In London hat die internationale Antikriegsbewegung versucht, aus Empörung wieder Organisation zu machen. Am 19. und 20. Juni 2026 kamen mehr als 2000 Aktivisten, Gewerkschafter, Parlamentarier, Studierende und Vertreter der Zivilgesellschaft zur International Conference Against War zusammen. Der Ort war bewusst gewählt: Die Hauptveranstaltung fand in der Central Hall Westminster statt, wo am 10. Januar 1946 die erste Generalversammlung der Vereinten Nationen eröffnet wurde. Achtzig Jahre später steht das Versprechen, künftige Generationen vor der Geissel des Krieges zu bewahren, erneut auf dem Prüfstand.
Im Zentrum stand nicht nur der Protest gegen einzelne Kriege, sondern die Kritik an einem ganzen System: steigende Militärbudgets, Rüstungsindustrie, Bündnisse, Debatten über Wehrpflicht und die Militarisierung von Schulen, Universitäten und öffentlicher Sprache. Die soziale Frage wurde direkt mit der Kriegsfrage verbunden. Geld, das für Gesundheit, Wohnen, Bildung, Verkehr, Löhne und Klimaschutz fehlt, fliesse in Waffen, Armeen und Kriegslogistik. «Wohlfahrt statt Krieg», «Löhne statt Waffen» und «Jobs statt Wehrpflicht» fassten diese Linie zusammen.
Ein Schwerpunkt war Palästina. Die Redner behandelten den Krieg nicht als isolierten Konflikt, sondern als Brennpunkt westlicher Doppelmoral: Besatzung, Rassismus, Waffenlieferungen und das Versagen internationaler Institutionen. Die Frage lautete nicht nur, wie Gewalt gestoppt werden kann, sondern warum Regierungen, die sich auf Recht und Menschenrechte berufen, Kriege politisch und materiell ermöglichen.
Stark vertreten war die Perspektive junger Menschen. In mehreren Ländern wird wieder über Wehrpflicht, Kriegsbereitschaft und nationale Resilienz gesprochen. In Grossbritannien steht die Defence Universities Alliance in der Kritik, weil sie Hochschulen enger mit Verteidigungsministerium, Streitkräften und Rüstungssektor verbindet. Aufrüstung erscheint damit nicht nur als Budgetfrage, sondern als kulturelles Projekt: Junge Menschen sollen an Krieg als Normalfall gewöhnt werden.
Die Konferenz versuchte zugleich, die Antikriegshaltung gegen Einseitigkeit zu sichern. Lindsey German von der Stop the War Coalition brachte es auf die Formel: Die Antwort auf US-Imperialismus dürfe nicht europäischer Imperialismus sein. Eine glaubwürdige Friedensbewegung müsse Besatzung, Dominanz, Aufrüstung und militärische Drohpolitik überall ablehnen – unabhängig davon, wer sie betreibt.
Neben der Kritik wurden Alternativen diskutiert. Sean Conner vom International Peace Bureau sprach von «gemeinsamer Sicherheit»: Die Sicherheit eines Staates dürfe nicht auf Kosten eines anderen aufgebaut werden. Daraus ergeben sich andere Prioritäten: Diplomatie, Abrüstung, Rüstungskontrolle, zivile Konfliktbearbeitung, gewaltfreier Widerstand, Friedensbildung und öffentliche Investitionen in das, was Menschen tatsächlich sicherer macht.
Bildungsdirektor Phill Gittins von «World beyond War » verband die aktuellen Kriege mit der Frage nach dem Kriegssystem selbst. Entscheidend sei, unmittelbares Leid nicht von den Strukturen zu trennen, die Krieg vorbereiten, finanzieren und normalisieren: Militärbasen, Rüstungsproduktion, Bündnispolitik, Feindbilder und die Vorstellung, Sicherheit entstehe durch Überlegenheit.
Der schwierigste Punkt bleibt die Umsetzung. Konferenzen produzieren oft starke Sätze, aber schwache Strukturen. Genau hier setzte der Londoner Anspruch an: Aus gemeinsamer Analyse soll gemeinsame Arbeit werden – über Ländergrenzen hinweg, in Gewerkschaften, Schulen, Universitäten, Parlamenten und lokalen Initiativen. Nötig seien Kampagnen, Bildungsmaterial, Jugendorganisation und Mobilisierung gegen Aufrüstung, Wehrpflicht, Militarisierung und Krieg.
Die Londoner Konferenz war Protest gegen die Kriege der Gegenwart und zugleich ein Versuch, der Friedensbewegung wieder strategische Tiefe zu geben. Frieden soll nicht länger nur als moralischer Wunsch erscheinen, sondern als organisierte Praxis.
Die Konferenzerklärung:
Nein zu Militarisierung und Wehrpflicht – Soziales statt Krieg
Von dieser Internationalen Antikriegskonferenz erheben wir gemeinsam unsere Stimmen: gegen Krieg und Völkermord, gegen die wachsende nukleare Bedrohung – und für den Frieden. Wir sind zusammengekommen, um Alarm zu schlagen: gegen den Kurs in den Krieg und gegen den Nationalismus und Rassismus, den er hervorbringt. Gemeinsam sagen wir Nein zu Aufrüstung und Wehrpflicht – und Ja zu gut finanziertem Gesundheitswesen, Bildung und öffentlichen Diensten, zu anständigen Arbeitsplätzen und höheren Löhnen.
