Heute anders #8: Stopp! Erst ein stehender Zug kann die Richtung ändern

Wozu es gut ist, Gewohnheiten zu verändern und ein wenig durchzuknallen. Kolumne.

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Wer kennt das nicht? Du bist kürzlich umgezogen, fährst wie gewohnt zur Arbeit und auf dem Rückweg findest du dich plötzlich auf der Strasse zum alten Wohnort. Mist! Kreuzung verpasst – mit Umweg also ins Neue Leben.

Gewohnheiten sind nicht per se schlecht. Manchmal können sie nützlich sein. Dann nämlich, wenn wir uns dank der Routine auf anderes konzentrieren können. So etwa beim Autofahren, wenn Dinge wie Schalten automatisch geschehen und wir uns auf das Strassengeschehen achten können. Gefährlich wird es, wenn wir den Weg so gut kennen, dass wir ihn im Schlaf fahren könnten und deshalb weniger achtsam auf das momentane Geschehen reagieren. Wie schnell tritt doch eine ungewohnte Situation auf – eine Katze oder ein Kind, rennt auf die Strasse – und alles ist plötzlich anders.

Nun gibt es weniger dramatische Gewohnheiten, die trotzdem schaden können: uns selber oder unserer Umwelt. Wir rauchen vielleicht, trinken zu oft, essen zu viel und zu ungesund, jagen von einem Termin zum andern, leben in einem inneren und äusseren Stress oder belasten unsere Umwelt mit schädlichem Verhalten. Obwohl uns die negativen Konsequenzen bekannt sind, können wir nicht anders, als immer wieder in den gleichen Bahnen zu drehen. Wie ein Zug, der seinen Geleisen folgt, fällt es uns schwer, unser Verhalten zu ändern. Würde dies doch einen riesigen Kraftaufwand bedeuten, bei dem es leider längst nicht genügt, ihn nur ein einziges Mal zu leisten. Oft werden dann unsere Bemühungen mit der lapidaren Bemerkung quittiert: Dir fehlt es an Willenskraft! Zum eigenen Frust über das Versagen kommt nun auch noch die Entwertung hinzu. Die Welt ist gemein! Frustriert fallen wir erst recht und trotzig in alte Gewohnheiten zurück.

Doch das muss nicht so sein. Wir können in kleinen Schritten an unserem Verhalten arbeiten, so wie wir auch eine Bewegung, eine Haltung, einen Muskel trainieren. Was nach Anstrengung und Sport klingt, kann auch zu einem lustvollen Spiel gemacht werden, indem wir damit anfangen, kleine gewohnte Verhaltensmuster zu verändern. Durchbrechen wir beispielsweise unsere alltägliche Aufstehroutine, indem wir die Reihenfolge der Abläufe verändern und darauf achten, wie sich das anfühlt. Oder verrichten wir Arbeiten, bei denen das Resultat nicht so wichtig ist, mit unserer ungewohnten Hand, als Rechtshändler also mal mit der linken Hand. Kurzum: Versuchen wir fantasievoll und regelmässig, eine neue kleine Verhaltensveränderung vorzunehmen. Dies macht Spass und wir werden anfangen uns lebendiger zu fühlen. Dies aus dem Grund, weil wir damit wieder in den Kleinkind-Modus zurückfinden, bei dem selbst kleinste Tätigkeiten ein Abenteuer waren.

Wenn uns dies gelingt, können wir uns überlegen, welche Dinge wir immer gerne mal gemacht hätten, sie uns aber nicht erlaubt worden waren. Es können Sachen sein, wie im Regen tanzen, durch eine Pfütze stampfen, ganz alleine einen ganzen Kuchen verzehren oder mit Strassenkreiden eine freche Botschaft auf die Strasse schreiben. Vielleicht erinnern wir uns daran, was wir als Kinder gerne taten und versuchen es heute wiederzuerleben. Zu oft erlauben wir uns vor lauter Erwachsenen-Routine nicht, einfach in voller Lebendigkeit zu geniessen und auch einmal ein wenig durchgeknallt zu sein.

Vermutlich fragst du dich, wofür das gut sein soll…? Gewohnheiten zu durchbrechen, das macht unser Denken und Handeln flexibler, fördert unsere Kreativität, bringt uns in Kontakt mit unserer eigenen Mitte und hält uns lebendig, gesund und innerlich jung. Mir selber hat es geholfen, mich immer wieder unkonventionell und unerwartet zu verhalten. So hatte ich noch kleine Kinder, als diese bei gleichaltrigen Eltern schon alle flügge wurden, durchlitt später die Pubertät meiner Kinder zeitgleich mit meinen Wechseljahren. Ich habe meine Praxis und mein selbstumgebautes Eigenheim aufgegeben, um an einem anderen Ort ganz neu anzufangen, und habe mich nach meiner Pensionierung beruflich neu orientiert, statt mich auf dem sogenannten Altenteil auszuruhen. So kann ich erfüllt und gelassen auf mein Ende blicken, im Wissen, dass ich meine Zeit genutzt und intensiv gelebt habe, manchmal auch ein wenig ver-rückt. Weiter geht’s…!
 

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Mirjam Rigamonti Largey aus Rapperswil in St. Gallen ist Psychotherapeutin, hat Psychologie, Religions-Ethnologie und Ethnomedizin studiert, arbeitet als Kunstschaffende, freie Schriftstellerin und als Friedensaktivistin.

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