Die Vorfälle rund um die Eröffnung der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 – festgehaltene Spieler an Flughäfen, verweigerte Visa für Schiedsrichter:innen und ganze Delegationen sowie die Rückweisung von Fans trotz gültiger Reisegenehmigungen – lassen sich sicherlich als Verwaltungsfehler, notwendige Sicherheitsmassnahmen oder unglückliche Ausnahmen interpretieren. Doch in ihrer Gesamtheit werfen sie eine tiefgreifendere Frage auf: Welche kulturellen Annahmen lassen bestimmte Formen der Ungleichbehandlung als normal, notwendig oder akzeptabel erscheinen?
Während der Covid-19-Pandemie veröffentlichte ich «The White-West: A Look in the Mirror” (Der Weisse Westen: Ein Blick in den Spiegel), eine Sammlung von Essays, die ursprünglich in Pressenza erschienen waren. In diesen Artikeln argumentierte ich, dass viele der Spannungen, die üblicherweise mit Politik oder Wirtschaft erklärt werden, in etwas Tieferem verwurzelt sind: einer historischen und kulturellen Prägung, die weiterhin bestimmt, wie der Westen sich selbst versteht und mit anderen umgeht.
Ich bezeichnete diese Prägung als «White-West» – nicht als rassische Kategorie oder moralisches Urteil über Individuen, sondern als kulturelle und historische Landschaft, geformt durch Jahrhunderte des Imperiums, der kolonialen Expansion, der Zivilisationshierarchien und der Überzeugung, dass manche Institutionen die Autorität besitzen, die Bedingungen zu definieren, unter denen andere an der Welt teilhaben.
Aus dieser Perspektive ist die Weltmeisterschaft nicht einfach ein Sportereignis, das durch unglückliche Vorfälle gestört wird. Sie wird zu einem Spiegel.
Im Januar 2026, als die Bedenken rund um das Turnier zunahmen, argumentierte ich, dass ein Dialog mit der FIFA – und kein einfacher Boykott – die Rolle des globalen Sports neu definieren könnte. Anstatt auf das Entstehen von Krisen zu warten, hätte die FIFA die Gelegenheit gehabt, schwierige, aber notwendige Gespräche über Würde, gleichberechtigte Teilhabe und die ethischen Verantwortlichkeiten zu initiieren, die mit dem Privileg einhergehen, Gastgeber eines globalen Ereignisses zu sein. Eine Verschiebung, alternative Regelungen oder umfassendere Konsultationen wären kein Ausdruck von Feindseligkeit gegenüber dem Fussball gewesen, sondern eine Einladung zur Reflexion.
Zur gleichen Zeit schlug ich vor, dass die FIFA freiwillig auf die symbolische Auszeichnung durch ihren Friedenspreis verzichten sollte – nicht als Akt der Selbstverurteilung, sondern als Aufforderung zur Demut. Frieden ist kein Titel, den man besitzen kann. Er ist eine Praxis, die man sich durch die Verteidigung von Würde, Inklusion und gleichberechtigter Teilhabe kontinuierlich verdienen muss.
Die Absicht war nie, eine Institution zu blamieren. Es ging darum, zu fragen, ob der globale Sport bereit ist, sich an die ethischen Standards zu halten, die er so oft proklamiert.
Diese Vorschläge und ähnliche Forderungen besorgter Menschen weltweit blieben unbeachtet.
Bereits vor dem Anpfiff berichteten Medien darüber, dass Athleten, SchiedsrichterInnen, Funktionäre und Fans auf Hindernisse stiessen, die viele von ihnen als diskriminierend, willkürlich und demütigend empfanden.
Zu den gemeldeten Vorfällen gehörten unter anderem:
- Das Visum des Schweizer Fussballers Breel Embolo wurde einer zusätzlichen Prüfung unterzogen, wodurch sich seine Ankunft verzögerte und er nicht wie geplant zu seiner Mannschaft stossen konnte.
