Die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation diagnose:funk sieht die Mobilfunkforschung an einem Wendepunkt: Eine neue methodisch sehr gut gemachte Studie der südkoreanischen Dongguk University sowie ein ausführlicher Review der Universitäten Athen und Kiew zeigen den biologischen (nicht-thermischen) Wirkmechanismus von Mobilfunkstrahlung auf.
„Die Mobilfunkforschung hat einen entscheidenden Entwicklungsschritt vollzogen“, sagt Peter Hensinger, zweiter Vorstand von diagnose:funk und Leiter des Bereichs Wissenschaft. „Die neuen Studien zeigen nicht nur biologische Effekte, sondern liefern schlüssige Erklärungen ihrer Entstehung. Sie untermauern damit, was Wissenschaftler:innen schon seit Jahren regelmäßig in ihren Versuchen sehen: Mobilfunkstrahlung weit unterhalb des thermischen Grenzwerts kann schädliche biologische Effekte auslösen. Damit verändert sich die wissenschaftliche Grundlage der Risikobewertung grundlegend. Die neuen Erkenntnisse zu Spermien und Gehirn zeigen zudem, dass stoffwechselaktive Organe empfindlich auf reale Mobilfunksignale reagieren können. Gleichzeitig wird klar, dass der heutige Grenzwert den Stand der biologischen Forschung nicht mehr widerspiegelt. Aus Vorsorgegründen ist eine unabhängige Neubewertung überfällig.“
Einen großen wissenschaftlichen Fortschritt liefert die in der Fachzeitschrift Cell veröffentlichte Studie von Kim et al. (2026). Die Autoren beschreiben einen molekularen Signalweg, über den elektromagnetische Felder im niederfrequenten Bereich die Aktivität von Genen beeinflussen können. Über einen Mechanismus, der auf Funkstrahlung reagiert, werden spannungsgesteuerte Kalziumkanäle aktiviert und anschließend die Genexpression beeinflusst.
Alle funkbasierten Kommunikationstechniken (Mobilfunk 2G, 3G, 4G, 5G; WLAN; Bluetooth; DECT) nutzen zwar hochfrequente Trägerfrequenzen zwischen 700 MHz und 6 GHz. Doch die hochfrequente Trägerfrequenz wird niederfrequent (10 Hz bis 200 Hz) gepulst sowie moduliert zur Datenübertragung eingesetzt. Die Arbeit von Panagopoulos et al. (2025) zeigt, dass nicht die hochfrequente Trägerwelle allein, sondern insbesondere die niederfrequente Pulsung und Modulation realer Mobilfunksignale biologisch entscheidend sind.
Mit diesen beiden Studien erhält die seit Jahren geführte Diskussion über nicht-thermische Wirkungen eine belastbare weitere mechanistische Grundlage. Besonders bemerkenswert ist der Nachweis, dass die gepulste, modulierte Strahlung handelsüblicher Smartphones teilweise stärkere Wirkungen hervorruft als ungepulste Strahlung gleicher Frequenz von Signalgeneratoren aus dem Labor, wie sie das Bundesamt für Strahlenschutz bevorzugt. Die biologische Auswirkung wird durch die Verwendung handelsüblicher Smartphones mit echten Mobilfunksignalen jedoch viel besser abgebildet, weil dies der alltäglichen Situation entspricht.