Abgesang auf beleidigte Leberwürste

Wer oder was ist Gott? Oder die Göttin? Ein Tipp: Wenn du ihn oder sie beleidigen kannst, ist es nicht Gott. Die Samstagskolumne.

Indische Götter
Jenseits unserer Vorstellungen. Foto: Unsplash

Liebe Bekannte, Freunde, Familienmitglieder und Geliebte im Herrn. Kann man Gott beleidigen? Haltet euch nicht an diesem Wort «Gott» fest. Also, wenn es einen, oder eine, gäbe, könnte man sie dann beleidigen? Nein, natürlich nicht. Denn dem käme gleich, wenn eine Ameise ihr sechstes Bein höbe und mir gegen den Schuh pinkelte.

Ich vermute, das ist jederfrau einsichtig. Doch es gibt zwei weitere, über die Grösse der Göttin hinausreichende Argumente, nicht die beleidigte Leberwurst zu spielen.

Göttinnen-Argumente

Erstens: Jede halbwegs ordentliche Göttin steht über Menschendingen. Sie ist für den Mond, den Pluto, die Venus (sic), das ganze Sonnensystem und Universum ebenso zuständig wie für besagte Ameise. Sie hätte, selbst wenn sie wollte, kein Ohr für unsere Beleidigungen zur Verfügung – und hätte sie Tausende davon, ich meine Ohren.

Zweitens: Eine ernstzunehmende Göttin existiert bzw. ist jenseits deiner und meiner Begrifflichkeit. Man stelle sich nur vor, sie wäre des Sprechens mächtig, würde also zum Beispiel Österreichisch sprechen (und denken). Oder Chinesisch. Oder Quechua. Obwohl letzteres noch am wahrscheinlichsten wäre – in welcher Sprache müsste man sie beleidigen, um sich ihr überhaupt zu Gehör zu bringen? Zusätzlich müsste sie sich die Perspektive der Sprechenden zu eigen machen und sich deren Glaubenssätzen beugen. Wohin man argumentativ auch blickt: Göttinnen lassen sich nicht beleidigen, jedenfalls nicht von Menschen. Göttinnen und Götter sind keine beleidigten Leberwürste. Niemals nicht.

Göttinnen gibt’s gar nicht

Und nun kommt das wirklich harte Argument: Es gibt gar keinen Gott und keine Göttin. Selbst wenn es sie gäbe, gibt es bestenfalls unsere Vorstellung von ihr. Würde sie unserer Vorstellung entsprechen, dann müsste sich ihre Existenz unserer Vorstellungskraft beugen – eine gleichfalls absurde, ja geradezu beleidigende Idee für potenziell existierende Göttinnen. Das Argument lässt sich noch vertiefen. Deine und meine Vorstellungen einer Göttin unterscheiden sich womöglich fundamental. Wenn du eine Frau bist, wirst du dir die Göttin anders vorstellen als ich als Mann. Gäbe es eine Göttin, dann wäre sie vermutlich non-binär, um das nur mal anzumerken. Und ein Internist würde sie sich anders vorstellen als eine Gehirnchirurgin, eine Fliesenlegerin anders als ein Gärtner. Welche Vorstellung wäre also die richtige? Stimmt, keine.

Im Zweifelsfall: Mach dich zur Göttin

Und jetzt komme ich zu dir, liebe Leserin. Ich kenne dich ebenso wenig wie die Göttin. Wie könnte ich dich also beleidigen? Unmöglich. Allenfalls kannst du dich beleidigt fühlen, wenn dir danach ist. Aber selbst, wenn ich dich kennen würde, wäre das nur oberflächlich. Du hättest mir von dir das gezeigt, was du mir zeigen wolltest, aber insgesamt und letzten Endes bliebest du mir göttinnenfremd. Wie jeder andere Mensch, meine Frau, meine Freundinnen und Kinder inklusive. Ich kenne sie alle nur teilweise.

Und umgekehrt natürlich. Beispielsweise können sie – und du – nicht nachempfinden, welche Erinnerungssüsse Blaubeeren für mich haben. Und nicht nur kenne ich dich nicht: Das meiste, was ich von dir oder anderen kenne, kann ich nicht von dem trennen, was mir meine Biografie, meine Vorurteile und Denkmuster einspeisen. Realistisch betrachtet ist alles, was ich von Göttinnen und dir denke, ein begrifflicher Mischmasch.

Wer also sollte sich von so etwas beleidigt fühlen. Sollte ich dich oder wen auch immer also jemals in eine beleidigte Leberwurst verwandeln (genauer: solltest du dich in eine solche verwandelt fühlen), dann begib dich bitte auf die Göttinnenebene und zeige mir den begrifflichen Stinkefinger. Ausserdem: Manchmal komme ich mir sogar selbst spanisch vor.



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Bobby Langer

Submitted by cld on Mi, 04/05/2023 - 07:30
Bobby Langer

*1953, gehört seit 1976 zur Umweltbewegung und versteht sich selbst als «trans» im Sinn von transnational, transreligiös, transpolitisch, transemotional und transrational. Den Begriff «Umwelt» hält er für ein Relikt des mentalen Mittelalters und hofft auf eine kopernikanische Wende des westlichen Geistes: die Erkenntnis nämlich, dass sich die Welt nicht um den Menschen dreht, sondern der Mensch in ihr und mit ihr ist wie alle anderen Tiere. Er bevorzugt deshalb den Begriff «Mitwelt».