- Der irakische Nationalspieler Aymen Hussein wurde Berichten zufolge bei seiner Einreise in die Vereinigten Staaten fast sieben Stunden lang befragt und festgehalten.
- Die iranische Nationalmannschaft verbrachte mehrere Tage damit, die Visumverfahren beim US-Konsulat in der Türkei zu durchlaufen. Der Mannschaft wurde die Einreise ausschliesslich an den Spieltagen gestattet, während fünfzehn Mitgliedern der Delegation das Visum verweigert wurde.
- Omar Abdulkadir Artan, der von der CAF zum besten afrikanischen Schiedsrichter des Jahres 2025 gekürt wurde, erhielt trotz seines Diplomatenpasses kein Visum und musste zurückkehren. Die FIFA gab später bekannt, dass er nicht als Schiedsrichter bei dem Turnier zum Einsatz kommen würde.
- Die südafrikanische Nationalmannschaft traf später als geplant ein, da einem Teil ihrer Delegation keine Visa erteilt worden waren.
- Mitglieder des Stabs der senegalesischen Nationalmannschaft mussten ihre Schuhe ausziehen und wurden langwierigen Durchsuchungen unterzogen. Dies führte zu Vorwürfen des Racial Profilings.
- Die usbekische Nationalmannschaft wurde mit Sprengstoffspürhunden durchsucht; Aufnahmen des Vorfalls wurden anschliessend in internationalen Medien verbreitet.
- Einigen schottischen Fans wurde kurz vor der Abreise die Einreisegenehmigung entzogen, obwohl sie nach den Regeln des ESTA-Programms visumfrei hätten einreisen dürfen.
- Die Visumanträge zahlreicher Fans wurden abgelehnt, obwohl sie bereits Tickets gekauft und Unterkünfte gebucht hatten. Viele von ihnen erlitten dadurch erhebliche finanzielle Verluste.
Jeder dieser Vorfälle lässt sich einzeln erklären. Zusammengenommen offenbaren sie jedoch ein erkennbares Muster.
Während manche Menschen sich frei und selbstverständlich durch die Welt bewegen, begegnet anderen bereits an der Grenze Misstrauen. Für die einen sind Grenzen reine Routineformalitäten, für die anderen hingegen Orte der Unsicherheit, der Demütigung und willkürlicher Macht. Die einen besitzen Pässe, die ihnen fast automatisch Türen öffnen. Die anderen müssen erfahren, dass ihre Würde an Bedingungen geknüpft ist – abhängig von Entscheidungen, die ohne Erklärung getroffen werden und gegen die sie sich nicht wirksam wehren können.
Es geht nicht darum, ob Staaten das Recht haben, ihre Grenzen zu sichern. Jede Gesellschaft muss sich mit legitimen Anliegen hinsichtlich Souveränität und öffentlicher Sicherheit auseinandersetzen. Die tiefere Frage ist jedoch eine kulturelle: Welche Formen von Würde haben wir als verhandelbar eingestuft? Wessen Unannehmlichkeiten gelten als akzeptabel? Ab wann wird die Ausübung von Autorität zur Normalisierung von Demütigung?
An dieser Stelle überschneidet sich die Diskussion mit dem Thema häusliche Gewalt.
Häusliche Gewalt wird oft als private Tragödie verstanden, die auf das eigene Zuhause beschränkt ist. Doch ihr bestimmendes Merkmal ist nicht nur körperliche Gewalt. Es handelt sich um ein Verhaltensmuster, bei dem wiederholt Macht und Kontrolle eingesetzt werden, um die Autonomie, Würde, Sicherheit und Freiheit einer anderen Person zu untergraben. Dazu können Einschüchterung, psychischer Druck, soziale Isolation, wirtschaftliche Abhängigkeit, Überwachung, Drohungen oder die schrittweise Aushöhlung des Selbstwertgefühls gehören.
