Wo Demokratie beginnt - Erfahrungen in Gemeinschaft
An einem kalten Winterabend sitzen rund einhundert Menschen im Gemeinschaftsraum von Schloss Tempelhof. Seit Stunden ringen wir miteinander. Es geht um viel Geld.
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Austausch in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof. Foto: zVg

Um eine Solarthermieanlage, die bereits weit fortgeschritten geplant ist und für viele als selbstverständlicher nächster Schritt in Richtung nachhaltiger Energieversorgung gilt. Die Argumente liegen auf dem Tisch, Berechnungen wurden erstellt, Arbeitsgruppen haben über Monate hinweg vorbereitet.

Einige Menschen spüren grosse Zustimmung, andere Skepsis. Wieder andere nehmen etwas wahr, das sich noch gar nicht in Worte fassen lässt. Gleichzeitig wächst der Wunsch, endlich zu einer Entscheidung zu kommen. Zeitpläne drängen. Fördermittel laufen aus. Vernünftige Gründe gibt es mehr als genug.

Der Kreis hält inne. Die Entscheidung wird vertagt. Etwas Wesentliches ist noch nicht reif.

Erst Wochen später zeigt sich, wie wertvoll dieses gemeinsame Innehalten gewesen ist. Neue Informationen kommen hinzu, Rahmenbedingungen verändern sich und schliesslich wird deutlich, dass die geplante Investition in dieser Form für uns nicht der richtige Weg gewesen wäre.

Was bleibt, reicht weit über die ersparten Kosten hinaus. Zurück bleibt die Erfahrung, dass tragfähige Entscheidungen dort entstehen, wo Menschen bereit sind, einander wirklich zuzuhören. Wo Unterschiedlichkeit ausgehalten wird. Wo Vertrauen wachsen kann, dass Wahrheit manchmal etwas mehr Zeit braucht als Effizienz.

Seit sechzehn Jahren leben und arbeiten wir auf Schloss Tempelhof mit inzwischen über zweihundert Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern zusammen. Immer wieder erleben wir solche Momente. Sie haben uns gelehrt, dass Demokratie ihren Ursprung lange vor Parlamenten und Wahlen hat. Sie beginnt in der Qualität unserer Begegnung.

Gemeinschaft als täglicher Übungsraum

Diese Erfahrungen haben unseren Blick auf Gemeinschaft grundlegend verändert. Sie ist für uns kein Wohnmodell und keine Weltanschauung. Sie ist ein täglicher Übungsraum. Das Leben selbst wird zum Lernfeld. Jeder Konflikt, jede gemeinsame Entscheidung, jedes Missverständnis und jede gelungene Zusammenarbeit lädt dazu ein, bewusster zu werden und Beziehung tiefer zu verstehen.

Dieser Alltag ist zugleich der eigentliche Erfahrungsraum von Schloss Tempelhof. Hier arbeiten Menschen gemeinsam in wirtschaftlicher Verantwortung, legen Finanzen offen, entwickeln Projekte, begleiten Kinder, lösen Konflikte und gestalten ihre Beziehungen. Grosse Vielfalt gehört selbstverständlich dazu. Unterschiedliche Biografien, Weltbilder, politische Haltungen und Lebensentwürfe begegnen sich jeden Tag. 

Damit Vielfalt Verbindung stiften kann, braucht sie Orientierung. Gemeinsame Kommunikationsvereinbarungen, transparente Entscheidungsprozesse und eine kontinuierliche Persönlichkeitsentwicklung bilden dafür den Boden. Über viele Jahre ist so ein gemeinsames Bewusstseinsfeld gewachsen, das trägt, ohne Gleichförmigkeit zu verlangen.

Diese Kultur zeigt sich in einer Vielzahl ganz konkreter Projekte. Rund dreissig Hektar bodenaufbauende Landwirtschaft und Gärtnerei versorgen den Ort mit hochwertigen Lebensmitteln und verstehen den Boden als lebendigen Organismus. Ein Seminarzentrum mit fünfundsiebzig Betten bringt das ganze Jahr über Menschen zusammen, die sich mit Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikation, Gemeinschaft, Ökologie, Musik, Tanz und gesellschaftlichem Wandel beschäftigen. Hinzu kommen zahlreiche Gastveranstaltungen und eigene Ausbildungen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Bildung. Die Freie Schule Schloss Tempelhof wird von rund fünfzig Kindern aus der Gemeinschaft und etwa fünfzig weiteren Kindern aus der Region besucht. Ein Waldkindergarten begleitet die Jüngsten. Im Dorfhaus treffen sich alle Generationen dreimal täglich zu einer gemeinsamen Mahlzeit aus der eigenen Küche. Das Café ist zu einem lebendigen Begegnungsort für Gäste und Bewohner geworden.