Wir erkennen und verurteilen die Mitschuld jener Regierungen, die den Völkermord in Palästina ermöglicht haben und weiterhin ermöglichen; die das schreckliche Blutbad in der Ukraine angeheizt und einen Waffenstillstand behindert haben; die den souveränen Iran, Libanon und Jemen angegriffen haben und sich weiterhin weltweit an Kriegen und militärischen Interventionen beteiligen. Millionen Menschen sind dadurch tot oder verwundet, Infrastruktur wurde zerstört, Leben, Chancen und Hoffnungen wurden vernichtet – zur Rettung eines kapitalistischen Systems, das Krieg und Barbarei hervorbringt.
Wir akzeptieren den Absturz in Chaos und Krieg nicht, für den zu grossen Teilen der US-Imperialismus verantwortlich ist. Wir weisen Trumps politische und militärische Intervention in Venezuela, seine Kriegstreiberei gegenüber Kuba entschieden zurück und bekräftigen unsere Solidarität mit den Völkern aller Länder, die von Trump und seinen Verbündeten bedroht werden.
Wir erkennen und verurteilen auch die Rolle europäischer Regierungen, insbesondere jener von Starmer, Macron und Merz, bei der Eskalation des Kriegskurses. Wir lehnen ihre aktive Kriegsvorbereitung ab, die auf unserem Kontinent stattfindet, ebenso die ständig steigenden NATO-Militärausgaben. Wir verpflichten uns, diesen Kurs zu bekämpfen und umzukehren.
Wir weisen die Zerstörung unserer Gesellschaften zurück, die dadurch entsteht, dass öffentliches Vermögen aus unseren Gemeinden und öffentlichen Diensten geplündert und in die Taschen der Waffenproduzenten umgeleitet wird. Wir lassen uns nicht von der falschen Erzählung täuschen, Ausgaben für Waffen würden unsere Industrie und Wirtschaft erneuern. Wir werden gewerkschaftlichen Widerstand gegen Militärausgaben unterstützen und fördern.
Wir treten für echte Investitionen in unsere Gesellschaften ein, die arbeitenden Menschen und unseren vielfältigen Gemeinschaften wirkliche Sicherheit geben: für unsere Gesundheitssysteme, für anständige Löhne und Arbeitsbedingungen, für Verkehr, Bildung und Wohnen. Wir akzeptieren weder Wehrpflicht noch die Militarisierung der Bildung. Wir werden nicht zulassen, dass unsere Söhne und Töchter zum Töten und Sterben geschickt werden.
Wir stehen vor gewaltigen Widerständen und beispiellosen Herausforderungen. Heute erkennen wir: Wir können gegen die mächtigen Kräfte, die uns gegenüberstehen, nur wirksam sein, wenn wir international organisiert sind und strategisch im Interesse der Menschen arbeiten und handeln. Solidarität ist entscheidend – ebenso aber internationale Koordination, gemeinsam mit der Arbeiterbewegung, um gegen kriegstreibende Regierungen und steigende Militärausgaben Widerstand zu leisten. Wir werden gemeinsam daran arbeiten, dafür einen Rahmen zu entwickeln.
Der Aufbau dieser Bewegung ist entscheidend, um eine Zukunft für unseren Planeten und für die Menschheit zu sichern. Das ist unser Versprechen heute: eine unaufhaltsame Friedensbewegung zu organisieren, gegen das imperiale Projekt der USA, und für das Leben und die Lebensgrundlagen aller arbeitenden Menschen zu kämpfen – für eine andere, bessere Welt.
Wir rufen zur Beteiligung auf:
Oktober 2026 für Palästina – für ein Ende von drei Jahren Völkermord und Jahrzehnten von Besatzung und Apartheid.
Aktionswochenende gegen Militarisierung und Wehrpflicht: 21./22. November 2026.
Beteiligt euch am Aktionstag der Hafenarbeiter gegen den Krieg im Oktober; das genaue Datum wird noch bestätigt.
Wir rufen zudem dazu auf, das Konferenzlogo von Paris und London zu verbreiten, um unseren Aktionen internationale Sichtbarkeit und Inhalt zu geben, und Treffen sowie Initiativen zu unterstützen, die diesen Aufruf weitertragen.
Quelle:
World Beyond War: World Beyond War Takes Part in International Conference Against War in London. 21.6.2026
Weitere Quellen:
Stop the War Coalition: Breakthrough conference as thousands gather in London against war — offizieller Nachbericht der Organisatoren.
Counterfire: A big step in forging an international anti-war movement — ausführlicher Bericht mit Schwerpunkt auf Delegiertentreffen, Gewerkschaften, Palästina, Wehrpflicht und internationaler Koordination.
Socialist Worker: Calls for resistance at international conference against war in London.
Morning Star: Thousands gather for union-backed International Conference Against War.
Stop the War Coalition: Thousands gather in London to forge the future of anti-war movement — Videodokumentation beziehungsweise Aufzeichnung der Konferenzreden.