Solche Dynamiken entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie entwickeln sich in Kulturen, die auf subtile und offene Weise vermitteln, dass Herrschaft gerechtfertigt sein kann, dass ungleiche Beziehungen natürlich sind und dass diejenigen, die Autorität besitzen, im Namen eines vermeintlich höheren Ziels andere entwürdigen dürfen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Visabeschränkungen mit häuslicher Gewalt gleichgesetzt werden können oder dass Einwanderungsbeamte mit häuslichen Gewalttätern vergleichbar wären. Die Beziehungen sind unterschiedlich und die Erfahrungen sind nicht dieselben.
Aber die zugrunde liegende kulturelle Logik verdient eine Untersuchung.
Wenn wiederholte Demütigung zur Normalität wird, wenn Kontrolle routinemässig über Gegenseitigkeit gestellt wird, wenn Misstrauen unverhältnismässig stark auf bestimmte Gruppen gerichtet ist und wenn von denjenigen, die ungleicher Behandlung ausgesetzt sind, erwartet wird, dass sie diese stillschweigend als Preis für Teilhabe hinnehmen, dann erleben wir Muster, die zu demselben übergeordneten Ökosystem der Herrschaft gehören.
Vielleicht ist dies eine der schwierigsten Lektionen unserer Zeit.
Gewalt ist nicht nur ein einzelnes Ereignis. Sie ist auch eine Kultur. Sie liegt in Denkweisen, in Institutionen und in Annahmen darüber, wer Vertrauen verdient und wer nicht, wer das Recht hat zu entscheiden und wer sich unterwerfen muss. Sie setzt sich fort, wann immer Würde an Bedingungen geknüpft und Menschlichkeit hierarchisch bewertet wird.
Wenn diese kulturelle Logik selbst internationale Veranstaltungen prägt, die unsere gemeinsame Menschlichkeit feiern sollen, dann sollte es uns nicht überraschen, dass sie auch in unseren Häusern, an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Schulen und Gemeinschaften auftaucht.
Die Herausforderung besteht also nicht nur darin, einzelne Ungerechtigkeiten zu verurteilen. Es geht vielmehr darum, die kulturellen Rahmenbedingungen zu hinterfragen, die solche Ungerechtigkeiten erst vorstellbar und akzeptabel machen.
Der internationale Sport bietet eine einzigartige Gelegenheit, eine andere Art des Miteinanders zu praktizieren. Er kann bekräftigen, dass Sicherheit keine Demütigung erfordert, dass Unterschiede kein Misstrauen hervorrufen müssen und dass Würde kein Privileg ist, das einigen gewährt und anderen vorenthalten wird.
Wenn die kulturellen Muster, die Gewalt aufrechterhalten, erlernt sind, können sie auch wieder verlernt werden.
Ein Spiegel klagt nicht an. Er spiegelt lediglich wider.
Der Spiegel war immer Teil der Geschichte, die wir geerbt haben. Er zeigte sich in den Warnungen, die bereits vor Beginn der WM ausgesprochen wurden. Er zeigte sich in der Einladung zum Dialog und in der Aufforderung an Institutionen, ihre Praktiken mit den von ihnen verkündeten Werten in Einklang zu bringen.
Die Tragödie besteht nicht darin, dass der Spiegel existierte.
Die Tragödie besteht darin, dass er ignoriert wurde.
Die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 wird letztlich vielleicht nicht nur wegen der Ereignisse auf dem Spielfeld in Erinnerung bleiben, sondern auch wegen dessen, was sie abseits davon offenbarte: eine Gelegenheit, zu fragen, welche Art von Kultur wir weitertragen – und welche Art von Kultur wir aufbauen wollen.
Denn das Spiel, das wir wirklich spielen, reicht weit über den Fussball hinaus.
In diesem Spiel können Gemeinschaft, Würde und unsere gemeinsame Menschlichkeit jedoch niemals wirklich gewinnen, solange Demütigung Teil der Regeln bleibt.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!