Im CoWorking-Haus arbeiten Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern Tür an Tür – vom Filmstudio über Architektur, Coaching und Modedesign bis hin zu weiteren selbstständigen Unternehmen. Auch das Bundesbüro von «Mehr Demokratie Deutschland e. V.» hat hier seinen Sitz. Hinzu kommen die Entwicklung und Produktion von Tiny Houses sowie mehrere Projekte für junge Menschen.

Besonders am Herzen liegt uns das Zukunftsjahr. Fünfzehn junge Erwachsene leben ein Jahr gemeinsam auf Tempelhof und erforschen Fragen, die im klassischen Bildungssystem kaum Raum finden: Schönheit, Sinn, Gemeinschaft, innere Reifung, Verantwortung und die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft. Im Flow Valley gestalten sie ihr Lernen weitgehend selbstorganisiert. Bildung entsteht aus Neugier, eigenem Forschen und dem unmittelbaren Leben in Gemeinschaft. So wird das Leben selbst zur Lebensschule.


Dieser Beitrag wurde für das neue Magazin AUF DIE VIER geschrieben. Auf die Vier rückt die folgenden VIER Aspekte des Gemeinwohls in den Fokus:

A. Im Kleinen ist es für das Gemeinwohl wichtig, dass wir uns in unserem privaten Raum um das eigene Wohl und das Wohl der Nächsten kümmern.
B. Im Grossen ist es für das Gemeinwohl wichtig, dass wir strukturell und kulturell für das Wohl der Mitmenschen und der ganzen Welt besorgt sind.
Wohlfahrt und ein echter Wohlstand für alle können sich ergeben, wenn wir C. mit der inneren Haltung der Allparteilichkeit Strukturen für das Gemeinwohl schaffen, und wenn wir
D. kulturell mit guten Taten das Gemeinwohl pflegen. 

In diesem Rahmen bringt AUF DIE VIER Projekte ins Spiel, die alltags- und praxisnah konkret in Richtung eines integrierten politischen Denkens und Handelns unterwegs sind: für das höchste Wohl von allen - und niemandem zum Schaden.

...Seit 16 Jahren auf solch einem Weg ist die Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof in Kreßberg/DE im Nordosten von Baden-Württemberg.

Hier der Fragenkreis, in dessen Radius AUF DIE VIER Wolfgang Sechser gebeten hat, das Projekt «Schloss Tempelhof» unseren Lesern näher zu bringen:
  • Wie erlebt ihr euch in dieser Welt, wie sie ist, und was bedeutet für euch das Projekt «Schloss Tempelhof»? 
   • Was beinhaltet das Projekt «Schloss Tempelhof» konkret? Wer gehört dazu, und wer seid ihr als ein Team? Wer ist euer Zielpublikum? Wie geht ihr lebens- und praxisnah vor?
   • Was möchtet ihr mit eurem Projekt bewirken? Und was möchtet ihr damit für euch und mit anderen sowie für unsere Welt erreichen? 
   • Was ist euch dabei insbesondere im Sinne des Gemeinwohls wichtig? Was können Politik, Demokratie und gesellschaftliche Gestaltung von gelingenden Beziehungen und von gelebter Gemeinschaft lernen?   
   • Wo steht ihr mit dem Projekt «Schloss Tempelhof» heute? Welche Chancen und welche Herausforderungen zeigen sich für euch und für unsere Welt dabei? Und warum wollt ihr wie und wohin mit eurem Projekt weiter unterwegs sein?
(Ueli Keller)


Gemeinschaft als Zukunftswerkstatt

Mit den Jahren wurde immer deutlicher, dass Gemeinschaft weit mehr ist als eine Form des Zusammenlebens. Sie ist ein Ort, an dem sich die grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft verdichten. Fast alles, was uns im Grossen beschäftigt, begegnet uns hier im Kleinen – unmittelbar und persönlich.

Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen lernen, ihre Unterschiedlichkeit zu tragen und dennoch miteinander verbunden zu bleiben. Das klingt einfach. Im Alltag zeigt sich, wie anspruchsvoll dieser Weg ist. Unterschiedliche Werte, Temperamente, politische Überzeugungen, Bedürfnisse und Lebensentwürfe treffen aufeinander. Genau darin liegt der eigentliche Reichtum eines solchen Lebensraums. Jeder Mensch erweitert den gemeinsamen Horizont und fordert zugleich die Fähigkeit heraus, Beziehung über das eigene Rechthaben zu stellen.

