcher Wolf wird den Kampf im Inneren gewinnen? Der, den du fütterst! Doch wie nähere ich mich meinem Inneren Wolf?
Daniele Ganser, Schweizer Historiker und Friedensforscher, beginnt seinen Online-Kurs «Innerer Frieden» mit einer Achtsamkeitsübung (hier zusammengefasst von mir), die ein erster Schritt zu innerem Erleben sein könnte: Stellen Sie sich einen Wasserfall vor und stellen Sie sich vor, dass Sie direkt unter dem Wasser stehen. Nehmen Sie an, dass das Wasser Ihre Gedanken sind, die unaufhörlich auf Sie niederprasseln. Nun gehen Sie einen Schritt zurück, hinter den Wasserfall. Sie können Ihre Gedanken nun beobachten. Sie können das Gleiche auch mit Ihren Emotionen machen. Wenn Sie hinter den Wasserfall treten, bewegen Sie sich aus dem Sog, werden klarer und ruhiger. Sie sind nun ein Bewusstsein, das Ihre Gedanken und Emotionen betrachtet. Sie SIND nicht Ihre Gedanken und Emotionen…
Wenn ich meine Sicherheit nur im Aussen suche, werde ich wie ein Hölzchen in den Wasserwirbeln des Lebensflusses hin und hergeworfen. Wenn meine Sicherheit auf meiner Partnerschaft, meiner Arbeit, meinem Besitz, meiner Gesundheit, meinem sozialen Status, etc. gründet, dann bin ich verletzlich: Ich kann jederzeit alles verlieren und keine noch so gute Versicherung wird mich retten.
Wenn meine Sicherheit aus meiner Verbundenheit im Inneren kommt, dann bin ich wie ein Schiff mit Schwert und Segel. Ich werde mit Schicksalsschlägen wesentlich besser zurechtkommen, weil ich ihren Sinn zu verstehen suche und sie vielleicht sogar als Chance für Wachstum nutzen kann.
Schwert und Segel: Verankerung und Intuition
Wie das Schwert ein Schiff stabilisiert und das Lenken erleichtert, schafft eine gute Verankerung im Leben einen soliden Boden für Sicherheit. Wenn ich meine menschlichen Bedürfnisse kenne und für sie Verantwortung übernehme, dann werde ich mich für eine gesunde Lebensführung entscheiden. Ich werde bewusst wählen, wie ich meinen Körper ernähre und bewege, was und wieviel ich arbeite, wie ich meine Freizeit und meine sozialen Kontakte gestalte.
Das Segel eines Schiffes nutzt den Wind, der es schneller voranbringt, als jede Muskelkraft.
In der Verbindung mit dem Geist (steht für Luft/Wind) kann ich über die Kraft der Intuition aus einer unermesslichen Quelle der Weisheit schöpfen. Ein intuitiv verbundener Mensch «spürt» seinen Weg und löst seine Probleme kreativ und treffsicher.
Die Verankerung, das Sich-nach-unten-verbinden und die Intuition, das Sich-nach-obenverbinden, treffen sich in der Mitte: im Herz. Und da wird es spannend: Da melden sich meine eigenen ungelösten und ungeliebten Gefühle. Jetzt beginnt die eigentliche Friedensarbeit. Wie begegne ich meinem eigenen Schmerz, meiner eigenen Wut, meiner eigenen inneren Zerrissenheit? Wie kann ich die Zerrissenheit im Aussen kritisieren, so lange ich die Zerrissenheit in meinem eigenen Inneren ignoriere? Könnte es sein, dass sich meine eigene Zerrissenheit in meiner äusseren Welt spiegelt? Werde ich zum «Retter», der das Aussen verändern möchte, ohne im eigenen Innen aufzuräumen? Friedensarbeit ohne Verankerung im Inneren wird unweigerlich zu Verbitterung und schliesslich zur Resignation führen. Jetzt gilt es, die Verantwortung für die Heilung unserer inneren Wunden zu übernehmen, das Überwinden von Angst und falschem Stolz, wenn es darum geht sich dabei unterstützen zu lassen. Die Belohnung dieser Arbeit ist ein offenes, liebendes Herz und ein grosser Zuwachs an Freude und Gelassenheit.
Kennen sie die Glühwürmchen noch, die an lauen Sommernächten in den Gärten und Wäldern flogen? Nehmen sie an, wir wären alle wie Glühwürmchen und hätten unser eigenes Licht im Inneren. Nur hätten wir vergessen, dass wir es haben und wie wir es zum Leuchten bringen. Wir würden uns über die Dunkelheit im Wald beklagen. Ein Mensch, der sein Inneres aufgeräumt hat, der gut im eigenen Leben verwurzelt ist und über seine Intuition mit dem Geist des Kosmos verbunden ist, wird wie ein strahlendes Licht für die Welt sein und wie ein starker Fels. Ich nenne diese Menschen die glücklichen Kreativen, denn das ist, was sie geworden sind. Mit ihrer inneren Sicherheit und ihrer Freiheit, die sich kreativ ausdrücken möchte, bringen sie ihre Welt zum Strahlen.
Nun gibt es schon immer mehr «Glühwürmchen» auf unserer Welt. Diese Glücklichen ermutigen andere, mit ihrem Sein. Das Wissen, wie eine Gesellschaft konstruktiv und friedlich gestaltet werden kann, wie Menschen ihre eigenen Traumen heilen können, wie der Mensch wieder in Einklang mit der Natur und dem Kosmos kommen kann, dieses Wissen ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen und viel Erfahrung damit wurde geschöpft.
Mit der digitalen Vernetzung ist auch die Vernetzung dieses Wissens und der Menschen, die damit arbeiten, rasant angestiegen. Das ist zu einer realen Bedrohung für die Machteliten geworden. Unsere Strippenzieher in Politik und Wirtschaft und vor allem deren Hintermänner fürchten um ihre Profite. Menschen, die aus der Opferrolle ausgestiegen sind, die ihr Schiff auf dem Lebensfluss selbst steuern, lassen sich nicht mehr für ihre Zwecke einspannen und ausbeuten.In den letzten Jahren wird der hilflose Kampf der Machteliten immer offensichtlicher: eine Inszenierung folgt der Anderen: die Mikrobenkrise, Krieg in der Ukraine, Energiekrise, Inflation, Klimawandel, das offensichtliche Aushebeln der Rechts- und Völkerrechtsordnung, Zensur und Aushöhlung von Meinungsfreiheit, …
Lassen sie mich die Situation mit einem Bild beschreiben:
Wenn ein Mensch mit einer Fackel in einen dunklen Keller geht, dann flüchten die Ratten in die dunklen Ecken. Wenn dann das Licht heller wird (mehr Glühwürmchen) und der Mensch mit der Fackel in die Ecken leuchtet, dann springen ihn die Ratten an.
Da sind wir jetzt. Und das Wunderbare: diese Situation erzeugt den Druck, den wir brauchen um aufzuwachen und aktiv zu werden. Und denken sie dran: was den Unterschied in Ihrem Leben und unserer Welt macht, ist erst in zweiter Linie das Tun. In erster Linie geht es um das Sein, um das Anzünden des eigenen, inneren Lichtes.
Doris Jung, Friedensforscherin, Gesundheitspraktikerin und ganzheitlicher Coach, Berlin