Die letzte Weihnacht der Andersdenkenden

Was vorher nicht lustig war, ist jetzt geradezu unverdaulich. Über das Satirevideo «Our last christmas» bei Deville SRF

Dominic Deville und seine Satireshow auf Fernsehen SRF fand ich schon vor Corona nicht lustig. Ich habe sie mir erspart und mich nicht ohne Wehmut an zwar seltene, aber brillante Höhepunkte aus der Ära Giacobbo-Müller erinnert. Seit das Virus grassiert, scheint auch Deville davon infiziert zu sein. Die Qualität seiner Sendung ist noch eine Schublade tiefer gerutscht, und sein Humor entpuppte sich mehr und mehr als verlängerter satirischer Arm der staatlichen Corona-Doktrin.

Was vorher nicht lustig war, wurde jetzt geradezu unverdaulich, denn die gegenwärtige Situation macht den meisten von uns doch zu sehr zu schaffen. Über billige Maskenspässchen mögen wir nicht mehr lachen. Da hätte ich mir bei Deville eine Haltung gewünscht, wie er sie bei anderen Themen bedenkenlos einnimmt: eine Haltung, die dem diktatorischen Kurs der Behörden und der Panikmache der Medien die wahre Kraft der Satire entgegenstellt.

Doch offenbar kommt es noch schlimmer. Vor einer Woche - von den Medien interessanterweise fast unbemerkt - zeigte der Moderator von Bersets Gnaden in seiner Show ein Satirevideo mit dem Titel «Our last Christmas». Was war darin zu sehen?

Bei «Our last christmas» handelt es sich im Original um ein deutsches Filmchen aus den 80er-Jahren, das coronagerecht synchronisiert und bearbeitet wurde.
Es zeigt eine Gruppe von aufgepeppten, ausgelassenen jungen Leuten, die zu einem Chalet im Wallis fahren, um dort eine Weihnachtsparty steigen zu lassen. Schon unterwegs vespotten sie alle Corona-Regeln und lachen über die Tante, der das Chalet gehörte. Bis sie der Tod durch Corona ereilte.

Die besorgte Mutter, die ihren Sohn zur Gondelbahn fährt und ihm dringend rät, sich auf das Virus testen zu lassen, wird von ihm und seinen dümmlichen Freunden nicht ernstgenommen. Während der Party küssen und umarmen sich alle nach Herzenslust, und für die mahnenden Worte von Bundesrat Berset im Fernsehen haben sie nur ein «Blablabla» übrig. Doch am Ende des Abends holt sie die Wirklichkeit ein: Alle beginnen zu husten und über Halsweh zu klagen.

In der Schlusssequenz - ein Jahr später - ist noch einmal der Sohn zu sehen, der es bitter bereut, nicht auf seine Mutter gehört zu haben. Hätte er sich doch testen lassen! Nun ist es zu spät: Das letzte Bild zeigt einen verschneiten Friedhof, der in stummer Anklage Hunderte von Gräbern umfasst. Und im Abspann heisst es: Eine Präventionskampagne des BAG. Dafür durfte sogar das offizielle Logo verwendet werden.

Das Lachen blieb mir im Hals stecken – aber nicht, weil der Sketch mich betroffen macht. Er entsetzt mich. Deville ruft mit dem Video unmissverständlich zur Hetze gegen all jene auf, die als Corona-Skeptiker gelten. Er stellt sie als verantwortungslose, vergnügungssüchtige Egoisten dar und bezichtigt sie indirekt am Tod Hunderter Menschen. Ungestraft darf er das Signet des Bundesamtes benützen - was allein schon eine Beschwerde gegen das Fernsehen legitimieren würde.

Die perfide Denunziation im Sonntagabendprogramm unseres staatlichen Senders hat mit diesem Scherzvideo ein Grad erreicht, das für mich keine Satire mehr ist, sondern übelste Propaganda. Und ich kann mir nicht helfen – so unstatthaft der Vergleich auch scheint: Nachdem ich das Video sah, kam mir «Jud Süss» in den Sinn, der eklige Propagandastreifen der Nazis, der die Hetze gegen die Juden schürte.

Das boshafte Karikieren und Lächerlichmachen von Andersdenkenden, sie darzustellen als eine Gefahr für die Braven im Staat, ist alles schon einmal dagewesen. Wann wird man damit beginnen, die Andersdenkenden zu verfolgen? Wann wird man ihnen den Platz auf der Parkbank verbieten, die Plätze im Bus, den Zutritt zum Kino? In der Schweiz, glaubte ich, werde es nie soweit kommen können. Ich möchte es immer noch glauben.

https://www.facebook.com/srfdeville/videos/684986902408376/

 

Über

Nicolas Lindt

Submitted by admin on Di, 11/17/2020 - 00:36
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Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Nicolas Lindt: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom – Porträts, Geschichten & Reportagen aus dem Jahr der Zürcher ‹Bewegung› 1980/81.  Zürich, 2020, Verlag edition 8. 316 Seiten. Fr. 24.–/€ 20.80