Diese Übung findet jeden Tag statt. In Arbeitskreisen und Projektgruppen. Bei wirtschaftlichen Entscheidungen und der gemeinsamen Verantwortung für den Ort. Im Dorfhaus beim Essen. Auf den Feldern. In der Schule. Im Seminarbetrieb. In persönlichen Konflikten und in den vielen kleinen Begegnungen dazwischen. Dieses Miteinander ist eine tägliche Praxis.

Dabei tauchen immer wieder dieselben Fragen auf. Wie entsteht Vertrauen? Wie gehen wir mit Macht um? Woran erkennen wir gute Führung? Trauen wir uns zu führen? Wie können Menschen Verantwortung übernehmen, ohne sich über andere zu stellen? Wie gelingt es, Spannungen auszuhalten, ohne in Lager zu zerfallen? Und wodurch entsteht ein Wir, das Individualität schützt und zugleich Verbindung wachsen lässt?

Mit der Zeit zeigte sich immer klarer, dass diese Fragen weit über Tempelhof hinausreichen. Viele gesellschaftliche Konflikte erscheinen in einem neuen Licht, wenn sie als Beziehungskonflikte verstanden werden. Hinter ideologischen Gegensätzen stehen oft Erfahrungen von Angst, Ohnmacht, mangelndem Gehörtwerden oder fehlendem Vertrauen. Solange diese Ebenen unbeachtet bleiben, greifen politische Lösungen häufig zu kurz.

In diesem Sinne hat sich in uns die grundlegende Dimension von Demokratie ausgebreitet: Demokratie ist weit mehr als eine Staatsform. Sie ist eine Beziehungskultur. Sie lebt von Menschen, die zuhören können, Spannungen aushalten, Verantwortung übernehmen und auch unter unterschiedlichen Auffassungen den gemeinsamen Raum bewahren. Genau diese Fähigkeiten lassen sich üben. Jeden Tag. Gemeinschaft wird dadurch zu einer Zukunftswerkstatt demokratischer Kultur – getragen von der Erfahrung, dass Vertrauen, Verantwortung und Verbundenheit nicht beschlossen werden können. Sie wachsen zwischen Menschen.

Alles ist Beziehung

Aus der täglichen Praxis auf Schloss Tempelhof ist über die Jahre der Wunsch gewachsen, diese Erfahrungen stärker mit der Gesellschaft zu teilen. Immer mehr Besucher, Seminarteilnehmer, Unternehmer, Kommunen, Schulen und Initiativen kamen mit derselben Frage zu uns: Was trägt eine Gemeinschaft über viele Jahre hinweg? Was lässt Vertrauen wachsen? Wie entstehen Verantwortung und gemeinsame Gestaltungskraft?

Im Mittelpunkt steht dabei eine Erfahrung, die sich immer wieder bestätigt hat: Alles ist Beziehung. Jede wirtschaftliche Entscheidung ist Beziehung. Führung ist Beziehung. Bildung ist Beziehung. Frieden ist Beziehung. Politik ist Beziehung. Wo Beziehungen gelingen, wächst Vertrauen. Wo Vertrauen wächst, wird gemeinsames Gestalten möglich. Was wir Demokratie nennen, entsteht aus der Qualität der Beziehungen, die Menschen miteinander gestalten. Dort entscheidet sich, ob Vertrauen wächst oder Misstrauen. Ob Kooperation gelingt oder Polarisierung zunimmt. Ob Unterschiedlichkeit trennt oder zu einer gemeinsamen Intelligenz wird.

Im Laufe der Jahre haben sich daraus konkrete Formen des Zusammenarbeitens entwickelt. Menschen lernen, wirklich zu sprechen und ebenso aufmerksam zuzuhören. Sie üben, präsent zu bleiben, auch wenn Unsicherheit, Ärger oder Angst im Raum auftauchen. Fishbowl-Gespräche schaffen Räume, in denen wenige sprechen und viele mit wacher Zeugenschaft zuhören. Holokratische Formen der Zusammenarbeit fördern Eigenverantwortung und eine verteilte Führungskultur. Immer wieder zeigt sich dieselbe Erfahrung: Solange emotionale Spannungen ungeklärt bleiben, verlieren auch die besten Sachargumente ihre Kraft. Deshalb beginnt gemeinsames Gestalten mit der Klärung der Beziehungen. Aus dieser Qualität entstehen Entscheidungen, die Menschen innerlich mittragen können.

Die Erfahrungen in die Gesellschaft tragen

Den Boden für diese Entwicklung bereitete und bereitet die Grundstiftung Schloss Tempelhof. Sie verbindet einen ganz praktischen Auftrag mit einer tieferen kulturellen Ausrichtung. Einerseits möchte sie Grund und Boden dauerhaft dem spekulativen Markt entziehen und als gemeinsames Kulturgut für kommende Generationen sichern. Gleichzeitig widmet sie sich den Grundfragen einer zukunftsfähigen Kultur: Was trägt Gemeinschaft? Wie entsteht Frieden? Welche Formen von Verantwortung brauchen wir? Und wie kann gesellschaftlicher Wandel aus einem neuen Verständnis von Beziehung wachsen? Unter ihrem Dach entstehen Gemeinschaftsprojekte, Bildungsinitiativen und gesellschaftliche Impulse, die diese Fragen in konkretes Handeln übersetzen.

Auch die Lebensschule hat sich auf diesem Boden angesiedelt und wächst aus denselben Erfahrungen. Ihr Schwerpunkt liegt auf persönlichen Erfahrungsräumen. Seminare wie „Wer bin ich – Wer sind wir?“ oder das generationsübergreifende Männerseminar eröffnen Erfahrungsräume, in denen Menschen ihrer eigenen Geschichte, ihrer Berufung und ihrer Beziehungsfähigkeit begegnen. Die Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof und die Grundstiftung öffnen den Blick stärker auf die gesellschaftliche Dimension – etwa mit Seminaren wie „Alles ist Beziehung“, „Geld, Sinn und Frieden“ oder dem Symposium „Was Politik und Gesellschaft von Gemeinschaft lernen kann“. Gemeinsam verbindet sie die Überzeugung, dass persönliches Wachstum und kultureller Wandel zwei Seiten derselben Bewegung sind. Jede Gesellschaft wächst aus den Beziehungen, die ihre Menschen miteinander gestalten.

Eine Einladung

Die grossen Herausforderungen unserer Zeit werden oft als Klima-, Wirtschafts-, Migrations- oder Demokratiekrisen beschrieben. Hinter all diesen Begriffen begegnet uns immer wieder dieselbe Frage: Wie wollen wir als Menschen miteinander leben?
Vielleicht beginnt die Antwort näher, als wir häufig vermuten. Im Gespräch mit einem Nachbarn. Im Mut, einen Konflikt nicht zu vermeiden. In der Bereitschaft zuzuhören, bevor wir urteilen. In einer Führung, die Verantwortung übernimmt, ohne zu beherrschen. In einem Wirtschaften, das dem Leben dient. In Gemeinschaften, Schulen, Unternehmen und Gemeinden, die den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen.

Schloss Tempelhof versteht sich als Einladung, diese Fragen gemeinsam zu erforschen. Sechzehn Jahre Gemeinschaft haben uns Demut gelehrt. Sie haben uns erfahren lassen, wie anspruchsvoll Beziehung ist und wie tief sie unser Leben prägt. Gerade darin liegt ihre Kraft. Jeder gelungene Schritt verändert mehr als die Menschen, die ihn gehen. Er verändert das Feld, in dem wir einander begegnen.

Deshalb wünschen wir uns, dass immer mehr Orte entstehen, an denen diese Kultur wachsen kann. Orte, an denen Menschen den Mut entwickeln, Verantwortung zu übernehmen, Unterschiedlichkeit zu tragen und Vertrauen aufzubauen. Orte, an denen Zukunft nicht vorrangig gedacht, sondern vor allem gelebt wird.

Wer diesen Weg weiter mitgehen oder kennenlernen möchte, ist herzlich eingeladen, uns auf Schloss Tempelhof zu besuchen. Denn die Zukunft entsteht nicht irgendwann. Sie wächst in der Art und Weise, wie wir uns heute begegnen.


Schloss Tempelhof: https://www.schloss-tempelhof.de.

...Wolfgang Sechser, Jg. 61, studierte Philosophie und baute als Unternehmer zwischen 1988 und 2007 drei Firmen im Baubereich auf. Mitbegründer der Werkstatt für Gemeinschaftsbildung und der Gemeinschaft Schloss Tempelhof. Stiftungsratsvorsitzender der Grund-stiftung, die sich als gemeinnützige Dachstiftung für den Freikauf von Grund und Boden einsetzt. Mitentwickler des nicht-dialogischen WIR-Prozesses nach Scott Peck. Vortragsredner und Organisationsbegleiter von Firmen. Prozess- und Impulsmoderation von Großgruppen. – Mehr siehe „Martin Kirchner, Pioneers of Change, im Gespräch mit Wolfgang Sechser“: https://player.vod2.infomaniak.com/embed/1jijk03ul8i6u.

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